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TADSCHIKISTAN Krieg auf dem Dach der Welt

Rebellen bekämpfen die Regierung, russische Soldaten werden ermordet, internationale Helfer entführt: Bürgerkrieg in der zentralasiatischen Republik Tadschikistan, Moskaus Bollwerk gegen die Fundamentalisten in Afghanistan.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Drei Autos stören die samstägliche Nachmittagsruhe, sie bremsen mit quietschenden Reifen vor dem Haus Nummer 34 der Ernst-Thälmann-Gasse in der Kleinstadt Kurgan-Tjube. Zwölf Männer mit Maschinenpistolen im Anschlag springen heraus und achten darauf, daß ihr Anführer heil in seine Wohnung gelangt.

Oberst Machmud Chudoiberdjew, 32, ist Kommandeur der schnellen Einsatztruppe Tadschikistans und damit einer der mächtigsten Männer in der zentralasiatischen Republik. 50 Panzer hat er zur ständigen Verfügung, seine Brigade zählt 2500 Soldaten, die Elitetruppe des Landes.

Im Volk ist der Afghanistan-Veteran nur unter dem Vornamen Machmud bekannt. »Der Präsident soll Tee trinken, während ich die Probleme mit Gewalt löse«, prahlt er. »Je stärker wir zuschlagen, desto schneller kommt der Frieden.«

Wie seine Art der Befriedung aussieht, hat der Haudegen vor kurzem vorgeführt. Lokale Clanchefs hatten in Turssunsade die tadschikische Aluminiumfabrik, eine der größten der Welt, besetzt und wollten nicht weichen. Mit 200 Soldaten und 10 Panzern eroberte Machmud das Werk zurück und verfolgte den flüchtenden Feind bis zum 18 Kilometer entfernten Staatsgut »Kommunist«. Die letzten Aufständischen vertrieb der Oberst in das angrenzende Usbekistan.

Es war eine Aktion auf eigene Faust, für die Machmud eigentlich die Erlaubnis seines Oberbefehlshabers benötigt hätte, des Präsidenten Emomali Rachmonow, 44. Der will seinen Kommandeur für die Eigenmächtigkeit auch zur Rechenschaft ziehen, aber Machmud lacht über solche Formalitäten nur: »Ich lasse mir von keinem etwas vorschreiben.«

Seit das Volk vor sechs Jahren seine Unabhängigkeit aus Rundfunk und Fernsehen erfuhr, herrscht in der ehemaligen Sowjetrepublik zwischen Afghanistan und China ein Bürgerkrieg, der schon 60 000 Todesopfer gefordert hat und in dem die Fronten kaum noch zu überblicken sind - zwischen gottlosen Postkommunisten, frommen Moslems und örtlichen Stammesführern.

Die Sowjets hatten 1929 die Kunstrepublik Tadschikistan aus Siedlungsgebieten von persischsprachigen Tadschiken - dem wohl ältesten Volk Zentralasiens - und turksprachigen Usbeken zusammengefügt, um die Stämme gegeneinander ausspielen zu können. Die regierenden KP-Nachfolger kommen vor allem aus der Hauptstadt Duschanbe (bis 1961 Stalinabad), der Seidenstraßenstadt Chudschand (bis 1991 Leninabad) und der südwestlichen Region Kuljab. Die Opposition, vor allem die Islamische Partei der Wiedergeburt, hat ihre Hochburgen in den schwer zugänglichen Pamirregionen, dem sogenannten Dach der Welt.

Nach kurzer Teilhabe an der Macht und darauffolgenden schweren Kämpfen mit dem Anhang des Ex-Parteichefs Rachmon Nabijew zogen sich die Islamisten Ende 1992 ins benachbarte Afghanistan zurück, in die Stadt Talogan. Von dort schicken sie bis heute Kommandotrupps in die Heimat und versorgen Freischärler im Lande mit Waffen und Geld, obwohl erst im Dezember 1996 ein weiterer Waffenstillstand ausgehandelt wurde.

Unter dem Vorwand, den Bürgerkrieg einzudämmen und den Drogen- und Waffenhandel mit Afghanistan zu unterbinden, entsandte die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) eine gemischte Friedenstruppe. Den Russen war dies nicht genug: Sie etablierten zusätzlich eine eigene »Friedensmission« und einen prominenten Sondergesandten - Maxim Peschkow, den Enkel des russischen Schriftstellers Maxim Gorki.

