Zur Ausgabe
Artikel 18 / 59

FLÜCHTLINGE Kraft für jeden

aus DER SPIEGEL 27/1950

Es ist so weit, in Ratzeburgs alter Jäger-Kaserne unterschrieb Waldemar Kraft den Mob-Befehl. Anschließend versammelten sich viele Hunderte von Heimatvertriebenen auf den holsteinischen Feldmarken.

Die Gemeindesäle auf dem Lande reichten nicht aus, um dieses Flüchtlingsaufgebot zu fassen, das Organisator Waldemar Kraft in ganz Schleswig-Holstein auf die Beine gebracht hat.

Die Ratzeburger Kaserne in der Herrenstraße ist das Hauptquartier des »Blockes der Heimatvertriebenen und Entrechteten«, und Waldemar Kraft, 52, vierschrötig mit breitflächigem Gesicht, oberster Blockvorsitzender. Er machte alles mobil, um diese zukunftsreichste der neugegründeten Parteien am 9. Juli, dem Tag der schleswig-holsteinischen Landtagswahl, siegreich zum ersten Bewährungseinsatz zu führen.

Seit Monaten freut sich Kraft auf diesen Tag, den ihm die Altparteien nicht gönnten. Aber er hat seinen Willen durchgesetzt, den Flüchtlingen außer ihrem landsmannschaftlichen Zusammenschluß im »Zentralverband der Heimatvertriebenen« eine aktive politische Konzeption zu geben.

»Die ist elastisch wie Kaugummi und aus den verschiedenen bereits vorhanden gewesenen Parteiprogrammen herausgesogen - wie Kraftbrühe«, sagen Krafts Widersacher. Dennoch aber oder gerade deshalb lockt sie die Massen an.

Waldemar Kraft verspricht allen Hilfe und Heilung: ausreichenden Minimallohn, soziale Steuerpolitik. Anpassung der Sozialbezüge an die Kaufkraft der DM, gerechte Wohnraumverteilung, Aufwertung der Ostsparguthaben der Flüchtlinge, beschleunigte Beitreibung der Soforthilfe auch aus der notleidenden Landwirtschaft.

»Wir machen den Vorschlag, daß jeder Bauernhof, dessen Eigentümer sich weigert, die Soforthilfeabgabe zu bezahlen, zu landesüblichen Bedingungen an einen vertriebenen Landwirt verpachtet wird. Dann wollen wir mal sehen, ob die Ostlandwirte imstande sind, nicht nur die Soforthilfeabgabe herauszuwirtschaften, sondern sich auch selbst eine erträgliche Existenz zu schaffen.«

Solche Forderungen hören nicht nur die Flüchtlinge gern. Kraft ist nach langer Generalstabsbesprechung mit seinen Stabshelfern dazu übergegangen, um seinen Flüchtlingsparteilern eine größere politische Frucht wachsen zu lassen. Er sah sich unter den Mühseligen und Beladenen im Lande Schleswig-Holstein um und gründete gleich einen umfassenden sozialen Missionstrust, eben den Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE).

»Unter Entrechteten kann jeder verstehen, was er will«, lächelt der Blockführer. »Weltanschauungen sind Scheuklappen. Die entscheidenden Impulse zur Erneuerung des politischen Lebens in Deutschland müssen von den Flüchtlingen ausgehen. Wir sind eine soziale Bewegung - aber ohne Klassenkampf. Denn unter den Vertriebenen befinden sich alle sozialen Schichten, vom Großagrarier bis zum Handarbeiter, und alle gleich arm.«

Offizielle Flüchtlingsvertreter wie M.d.B. Dr. Linus Kather und Flüchtlingsminister Dr. Lukaschek sind gegen diese Flüchtlingszusammenrottung. »Mit Interessenparteien haben wir schlechte Erfahrungen gemacht«, spie Dr. Kather in die Kraftbrühe. Die politisch aktiven Flüchtlinge soliten sich in den bestehenden Parteien betätigen, beispielsweise in der CDU von Dr. Kather.

Die Heimatvertriebenen hätten ja Vertreter im Bundestag (61 Abgeordnete = 15,2 Prozent des Plenums), das entspräche etwa dem Vertriebenenanteil in der Bundesrepublik (7,6 Mill. = 15,8 Prozent der Gesamtbevölkerung). »Ich halte es deshalb nicht für richtig, ihnen durch den BHE den Boden unter den Füßen wegzuziehen und ihrer Stimme das Gewicht zu nehmen.«

»Faule Kiste« schrieb Kraft an Kathers Briefrand. »Sagen Sie bloß, Minister Dr. Seebohm (DP), der als Flüchtlingsvertreter im Bundestag figuriert, sei ein echter Flüchtling. Der hat ja erst im Juli 49 entdeckt, daß er 'auch-Heimatvertriebener' ist.«

Dr. Seebohm, 1903 in Emanuelssegen bei Kattowitz geboren, aß als Junge öfters Schlesisches Himmelreich, aber später lebte er hauptsächlich westlich der Oder und der Neiße.

