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FRANKREICH Kreuzzug der Ideale

Präsident Chirac genießt seine Popularität als Stimme des Widerstands gegen die US-Hegemonie. Das Verhältnis zu Bush bleibt frostig.
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 41/2003

England, Deutschland, Spanien, Italien oder Mexiko - sie alle haben dann und wann Krieg gegen Amerika geführt. Frankreich nie. Paris ist sogar der älteste militärische Verbündete der USA. Gern versichert Präsident Jacques Chirac: »Wir sind Freunde seit 225 Jahren.«

Doch das hat Frankreich nicht daran gehindert, so der Historiker Michel Winock, »das Land zu sein, in dem der Anti-amerikanismus am lebendigsten ist und bleibt«. Nun scheint der Punkt erreicht, wo der große Bruder jenseits des Atlantiks dem Franzosen solche Hitzewallungen nicht mehr als harmloses Fieber nachsieht. »Wir Amerikaner müssen uns über etwas im Klaren sein«, stellte der einflussreiche Kolumnist Thomas Friedman in der »New York Times« fest, »Frankreich ist nicht einfach unser unbequemer Verbündeter. Es ist nicht einfach unser neidischer Rivale. Frankreich wird zu unserem Feind.«

Als Chirac auf den Friedman-Artikel ("Unser Krieg mit Frankreich") angesprochen wurde, zuckte er nur mit den Achseln: »Wer ist das schon?« Aber vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen vorletzte Woche in New York bekam der Präsident zu spüren, dass sein Kollege George W. Bush ihm zumindest den Kalten Krieg erklärt hat.

Der Herr im Weißen Haus verließ demonstrativ den Saal, bevor Chirac zu reden anhob. Bush wollte sich nicht Ermahnungen anhören - und womöglich auch noch

höflich beklatschen - , wie sie der Franzose unter tosendem Beifall den versammelten Staats- und Regierungschefs vortrug: »Niemand kann allein im Namen aller handeln. Niemand darf sich das Recht anmaßen, einseitig und präventiv Gewalt anzuwenden.«

Chirac sei zum Herold einer neuen Weltordnung geworden, »und die ist antiamerikanisch, anti-Bush«, befand ein Uno-Vertreter hinterher. »Ich werde ihn daran erinnern, und er wird das klar und deutlich zu hören bekommen, dass Amerika eine gute Nation ist, eine zutiefst gute Nation«, kündigte Bush grimmig vor seiner Unterredung mit Chirac an. Seine Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice sorgte dafür, dass kein Kameramann den unumgänglichen Händedruck der beiden im Bild festhalten durfte.

»Bush hat seine Thesen nicht geändert, wohl aber seinen Ton. Er ist weniger hochnäsig als zuvor«, berichtete Chirac seinen Beratern nach dem frostigen Gespräch. »In Wahrheit ist mir das völlig egal. Wichtig ist, dass Uno-Generalsekretär Kofi Annan und die Mehrheit der Staaten auf unserer Seite sind.«

Tatsächlich hat Chiracs Kritik des amerikanischen »Unilateralismus« den Präsidenten zum populären Führer von Weltformat gemacht, wie die Ovationen in der Uno-Vollversammlung bewiesen. Der französische Staatschef ist die Stimme des Widerstands gegen die Hegemonialmacht USA, der Hüter des Völkerrechts, der Sprecher einer breiten, wenn auch losen Koalition von Nationen, denen Bushs Vendetta gegen »das Böse« unheimlich ist.

Geschickt hat Chirac es verstanden, das Kräfteverhältnis zu seinen Gunsten zu verschieben. Er verkörpert die Attraktivität der »sanften Macht« gegen die »harte Macht« Amerika - und entzieht so Bush die moralische Grundlage, auf der dessen Kreuzzug für Freiheit und Demokratie letztlich beruht. Diese Verkehrung der Fronten verbittert den tiefreligiösen US-Präsidenten: Der Franzose, im amerikanischen Weltbild der böswillige, hinterhältige Zyniker in der alten europäischen Tradition von Richelieu und Talleyrand, lässt Bush mit einem Mal selbstgerecht, arrogant und bigott aussehen.

Zugleich nährt Chirac damit zu Hause die gallische Sehnsucht nach der verlorenen Größe, für die Paris ansonsten die Mittel nicht mehr hat. »Frankreich gegen das Imperium« lautet ein Buchtitel des Politologen Pascal Boniface. »Auge in Auge mit der Hypermacht«, nennt Ex-Außenminister Hubert Védrine seine Sammlung von Reden und Aufsätzen. Solche Parolen sind Balsam auf die Seele einer Nation, die sich in Wirklichkeit vor der Globalisierung fürchtet und seit der Niederlage von Waterloo 1815 periodisch in depressive Niedergangsängste verfällt.