Rußland stellt ohnehin 95 Prozent der GUS-Streitmacht, ihr Kernstück ist die afghanistangestählte 201. motorisierte Schützendivision. Für die Kontrolle der Region scheut Moskau keinen Aufwand. Die Bewachung eines einzigen Kilometers an der 1206 Kilometer langen Grenze zu Afghanistan kostet laut Generalleutnant Pawel Tarasenko »einige Milliarden Rubel«, und »in den Bergen wird es noch teurer«. Aber es gilt das Wort des russischen Präsidenten Boris Jelzin: »Die tadschikische Grenze ist im Grunde die russische Grenze.«

Der wahre Grund für die Einmischung ist Moskaus Angst vor dem Vormarsch des islamischen Fundamentalismus. Die ehemalige Kolonialmacht Rußland will unter allen Umständen verhindern, daß der radikale Islam der afghanischen Taliban-Bewegung, die in Kabul die Macht erobert hat, auf Tadschikistan überspringt. »Wenn wir hier abziehen«, sagt ein russischer Offizier, »haben wir den Islam bald vor unserer Haustür.«

Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe ist der letzte Brückenkopf Rußlands in Asien und Präsident Rachmonow ein von Moskaus Gnaden eingesetzter Präfekt. Der ehemalige Direktor einer Lenin-Sowchose im Gebiet Kuljab stützt sich auf etwa 25 000 russische Soldaten und Grenzschützer, die für sein moskauergebenes Regime den Kopf hinhalten.

Die russischen Stellungen werden ständig von afghanischem Territorium aus überfallen. Seit Dezember sind sieben russische Soldaten und Offiziere in Duschanbe ermordet worden. Die Truppe muß daher bei Laune gehalten werden: Ein russischer Offizier in Duschanbe bekommt viereinhalb Millionen Rubel Sold im Monat, fast das Sechsfache eines Durchschnittslohns - und anders als daheim wird auch noch pünktlich gezahlt.

Jede Woche fliegen zwei Militärtransporter mit Urlaubern nach Moskau. Es gibt sogar einen divisionseigenen Fernsehsender: Wenn die Ansagerin, die malerisch vor einem Tarnnetz sitzt, nicht gerade einem Offizier zum Geburtstag gratuliert, können sich die Vaterlandsverteidiger amerikanische Seifenopern anschauen.

Die meisten russischen Zivilisten haben sich längst davongemacht. Als Fachleute hielten sie die Wirtschaft in Gang, die jetzt in Trümmern liegt. Die Schäden des Bürgerkriegs werden auf sieben Milliarden Dollar geschätzt, das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt eines Jahres. Der Ertrag der Baumwollernte ist auf den Stand des Jahres 1953 gefallen. Etwa jeder dritte Erwachsene unter den 5,2 Millionen Einwohnern ist arbeitslos.

Auf den Basaren gibt es statt orientalischer Gewürze und farbenprächtiger Kleidung Billigprodukte aus China, »Einmalware«, wie ein Verkäufer sagt. Die Preise sind in der offiziellen Landeswährung ausgezeichnet - tadschikischen Rubel -, doch lieber nehmen die Händler russisches Geld.

Präsident Rachmonow braucht Frieden, um das Land aus dem Elend herauszuführen. Ruhe bekommt er aber nur, wenn er einen Kompromiß mit der islamischen Opposition eingeht. Doch da spielt sein starker Mann Machmud nicht mit, der auch noch als Vize-Befehlshaber der Präsidentengarde fungiert: »Nur über meine Leiche.«

Zum sechstenmal schon haben sich Regierungsvertreter mit ihren militanten Widersachern zu Friedensverhandlungen zusammengesetzt, diesmal in Teheran; doch die Opposition fordert mehr, als der Präsident zugestehen will. Im geplanten Nationalen Versöhnungsrat, Vorstufe eines neuen Parlaments, fordern die Islamisten 40 Prozent der Sitze. Rachmonow will ihnen allenfalls 20 Prozent gewähren, denn die Opposition, so behauptet Außenminister Talbak Nasarow, »kontrolliert nur einige Bergregionen«.

Wer die Hauptstadt Richtung Osten verläßt, lernt eine andere Realität kennen. Auf den 176 Kilometern der Durchgangsstraße M 41 von Duschanbe nach Garm haben 15 buntgescheckte Militärposten Straßensperren errichtet - welchem politischen Lager sie angehören, ist oft nur schwer auszumachen.