»Bisher waren die Flüchtlinge in allen Parteien in der Minderheit, jetzt werden sie Schwerpunkt!« donnerte Kraft. »Und erst recht ein Dorn im Fleisch der Altbürgerschaft«, warnte Flüchtlingsminister Hans Lukaschek. Von dem wollen Kraft und seine Gefolgschaft am allerwenigsten Lehren annehmen. Als Waldemar Kraft dem Minister auf einer Flüchtlingsversammlung in Lübeck angriff, wollte er die Zulassung des BHE nicht gebremst haben. »Ich stehe in der CDU, aber ich will den Flüchtlingen unter keinen Umständen das Recht absprechen, sich politisch zu orientieren, wie sie es wünschen.«

»Rübezahl« - so nennen seine schlesischen Landsleute den 67jährigen in Breslau geborenen Minister - wurde fast so unruhig dabei wie auf dem letzten Schiesier- und Sudetendeutschen-Treffen in Hamburg. Da zitterte er: »Helft mir bei meiner fürchterlichen Aufgabe.« Die Hilfsbedürftigen waren recht betroffen. Kein Wunder, daß sie Kraft recht geben: »Auf den Posten des Flüchtlingsministers gehört nicht ein hilfsloser Greis, sondern ein kräftiger Mann mit Herz und Verstand.«

Die Sozialdemokraten bremsten noch mehr. Dem Flüchtlingsblock verdanken sie die meisten Abgänge aus ihrer Parteiorganisation. 70 Prozent der aus der SPD Ausgetretenen sind Heimatvertriebene.

Die SPD hat mit ihnen kein Glück gehabt, obwohl sie sich von allen Parteien am lautesten für sie ins Zeug gelegt hat. Dafür bekam sie die Quittung von den 1,4 Millionen Einheimischen, deren Meinung über die lästige Invasion der 1,2 Millionen Flüchtlinge 1946 im »Kieler Kurier« zu lesen war:

»Es ist doch unser Land, und niemand läßt sich gern von Fremden regieren. Daß durch die sinnlose Völkerwanderung die Gefahr einer verflachenden Stämmevermischung und einer Verfälschung besonderer völkischer Vorzüge besteht, ist schon bedauerlich genug ...«

Die SPD hat nach Meinung der Flüchtlinge zu wenig für sie getan, nach Ansicht der Einheimischen zu viel - wenn sie sich z. B. auf dem Lande gegenüber großbäuerlichen Starrsinn für menschenwürdige Unterbringung der Vertriebenen einsetzte.

»Aber die SPD-Regierung hat auf der ganzen Linie versagt«, agitiert Kraft. Sie habe viel zu üppig gelebt. Beispiel: Bordfeste in Travemünde als Gäste des berüchtigten Zigarettenfabrikanten Weli Derwisch*), der als größter Steuerzahler Schleswig-Holsteins poussiert wurde. Es gehöre sich nicht für Regierungsmitglieder, mit Nachkriegsgewinnlern Feste zu feiern, solange die Flüchtlinge noch Not leiden.

Kurz vor Toresschluß habe die Regierung 17 beamteneigene Wagen stillgelegt, die durch Kilometergelder amortisiert wurden. Da sei gefahren und gefahren worden, bis schließlich Innenminister Käber selbst habe einschreiten müssen. »Typische Korruptionswirtschaft«, schimpft Waldemar Kraft.

Er tut das mit besonderem Vergnügen, um sich für die Knüppel zu rächen, die ihm die Sozialdemokraten aus böser Konkurrenzangst zwischen die langen Beine geworfen haben. Bis die Besatzungsbehörden am 27. März die Lizenzierungspflicht politischer Parteien aufhoben.

»Darauf versuchten sie, uns zu diffamieren«, giftet Kraft. Möwenhaus-Lüdemann, ehemals Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, ließ in der Lübecker Freien SP-Presse provokatorisch fragen: »Wer bist Du?« Gemeint waren Kraft und sein Stellvertreter Dr. Alfred Gille, letzter Bürgermeister aus dem ostpreußischen Lötzen. Lüdemann will ihnen unbedingt eine braune Weste anziehen und peilt bei Kraft in Richtung Treuhandstelle Ost. (Da war Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Hinrich Kopf aber auch.)

Kraft treibt nicht nur Jedermann-Politik mit seinem Parteiprogramm, sondern auch mit seinen Kandidaten. Für jede Kategorie der Entrechteten einen attraktiven Mann. Wilhelm Graf Finck von Finckenstein, Jahrgang 1911, z. B. für die ehemaligen Berufsoffiziere ("Er hat nach 45 als Deich- und Straßenarbeiter mit Hand angelegt.") Den pommerschen Landadeligen Hans von Herwarth für die enterbten Großagrarier aus dem Osten und für die Entrechteten aus den Einheimischenkreisen (das gibt es auch!) Hermann Struck, ausgebombter Kaufmann aus Kiel.

Wenn die Wahl in Schleswig-Holstein erledigt ist, will Kraft mit seinem Stab weiterziehen. Auf nach Niedersachsen und auch dort die Entrechteten für den BHE gewinnen. Dann soll der Block auf Bundesebene organisiert werden. Bonn wurde breits aufmerksam und möchte Kraft wegengagieren. Er könnte gefährlich werden. Aber Kraft blieb stark. Wahlstrategen im SPD- und CDU-Lager rechnen mit dem BHE als Koalitionspartner in der kommenden Landesregierung.

»Das wird Krafts Untergang«, wünschen seine Widersacher aus den Weltanschauungsparteien. »Er wird wie der Bettlerkönig Peachum aus der Drei-Groschen-Oper von seiner eigenen Entrechteten-Truppe überrannt werden. Wer soziale Versprechungen abgibt, der muß sie auch erfüllen können, sonst erlebt er dasselbe Fiasko wie die SPD. Woher will aber Kraft die Mittel nehmen?«

*) Als Derwisch endlich der Prozeß gemacht wurde, erhängte er sich im Lübecker Untersuchungsgefängnis. Er hat angeblich über 5 Millionen DM Steuern hinterzogen und soll in seiner Zigarettenfabrik gefälschte Steuerbanderolen verwendet haben.

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 59
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.