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FLUGHÄFEN Krieg im Moos

aus DER SPIEGEL 6/1971

Es war kurz vor Mitternacht. Der Bauer Anton Steinberger und sein Bruder Franz fällten in einem Waldstück nördlich von München eine Fichte und schleppten sie vors örtliche Rathaus. Dort skelettierten sie den sieben Meter langen Baum mit Schneidbrennern, behängten ihn mit rußgeschwärzten Blumentöpfen und schwarzgetünchten Tennisbällen. Am nächsten Morgen stand auf dem Schild an der Fichte zu lesen, was das auf geputzte Gerippe bedeuten soll: »Weihnacht 1980«.

So düster sehen die zehntausend Einwohner der Gemeinde Neufahrn im oberbayrischen Kreis Freising ihre Zukunft, falls die bayrische Staatsregierung ihren Kabinettsbeschluß vom 5. August 1969 durchsetzt: Bau des Groß-»Flughafens München II« im Moosgrund zwischen der Domstadt Freising und der Kreisstadt Erding, 28 Kilometer nordöstlich der Landeshauptstadt.

Auf den Moorflächen östlich der Isar, wo Gemüsebauern Rettiche und gelbe Rüben, Petersilie und Pfefferminze ziehen, sollen von 1978 an Touristen ein- und Geschäftsleute ausfliegen. Das Zwei-Milliarden-Projekt wird nach den Plänen des Freistaats neben Hamburg und Frankfurt einen dritten Stützpunkt für den interkontinentalen Luftverkehr bilden.

Das technische Riesenvorhaben

mit vier Kilometer langen Rollbahnen und einer geplanten Endkapazität von 40 Millionen Passagieren jährlich voraussichtlich der größte Aeroport der Bundesrepublik -- wird Umschichtungen unter den bodenständigen Moosbauern bewirken, aber auch Gemeinden treffen, die sich erst in den letzten Jahren im Gravitationsfeld des Münchner Ballungsraums industriell entwickelt haben.

Nach der Detail-Planung, die den Gemeinden im November letzten Jahres zugestellt wurde, werden nicht nur einige Dutzend Bauerndörfer, sondern auch Industrieorte wie Neufahrn und Eching im Bereich der Flugschneisen und Lärmzonen liegen -- und daher derart mit Abgasen und Düsenlärm überzogen werden, daß sich Neufahrn schon jetzt »zum Tode verurteilt« sieht (so Protestschilder am Ortseingang).

Was alles zum »allmählichen Absterben« Ihrer Gemeinde führen wird, ließ Neufahrns Bürgermeisterin Käthe Winkelmann, 65, von ortsansässigen Wissenschaftlern und Technikern dokumentieren. Die sonst eher wortkargen Moorsiedler wissen mittlerweile mit Begriffen wie »äquivalenter Dauerschallpegel« und »Durchschnittsbelastung« umzugehen. In Protestmärschen zur Freistaatsregierung, Bürgerversammlungen und in Broschüren tragen sie ihre Argumente gegen das Flughafen-Projekt zusammen:

* »Eine Boeing 707 erzeugt beim Start so viele Abgase wie 6858 Volkswagen.«

* Im Bereich des Neufahrner Schul- und Sportzentrums könne »beim Vorbeifliegen einer DC-8 ein Maximalschallpegel zwischen 85 und 90 dB (A) auftreten«, dies entspreche »einen Preßlufthammer aus sieben Meter Entfernung«. > Bei Schwangeren sei »im 3. bis 6. Monat der Lärmreiz auf das ungeborene Kind so groß, daß es zu heftigen Kindsbewegungen kommt«; in der Schweiz seien bereits »als Folge des Überschalldonners Fehlgeburten festgestellt worden«. > Tierversuche hätten erwiesen, »daß sich Tiere durch ständige Lärmeinwirkung zum Kannibalismus treiben lassen«.

Im Konflikt zwischen moderner Verkehrserschließung und den zwangsläufigen Folgen für Landwirtschaft und Gesundheit bedienen sich die 50 000 Bürger im Einzugsgebiet des neuen Projekts aber auch schlichter Methoden. 600 Moorbauern versammelten sich auf dem Freisinger Marienplatz und wetterten gegen die befürchtete Grundwasserabsenkung und die von der Regierung geplante Absiedlung der Landwirte: »Wir weichen nur der Gewalt.« Sie besetzten mit 50 Traktoren und Schleppern den Erdinger Marktplatz, wo Landwirt Manfred Steinicke, Geschäftsführer ihrer »Schutzgemeinschaft«, Durchhalteparolen ausgab: »Der Krieg geht weiter.«