Im Dezember wurden auf dieser Strecke 23 Mitglieder einer Kontrollkommission, darunter 7 Uno-Beobachter, von dem Rebellenführer Bachrom Sadirow gefangengenommen; ein dänischer Blauhelm überlebte nur dank seiner schußsicheren Weste. Sie wurden bald freigelassen, aber vor zwei Wochen nahm Sadirow wieder 17 Geiseln, darunter den tadschikischen Sicherheitsminister, russische Journalisten, Uno-Angestellte und Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Diesmal verlangte Sadirow, daß ein Teil seiner Kämpfer unbehelligt aus Afghanistan nach Tadschikistan verlegt werden kann.

Präsident Rachmonow mußte mit dem bestens ausgerüsteten Geiselnehmer per Satellitentelefon verhandeln - und schließlich nachgeben. Von allen Seiten unter Druck gesetzt, ließ er die Freischärler mit Hubschraubern über die Grenze in die Nähe des Sadirow-Lagers bringen, das nur 80 Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt liegt. Die Kidnapper wollten daraufhin vergangenen Freitag die 14 verbliebenen Geiseln freilassen.

Mit großer Mühe gelang es dem Uno-Gesandten für Tadschikistan, dem Deutschen Gerd Dietrich Merrem, Regierung und Opposition nochmals zu einem Mini-Gipfel zu bewegen - er soll diese Woche in Teheran stattfinden und die neuerliche Terrorwelle stoppen. Doch Merrem fühlt sich inzwischen fast auf verlorenem Posten: Die meisten seiner Mitarbeiter hat er vor Tagen nach Usbekistan evakuiert. Auch der von Präsident Rachmonow für den Uno-Beamten abgestellte Bodyguard ergriff die Flucht - nachdem er seinem Schutzbefohlenen die eigene Kalaschnikow übergeben und ihn provisorisch in den Gebrauch des Schießgeräts eingewiesen hatte.

Der Einfluß von Rachmonows Regierung reicht kaum über Duschanbe hinaus, der Osten ist schon weitgehend autonom. Die Ortsschilder in kyrillischen Schriftzeichen an der M 41 sind von Kugeln durchlöchert. Am Rande der Schotterstraße liegen ausgebrannte Kamas-Lastkraftwagen wie Käfer auf dem Rücken, gleich neben einer nicht entschärften Fliegerbombe.

Jugendliche, kaum größer als ihre Kalaschnikows, fragen die Reisenden nach ihren Pässen. Unklar bleibt, ob die Posten zur Regierung, zur Opposition oder zu einem der örtlichen Warlords gehören.

Das Städtchen Garm ist fest in der Hand der Islamisten, deren Kämpfer offen auf den Straßen patrouillieren. Strom gibt es schon seit zwei Monaten nicht mehr. Auch an Nahrungsmitteln fehlt es, da der Nachschub aus Duschanbe immer wieder ausfällt. Sogar das Rote Kreuz fährt nicht mehr.

Der Bürgermeister des Gebiets, Melamid Abduschaboru, hockt in seinem dunklen, kalten Arbeitszimmer und hat nichts zu tun. Er bedaure, nichts sagen oder entscheiden zu können, sagt er, die Opposition kontrolliere die Lage: »Die machen sowieso, was sie wollen.« Respektvoll beobachten die alten Honoratioren der Stadt einen grünen Armee-Jeep, darin sitzt der lokale Islamistenführer Mirsochodscha Nisomow, der jetzt hier regiert.

Wie Präsident Rachmonow und Oberst Machmud hat auch Nisomow in der Sowjetunion Karriere gemacht: Er war Parteimitglied und Polizeichef des Garm-Gebiets. Nun hat er seine Idole ausgetauscht, statt Marx huldigt er Mohammed. »Wir wollen ein unabhängiges Tadschikistan, nicht eine Marionette Moskaus sein«, umreißt er sein Programm.

»Zunächst einmal müssen wir das Parlament mit unseren Leuten besetzen«, sagt Nisomow, der im Freien auf einem Holzstuhl neben dem Regierungsgebäude hofhält. Ein eigenes Büro hat er nicht.

Ein wallender Bart verleiht ihm Autorität. Tadschikistan, so Nisomow, solle ein islamischer, wenn auch weltlicher Staat werden, mit guten Beziehungen zu Iran, Rußland und Usbekistan. Die Scharia, das strenge islamische Rechtssystem, lehnt er ab.

Ohne Rußlands Zustimmung, das weiß Nisomow, wird es zu keiner friedlichen Lösung kommen. Er zuckt mit den Schultern: »Wir werden so lange kämpfen, bis wir unsere Republik haben.«

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Kartenausriß Tadschikistan

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Kartenausriß Tadschikistan

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