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RENTNER Kraft durch Arbeit

aus DER SPIEGEL 13/1966

Statt in seine Sprechstunde bestellte

der Göttinger praktische Arzt Dr. Friedrich Lezius Anfang November vergangenen Jahres acht Rentner und Pensionäre in eine Werkhalle. Dort durften sie kleine Metallbolzen in quadratische Holzstücke hämmern.

Letzte Woche waren bereits 25 alte Knaben in der Göttinger Jungmühle am Werkeln. Lezius: »Die Leute sind alle froh und zufrieden. Sie wissen endlich wieder, was sie mit sich anfangen sollen.«

Sinn des in der Bundesrepublik völlig neuartigen Versuches ist es, zu prüfen, ob die Beschäftigungs-Therapie ein wirklich wirksames Mittel gegen

Pensionierungsschock und den oft damit verquickten Pensionierungstod darstellt. Versuchsleiter Lezius, selber schon 72: »Wir können schon jetzt sagen, daß wir in unserer Alten-Werkstatt genau diejenigen beglückenden medizinischen Erfolge verzeichnen, die wir erwartet haben.«

Den Anstoß zu dem Göttinger Experiment hatten Untersuchungen des Hamburger Professors Dr. med. Arthur Jores über den Pensionierungsschock gegeben, der bei sechs bis zehn Prozent der betagten Menschen dazu führt, daß sie sich nicht mehr allein im Leben zurechtfinden.

Die gleichen Erfahrungen hatte Lezius in seiner Praxis gewonnen: »Die Pensionäre werden aus Mangel an Tätigkeit krank, und Unsummen werden für die ärztliche Behandlung und für Medikamente vergeudet. Tatenlos, vergrämt, häufig eine Plage für die Familie, die Umgebung und die Gesellschaft, dämmern sie dem Pensionierungstod entgegen. Dabei sind es meist besonders liebenswerte und wertvolle Menschen, die wir retten können.«

Zur Rettung der Geschockten, die an einem »absoluten Stau der Entfaltungsmöglichkeiten« leiden, regte Dr. Lezius schon 1962 die Einrichtung einer Alten -Werkstatt an. Denn Wissenschaftler hatten ihm die Erkenntnis bestätigt, daß leichte Arbeit im hohen Alter lebensverlängernd wirkt.

Der Mediziner gründete einen »Verein zur Förderung der Altenwerkstätten in Göttingen«, dem mittlerweile über hundert Mitglieder angehören, und warb mit Flugblättern um weitere Unterstützung für sein Vorhaben: »Sinnvolle, produktive Arbeit in guter Kollegialität und Kameradschaft kann (den Pensionären) das Leben lebenswert machen ... Nur Altenwerkstätten ... können helfen und müssen eine neue Kategorie der Sorge für die Alten einleiten.«

In Berlin fand die Lezius-Idee bereits Nachahmer: Zwei Bastelstuben für alte Leute wurden eingerichtet. Doch sonst in Deutschland beschränkt sich die Hilfe für betagte Menschen noch immer auf den Bau von Heimen, Wohnungen und Begegnungsstätten. Lezius dagegen betrachtet die Grauköpfe nicht als bloße

Fürsorgeobjekte; er will ihre Kräfte für die Gesellschaft nutzen.

Im holländischen Eindhoven fand der Arzt einen Betagten-Betrieb nach seinen Vorstellungen: In modernen Werkstätten - Motto: »Sterk door Werk« (Kraft durch Arbeit) - verrichteten dort 270 Philips-Pensionäre täglich drei Stunden lang unkomplizierte Montagearbeit. Lezius, der, zuletzt mit 35 Göttinger Alten, die niederländische Industriestadt mehrmals besuchte, erinnert sich: »Jedesmal waren wir tief beeindruckt von ... der großen Schar froh arbeitender und glücklicher alter Männer. Das holländische Modell ist für jeden Ort Deutschlands ... anwendbar.« Mit Hilfe privater Spenden und ohne Zuschüsse von Behörden richtete der Göttinger Alten-Verein in einer unbenutzten Werkstatt des Bundesbahn-Ausbesserungswerks das erste deutsche Bastelwerk für betagte Bürger ein.

Wo zuvor Jung-Bundesbahner das Feilen erlernt hatten, kamen von nun an täglich drei Stunden lang mehr als zwanzig alte Herren zusammen, darunter ein Bundesbahnoberamtmann im Ruhestand, ehemalige Klempner und andere Handwerker, die nichts mehr zu tun hatten.

Zu regelmäßigem Erscheinen ist niemand verpflichtet. An selbstgetischlerten Werkbänken, ihre Zigarre oder Pfeife im Mund, erledigen die Pensionäre leichte Flecht- und Montagearbeiten für die Ilse-Möbelfabrik in Uslar. Anschlußaufträge hat Dr. Lezius schon in der Tasche: »Wir haben mehr Arbeit, als wir erledigen können.«

Der von der Fabrik an den Alten -Verein gezahlte Gesamterlös wird monatlich unter den Arbeitenden verteilt, die alle Vereinsmitglieder sind.

Doch der Lebensabend-Lohn spielt für die alten Göttinger nicht die entscheidende Rolle; am wichtigsten ist auch für sie der beschäftigungstherapeutische Gesichtspunkt des Unternehmens, das nach dem Wunsch von Dr. Lezius wie in Berlin »als Initialzündung für gleiche Vorhaben« wirken soll.

Die Folgen der Bastel-Therapie machen sich unterdessen auch in den Familien der Veteranen bemerkbar. So verriet einer der Lezius-Stammarbeiter: »Ich habe mich schon die ganzen Wochen nicht mehr mit meiner Frau gezankt.«

Pensionisten-Werkstatt in Göttingen: Quadratur des Bolzens

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