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Gifte Kreislauf des Todes

Große Mengen dioxinverseuchten Baustoffs, mit denen zahllose Spiel- und Sportplätze ausgelegt wurden, vergiften die Atemluft.
aus DER SPIEGEL 19/1991

Zuerst wollte den Alarm aus Bremen niemand so recht ernst nehmen, als Beamte der Umweltsenatorin Eva-Maria Lemke-Schulte (SPD) auf Spiel- und Sportplätzen extrem hohe Werte des Supergifts Dioxin entdeckt hatten. Die Kommunen spielten die Gefahr herunter, die Umweltminister bildeten erst einmal Arbeitsgruppen.

Weitere Gemächlichkeit könnte sich als Bedrohung für Millionen von Menschen erweisen. Ursache der Verseuchung in vielen Gemeinden, die bisher rund 300 Spiel- und Sportplätze wegen akuter Vergiftungsgefahr gesperrt haben, sind Rückstände aus der Kupfergewinnung während des Zweiten Weltkriegs.

Das giftige Zeug aus dem sauerländischen Marsberg war bis 1978 als Baustoff unter dem Markennamen Kieselrot an Sport- und Gartenämter in der Bundesrepublik, an Gemeinden in Frankreich, Belgien, Holland und Dänemark geliefert worden. Der Düsseldorfer Umweltminister Klaus Matthiesen (SPD): »Ein gigantisches Problem.«

Bisher sind den Behörden nur rund 300 Einrichtungen in Deutschland und Holland bekannt, die mit giftigem Kieselrot verseucht sein könnten. Diese Annahmen beruhen auf einer unvollständigen Lieferliste der damaligen Marsberger Tiefbaufirma Möllmann.

Inzwischen gilt jedoch als sicher, daß mindestens 800 000 Tonnen Dioxin-Schlacke vermarktet wurden - genug Kieselrot für über 3000 Bolz- und Spielplätze. Damit nicht genug: In Marsberg schätzen städtische Angestellte und frühere Mitarbeiter von Transportfirmen, daß mindestens eine Million Tonnen Kieselrot, womöglich sogar fünf Millionen Tonnen über Mitteleuropa verstreut worden sind.

Damit ist der schwarzrote Baustoff aus dem Sauerland die »größte Dioxin-Einzelquelle, die bislang jemals geortet wurde«, so der Chemiker Michael Braungart vom Hamburger Umweltinstitut. Die darin in Spuren enthaltene Chlorverbindung, die Chemiker für 67 000mal giftiger halten als Zyankali, bedroht nicht nur Kinder und Sportler auf den verseuchten Plätzen. Da die Schlacke, so warnen Wissenschaftler, das Supergift ausdünstet, wird weiträumig die Atemluft belastet.

Sogar zurückhaltende Wissenschaftler wie der Bochumer Hygieneprofessor Fidelis Selenka, der die Dioxin-Diskussion bisher eher mäßigend begleitet hat, sehen nun eine »gewandelte Situation": Ein »großflächiger Input« bedrohe schon in »niedrigen Konzentrationen« vor allem das menschliche Immunsystem - mit möglicherweise »unabsehbaren Folgen« für Millionen von Menschen.

Die bisher spektakulärste Dioxin-Katastrophe hatte sich 1976 im norditalienischen Seveso ereignet, als bei der Verpuffung in einer Chemiefabrik zwei Kilogramm des Supergifts in die Umwelt gelangten. Nun aber haben es Wissenschaftler und Umweltbehörden mit wesentlich größeren Mengen zu tun.

In Seveso galten alle Flächen als »Todeszone A«, die im Schnitt mit 1000 Nanogramm (Milliardstel Gramm) Dioxin je Kilogramm Erde verseucht waren: Die Bewohner dieser Areale wurden zwangsweise evakuiert. Die Schlacke aus dem Sauerland, seit 1955 Spielgrund für Generationen von Kindern, bringt es auf bis zu 100 000 Nanogramm Dioxin je Kilogramm.

Doch wie einst die chemische Industrie, die gegen kritische Berichte wie den Bestseller »Seveso ist überall« gerichtlich vorging, wiegeln jetzt deutsche Gemeinden ab. Von Hamburg bis Augsburg, von Aachen bis Kassel gaben Kommunalpolitiker voreilig Entwarnung: In den Freizeitanlagen bestehe »keine akute Gefahr«, meldete die Stadt Hannover. Die Schlacke aus dem Sauerland sei, berichtete München, »schon ausgetauscht«, sie sei mit »einwandfreiem Naturmaterial überdeckt«, verlautbarte Frankfurt.

