Zur Ausgabe
Artikel 46 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ISRAEL Kranker Kopf

Die arabische Bevölkerung Israels wächst schneller als die jüdische. Rechte Israelis wissen Abhilfe: Aussiedlung aller Araber. *
aus DER SPIEGEL 32/1987

Jassir Arafat war zuversichtlich: »Wir werden Israel auch ohne einen nochmaligen Krieg bezwingen.« Erreichen möchte er dieses Ziel dank einer »biologischen Zeitbombe«. Denn »die palästinensische Frau bringt schon zehn Monate nach einer Geburt abermals einen Palästinenser zur Welt«, prahlte der (kinderlose) PLO-Boss. Also werde es im Jahre 2000 mehr Araber als Juden in Palästina geben.

Völlig grundlos scheint Arafats Optimismus nicht. Professor Arnon Sofer von der Universität Haifa etwa befürchtet, es sei lediglich eine Zeitfrage, »bis Israels Araber die jüdische Bevölkerung majorisieren werden«.

Besonders gefährlich könnte die Lage werden, wenn Israel die seit 1967 besetzten Araber-Gebiete behält oder gar annektiert. Zwar haben sich in diesen Gebieten etwa 60000 Juden niedergelassen. Doch gleichzeitig wurden dort 70000 arabische Kinder geboren.

Den 3,5 Millionen Juden im sogenannten Groß-Israel stehen heute bereits 2,1 Millionen Araber gegenüber. Bevölkerungsstatistiker glauben, daß sich das Verhältnis am Ende des Jahrhunderts zuungunsten Israels verändert haben wird: 4,3 Millionen Juden gegen 3,7 Millionen Araber.

Das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan wäre dann laut Sofer »de facto ein binationaler Staat mit einander befehdenden Bevölkerungsgruppen wie in Nordirland, Sri Lanka, Zypern und dem Baskenland«. Reservegeneral Jehoschafat Harkabi, früher Chef der militärischen Abwehr, befürchtet: »Langfristig kann das zum nationalen Selbstmord führen.«

Daß der Zuwachs der arabischen Bevölkerung nicht noch größer war, verdankt Israel vorrangig dem Erdölboom der 70er Jahre. Damals waren Zehntausende Araber vom besetzten Jordan-Westufer auf der Suche nach Arbeit in die Golfstaaten gezogen. Die Wirtschaftskrise der Erdölländer treibt jedoch diese zeitweiligen Emigranten in ihre Heimatdörfer zurück.

Gleichzeitig wandern viele Juden aus dem Gelobten Land wieder ab, vorwiegend in das Dorado weltlicher Verheißungen, die USA. Durchschnittlich 15000 Israelis ziehen alljährlich zu den fernen Fleischtöpfen - meistens qualifizierte junge Leute aus dem Mittelstand. Unter den mindestens 350000 »jordim« (Auswanderern) in Amerika sind 40000 Akademiker, davon 10000 Ingenieure, für Israel ein schwerer Aderlaß.

Diese früher wie Fahnenflucht angesehene, neuerdings von der Öffentlichkeit aber akzeptierte Abwanderung könnte sogar noch zunehmen. Immerhin erklärten unlängst fast 20 Prozent der Israelis zwischen 19 und 28 Jahren, sie würden eine solche Möglichkeit erwägen.

Noch bedenklicher wird Israels demographische Bilanz vor dem Hintergrund von Berechnungen, nach denen die Zahl der Juden auf der Welt bis zur Jahrtausendwende von jetzt 9,5 Millionen auf 8 Millionen zurückgehen wird, wie der Statistiker Professor Roberto Bachi glaubt.

Um all diesen Gefahren zu begegnen, propagiert der rechtsextreme Regierungschef Jizchak Schamir verstärkte Einwanderung und empfiehlt eine »zionistische Antwort": mehr Geburten bei den Juden - beides kaum erreichbar.

Denn die starke Einwanderung der Anfangsjahre des Staates ist längst auf allenfalls 10000 Neuankömmlinge jährlich geschrumpft. Und den durchschnittlich 2,5 Kindern der jüdischen Familien Israels stehen 6,4 Kinder je arabischer Familie gegenüber.

Die sozialdemokratische Arbeitspartei IAP sieht nur eine Rettungschance: Verzicht auf einen Teil der zwangsverwalteten arabischen Gebiete. So allein könne Israel »ein jüdischer und demokratischer Staat bleiben«, warnte der stellvertretende Ministerpräsident und Außenminister Schimon Peres. Ein Groß-Israel in den gegenwärtigen Grenzen hingegen würde ein binationaler oder Apartheid-Staat mit drastisch beschränkten Rechten für die arabische Bevölkerung.

Doch am reaktionären Flügel des politischen Spektrums werden völlig andere Losungen und Lösungen verkündet.

Die rechtslastige Tehija-Partei möchte eine halbe Million Palästinenser, die in 14 westjordanischen Flüchtlingslagern leben, in die arabischen Länder aussiedeln. Die in einem Groß-Israel verbleibenden Araber, »die sich anständig zu verhalten haben«, dürften dann als Fremde in der Heimat weder Wahlrecht noch Gleichberechtigung genießen.

Ein noch radikaleres Vorgehen pries der frühere General Rechawaam Seewi an: einen Transfer der Araber aus den besetzten Gebieten nach Jordanien. Landesvertreibung will er darin nicht sehen, großzügige Entschädigungen müßten bereitgestellt werden. Seewi: »Das wird uns viel Geld kosten. Aber für die Heimat ist kein Preis zu hoch.«

Eine Umfrage ergab, daß 50,4 Prozent der Israelis eine solche Radikallösung bejahen, obschon nur 14,4 Prozent sie als durchführbar ansehen.

Vergangene Woche sprach sich erstmals sogar ein Regierungsmitglied für die Übersiedlung der Araber aus, der Vize-Verteidigungsminister Michael Dekel vom rechten Likud-Block. Der Westen, so phantasierte er, müsse eine »Repatriierung der Palästinenser« ermutigen und mitfinanzieren, weil nur auf diese Weise Ruhe einkehre in Nahost.

Das ging nun selbst dem Regierungschef Schamir zu weit: Dekel habe »nicht im Namen der Partei« gesprochen, erklärte er.

Außenminister Peres hielt mit seinem Urteil über diesen Kabinettskollegen nicht zurück: »Nur ein kranker Kopf kann derartige teuflische Gedanken hegen.«

Und Israel Kessar, Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes Histadrut, äußerte sich noch klarer: Er fand, das Ganze sei »zum Kotzen«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 46 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.