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GROSSBRITANNIEN Kranker Norden

aus DER SPIEGEL 50/1999

Für die Armen im Vereinigten Königreich führt der von Premierminister Tony Blair propagierte »Dritte Weg« zwischen Kapitalismus und Sozialismus nicht direkt in bessere Zeiten. Wie der Regierungsbericht zum »Wohlstand der Nation« jetzt offenbart, sinken besonders große Teile des Nordens - einst industrielle Zentren des Landes - immer mehr herab, während London und der Süden vom Wirtschaftsboom profitieren. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen in der Stadt Wokingham westlich der Hauptstadt ist fast doppelt so hoch wie etwa im Glasgower Stadtteil Springburn. Wie zudem Soziologen der Universität Bristol gerade in einer viel beachteten Studie ausgeführt haben, drückt sich das Nord-Süd-Gefälle im Königreich auch darin aus, dass die Säuglingssterblichkeit in den armen Vierteln Glasgows mehr als doppelt so hoch ist wie in den wohlhabenden Regionen. Die Zahl der chronisch Kranken ist fast dreimal so hoch. In armen Familien hat sich seit Anfang der achtziger Jahre die Zahl der Kinder mehr als verdreifacht. Der Labour-Regierung ist es trotz aller Bekenntnisse zu einer »faireren Gesellschaft« seit ihrem Amtsantritt im Mai 1997 noch nicht gelungen, diesen Trend umzukehren. Wie die Bristoler Soziologen nachweisen, ist trotz geringerer Arbeitslosigkeit die Anzahl der Menschen mit sehr geringem Einkommen weiter gewachsen. Um Kritik zu begegnen, reiste Blair einen Tag vor der Veröffentlichung der Regierungsstudie über die Nord-Süd-Spaltung der Nation in den Norden, um dort mit den Worten »Es ist Zeit, ein größeres Tempo vorzulegen« neue Anstrengungen im Kampf gegen die Armut zu versprechen.

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