Der Historiker und Sozialwissenschaftler Philippe Roger sagt dem französischen Antiamerikanismus, dessen Genealogie er in einem umfangreichen Werk ("Der amerikanische Feind") erforscht hat, noch muntere Tage voraus. Denn der Antiamerikanismus sei der Treibstoff, mit dem seit 200 Jahren Frankreichs brennender Wunsch angeheizt werde, selbst als die Idealnation zu glänzen.

Nicht Abneigung und Feindlichkeit, sondern Eifersucht kennzeichnet demnach die französische Haltung zu den USA. Beide Länder, die ältesten modernen Republiken der Welt, sehen sich als Zwillingsschwestern im Schönheitswettbewerb, Töchter der Aufklärung, für die seit Ende des 18. Jahrhunderts die »Bill of Rights« sowie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte im Zentrum ihres Glaubensbekenntnisses stehen.

Seit dem Ende des Kommunismus sind sie auch die einzigen Staaten, die einen universalen Anspruch erheben und das zivilisatorische Vorbild für alle anderen sein wollen - zwei missionarische Nationen, die ihr Modell von Freiheit und Gerechtigkeit mit gläubigem Eifer in die Welt hinaustragen.

Paris, das ist nach diesem Selbstverständnis das neue Athen, die »ville lumière«, die Stadt des Lichts und des Geistes; Amerika, das ist das neue Jerusalem, die »leuchtende Stadt auf dem Hügel«, von der Ronald Reagan so gern schwärmte, auch er als US-Präsident ein Moralapostel, dem Bushs Vater als Vizepräsident diente.

Anders als Amerika kann Frankreich diesen Kreuzzug der Ideale nicht mehr wie zu kolonialen Zeiten mit Feuer und Schwert führen. Das erklärt Chiracs nahezu obsessiven Willen, Europa in eine ebenbürtige, wenn nicht überlegene Großmacht zu verwandeln. Das selbstverständlich unter französischer Führung.

Die moderne französische Diplomatie beruht auf einem alten Trauma: der Suez-Krise von 1956, als Washington im Einvernehmen mit Moskau die französisch-britische Expedition gegen Nassers Ägypten stoppte. Während England sich brav ins Gefolge der USA einordnete, sann Frankreich auf Unabhängigkeit von der großen Vormacht. Charles de Gaulles nukleare »Force de frappe«, sein militärischer Rückzug aus der Nato und seine immer schon gegen Amerika gerichtete Europapolitik waren die Folge.

Chirac, der seine politische Karriere vor 40 Jahren unter de Gaulle begann, sieht sich als Testamentsvollstrecker des Generals in einer gewandelten Welt. Wie der Grün-

dervater der Fünften Republik handelt er gegenüber den USA nach der Maxime, so »Le Monde": »Ich nerve, also bin ich.«

Wie de Gaulle ist auch Chirac persönlich gar nicht antiamerikanisch. Aber er weiß, dass Antiamerikanismus der Stoff ist, mit dem sich die sonst innerlich so zerrissene Nation von links bis rechts, von Kommunisten bis Katholiken, zusammenschweißen und anfeuern lässt.

Schon Geistesgrößen der Aufklärung wie Voltaire und Buffon hielten Amerika für einen unglücklichen Kontinent. Talleyrand fand sein kurzes Exil in Philadelphia abscheulich. Joseph de Maistre, der schärfste Kritiker der Französischen Revolution, hielt Amerika für eine bedauerliche »Verirrung«. Schriftsteller von Stendhal über Baudelaire bis zu Georges Bernanos und Paul Claudel klagten über Amerikas Ungeist. Sartre riet gar, jeden Dialog mit den »verrückt gewordenen« USA einzustellen: »Amerika ist nicht das Zentrum der Welt.«

Schicht um Schicht, befindet der Wissenschaftler Roger, habe sich der Anti-amerikanismus im intellektuellen Diskurs Frankreichs, bei den konservativen wie den fortschrittlichen Eliten, angehäuft. Diese Ablagerungen bilden den Nährboden für immer wieder aufbrechende politische Konflikte: Kaiser Napoleon III. zeigte während des amerikanischen Bürgerkriegs unverhohlene Sympathie für die sezessionistischen Südstaaten. Georges Clemenceau, der »Tiger« des Ersten Weltkriegs, überwarf sich mit US-Präsident Woodrow Wilson; der Chef des Freien Frankreich de Gaulle zankte mit Franklin D. Roosevelt.

Und nun Chirac mit Bush. Spielt »Mr. Un-America«, wie das Nachrichtenmagazin »Newsweek« den französischen Staatschef nennt, mit dem Feuer? Ist die große Kluft noch zu überwinden, oder ist die Scheidung diesmal vollzogen?

Mit vollendeter Galanterie begrüßte und verabschiedete Chirac per Handkuss vorige Woche im Elysée-Palast Laura Bush, die Abgesandte ihres Mannes bei der Unesco. »Eine Mamsell in Nöten«, feixte die »New York Post« über »Chiracs Lippenbekenntnis ». ROMAIN LEICK

* 1944 in Washington.* Am 15. Februar in Paris.

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