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Krieg der Colonels

Für das TV-Magazin »Bilder aus der Wissenschaft« untersuchte Hans Lechleitner die Auswirkungen des elektromagnetischen Impulses von Atombomben. Fazit: Die Planspiele der Militärs sind Unfug.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Aus dem Jet-Fenster starrt er auf Amerika, gramzerfurcht wie sonst nur noch Richard Burton, wenn der mal trockengelegt ist. Lässig lehnt er sich, auf langer Fahrt durchs Rheinland, ins schmale Polster seines »Golf« und philosophiert über den Krieg. Und bevor er einen amerikanischen Physiker S.263 interviewt, sieht man endlos lang nur ein Kruzifix. Das baumelt in der Windschutzscheibe von dessen »Corvair«.

So reiste, zwei Wochen lang und für seine »Bilder aus der Wissenschaft« (an diesem Mittwoch um 21.45 Uhr) Hans Lechleitner zu Atomstrategen und -physikern in Edinburgh und Euskirchen, Bonn und Washington, zu militärischen Versuchsfeldern in Munster (Niedersachsen) und Kirtland (New Mexico). Am Ende hatte er genug Material, um einen zählebigen politischen Mythos zu demolieren: den Mythos von der Kontrollierbarkeit des Atomkriegs.

»EMP«, »elektromagnetischer Puls«, nennen die Wissenschaftler jenes Phänomen nach der Explosion einer Atombombe, das im Umkreis von Hunderten von Kilometern elektronische Kommunikationssysteme ins Chaos stürzt -- wenn plötzlich Telephonleitungen verstummen oder Fernschreiber Amok tippen (SPIEGEL 34/ 1981).

Scheinbar arglos zeigt Lechleitner per Graphik, welche Konfusion eine Bombe, irgendwo südwestlich von Irland über dem Atlantik gezündet, im Nervensystem der europäischen Kommunikationsstränge auslösen würde. Trocken fragt Lechleitner einen Strategen, ob denn der US-Präsident im Ernstfall mit Sicherheit seine Atom-Unterseeboote anfunken lassen kann -er kann nicht. Denn je tiefer die Boote tauchen, desto längere Antennen benötigt man, um ihnen Orders durchzufunken, desto anfälliger sind die für EMP. Im Klartext: Den nächsten Krieg führen Colonels in U-Booten und unterirdischen Bunkern.

John D. Steinbrunner, Experte für Außenpolitik an der Yale University: »Wir müssen den Krieg entweder massiv führen oder gar nicht.« Die Planspiele zum dritten Weltkrieg, etwa darüber, S.264 wie US-Präsident und Sowjetpremier einen einmal ausgebrochenen Konflikt noch kontrollieren könnten, sind schierer Unfug.

Solch polemische Schlußfolgerungen zieht Bayernfunk-Redakteur Lechleitner in der oft spröden, mit komplizierten Graphiken angefüllten 45-Minuten-Sendung nicht. Und dennoch demonstrieren diese »Bilder aus der Wissenschaft«, wie noch das scheinbar banalste physikalische Problem militärische, und damit politische Qualitäten annimmt. Ob man sich gegen EMP schützen könne wie gegen Blitzschlag, fragte Lechleitner treuherzig einen Physiker der Fraunhofer-Gesellschaft in Euskirchen, ein Aufpasser vom Verteidigungsministerium war immer dabei. Und höflich beschied er sich mit der Nicht-Antwort, daß jeder gegen Blitz geschützt sei, der sich gegen EMP gewappnet habe.

Hartes Weiterfragen war ohnehin kaum vonnöten -- was die Strategen sagten, war deutlich genug. Konteradmiral Gene R. LaRoque vom Washingtoner Center for Defense Information:

Die USA hätten den ersten Weltkrieg in Europa und anderswo geführt, den zweiten ebenso. Mit dem dritten wolle man das ähnlich halten.

Instinkt für die Problemlage in seiner Wissenschaft bewies Physiker Carl E. Baum, der fürs Pentagon EMP-Simulatoren baut.

Lechleitner filmte ihn nicht nur mit Kruzifix im Auto, sondern auch an den Tasten des häuslichen Klaviers. Der Wissenschaftler klimperte sein Opus 2, ein Werk für Chor, Orgel und Klavier mit dem Titel »My Peace«.

S.264Beobachter in Los Angeles.*

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