Zwar kann vom Spielen auf der kieselroten Erde niemand so rasch die gefürchtete Chlorakne bekommen. Die Hautkrankheit ist äußeres Anzeichen für eine Dioxin-Vergiftung, an deren Ende drastisch erhöhte Krebsgefahr und vielfach Veränderungen im Erbgut stehen. Doch die Gefahr des Stoffes liegt in seiner »Ubiquität«, wie Wissenschaftler die Allgegenwart von Dioxin in der Atemluft nennen.

Dafür, daß die Chemikalie längst in hohen Dosen schier überall vorhanden ist, hatten die Experten bisher keine rechte Erklärung. Nun gilt einigen von ihnen die sauerländische Schlacke, so Chemiker Braungart, als das »missing link«. Denn die Schlacke gast Dioxine aus, »selbst, wenn sie unter Beton liegt«.

An warmen Sommertagen etwa, weiß der Umweltchemiker, ist jeder Kubikmeter der Hamburger Atemluft mit mehreren Picogramm (Billionstel Gramm) Dioxin versetzt - nach Ansicht internationaler Dioxin-Experten ein für Menschen gefährlicher Wert. Die hohe Dosis, so Braungart, konnte bisher nicht mit den üblichen Rückständen etwa aus Müllverbrennung oder Autoverkehr erklärt werden. Seit Jahren suchen Wissenschaftler deshalb nach anderen »diffusen Quellen« für das Dioxin in der Luft. Kieselrot sei »mit Sicherheit«, meint Braungart, eine der größten.

Im Sommer, so hat Braungart errechnet, gebe die sauerländische Schlacke bundesweit pro Tag zwischen 800 und 1700 Gramm reines Dioxin-Gas in die Luft ab, »eine unvorstellbare Menge«.

Die Hamburger Umweltbehörde argumentiert, solche Berechnungen seien übertrieben. Doch auch der Bochumer Wissenschaftler Selenka bestätigt: »Wir haben natürlich solche Emissionen.« Die könnten dann auch erklären, weshalb 1988 bei einer groß angelegten Untersuchung in Hamburger Kindergärten rund zehn Prozent der Kinder Störungen am Immunsystem aufwiesen. Braungart: »Eine extrem hohe Rate.«

Immer deutlicher wird, daß die öffentliche Vorsorge gegen Dioxin-Gefahren ähnlich aufwendig ausgelegt werden muß wie der Umgang mit radioaktiven Stoffen. Selbst Altlasten des Ultragifts, egal, wo sie versteckt oder vergraben sind, bleiben »bis zum Sankt Nimmerleinstag« (Braungart) in der Biosphäre.

Selenka beschreibt den Verbleib der Dioxin-Abfälle in der Umwelt als »Mehr-Komponenten-System«, Braungart spricht plakativer von einem »Kreislauf des Todes«. Beide schildern die gleiche Systematik: Ausgasung oder Verdunstung schafft auch Altdioxin, das im Boden 160 Jahre braucht, bis es sich zur Hälfte abgebaut hat, in die Atmosphäre. Regen und Kälte bringen das Gift wieder an den Boden, mal direkt, mal im Herbst über Blätter und Nadeln, die den Stoff aufgenommen haben. Danach beginnt der Kreislauf aufs neue.

Wäre etwa der Schwarzwald ein Spielplatz, müßte er für Kinder längst gesperrt werden. Im Waldboden hat sich der Dioxin-Anteil bereits auf 100 Nanogramm je Kilogramm hochgeschaukelt. Das ist ein Wert, bei dem nach den Verordnungen des Bundesgesundheitsamtes Spielplätze geschlossen werden müssen. Wenn das Giftzeug nicht vollständig entsorgt werde, sagt Braungart, kumuliere das Dioxin in der Atemluft derart, daß es »nach und nach das Immunsystem der Menschen zernagt«.

Der Institutschef, Ehemann der früheren Greenpeace-Aktivistin und heutigen niedersächsischen Umweltministerin Monika Griefahn, sieht nur noch eine Lösung: Für die Abfälle müsse ein Endlager geschaffen werden, »eine Art Gorleben für Dioxin-Schlacke«. o

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