Im Sommer 1969 wurde Agrar-Freidemokrat Josef Ertl In einem Festbierzelt in Pulling mit Fausthieben traktiert (Ertl: »Die glaubten, ich bin von der CSU"). Zwei Monate später vertrieben Franzhelmer Bauern Landvermesser der »Flughafen GmbH«, die das Projekt betreut. Den Ministerpräsidenten Alfons Goppel, der mit einem Hubschrauber ins Erdinger Moos gekommen war, ließen sie wissen: »Wir verkaufen für keinen Preis.«

Den von der Regierung gebotenen Preis von maximal 6,80 Mark pro Quadratmeter akzeptierten bislang nur wenige Bauern. Erst 145 Hektar der benötigten Gesamtfläche von 2100 Hektar sind in Staatsbesitz übergegangen. Fast alle der 431 Bauern im Standortbereich des Flughafens, die ihren Besitz vollständig hergeben müßten, wollen es auf die Enteignung ankommen lassen. Ihre Felder säumten sie mit Protestplakaten: »Wir lassen uns hier nicht vertreiben, eher werden wir euch »Große« zerreiben.« Oder: »Hände weg von unserem Eigentum, sonst legen wir euch alle um.«

Letzte Positionen Im Gerangel (Münchens »Abendzeitung": »Kühe raus -- Jumbos rein"): Die Gemeinde Neufahrn trat in den Steuerstreik; sie verweigert der Freistaatsregierung Kreisumlage und Gewerbesteueraufkommen (4,8 Millionen Mark jährlich) -- aus Protest gegen die von der Regierung verfügten Baustopps in der Fluglärmzone, durch die unter anderem zwei halbfertige Schulhäuser In Neufahrn und Eching betroffen sind. Und der Landkreis Freising beschloß vergangene Woche, für die Jet-Abwehr einen »größeren Titel« im Haushaltsplan 1971 bereitzustellen -- nachdem der Kreis Erding bereits 100 000 Mark für Protestaktionen und Gegengutachten lockergemacht hatte.

Der Aufstand der Bauern und Bürger im Moos bringt erneut das Projekt in Verzug, das Bayerns Landesplaner schon seit 17 Jahren plagt. Seit 1954 der Stuttgarter Verkehrsexperte Professor Carl Emil Gerlach in einem Gutachten nachwies, daß der bisherige Flughafen München-Riem (heutige Kapazität: fünf Millionen Flugabfertigungen jährlich) zu klein und wegen der stadtnahen Siedlungsdichte kaum noch ausbaufähig ist, suchen Stadt und Freistaat nach einem neuen Gelände.

Aus 20 Varianten filterte eine 1963 eingesetzte Kommission mit Vertretern der Stadt, des Freistaats und des Bundes die nach damaligem Wissensstand einzig mögliche Position heraus: den Hofoldinger Forst südöstlich der Landeshauptstadt. durch die Autobahn nach Salzburg verkehrstechnisch schon erschlossen und zu siebzig Prozent bereits in Staatsbesitz. Das Erdinger Moos schien den Prüfern damals noch zu nebelreich (750 Nebelstunden im Jahr, mehr als auf dem Londoner Airport Heathrow) und kollidierte überdies mit den Flugbahnen des Nato-Stützpunktes Erding.

Doch obschon die Behörde bereits das Raumordnungsverfahren eingeleitet hatte, wurde der Hofoldinger Forst

als größter geschlossener Waldgürtel Oberbayerns von den Münchnern als Ozon-Reservoir und von der Regierung als Schauplatz für Staatsjagden geschätzt -- wieder von der Projektilste gestrichen.

Die Staatsregierung wich den Argumenten, die von Landschaftsschützern und Bürger-Komitees lautstark vorgetragen wurden: Münchens Trinkwasser-Versorgung komme durch die Verschmutzung der Grundwasser In Gefahr, und der Münchner Ballungsraum verliere ein wichtiges Erholungs- und Ausflugsgebiet.

Als zweite Variante spannten die Techniker und Beamten nun doch wieder das Erdinger Moos auf ihre Reißbretter. Der Nato-Stützpunkt hatte inzwischen seinen Flugbetrieb eingeschränkt, der Nebel aber war geblieben. Für Erding sprach freilich auch ein Argument, das Landtagspräsident Rudolf Hanauer -- dessen Stimmkreis Starnberg durch die Hofoldinger Pläne tangiert worden wäre -- dem Erdinger Landtagsmitglied der Bayernpartei Simon Weinhuber so erläuterte: »Bei euch wird sich schon nichts rühren, wir gehen den Weg des geringsten Widerstandes,«

Erheblich skeptischer beurteilte Hanauers Parteifreund Otto Schedl, bis vor zwei Monaten als Wirtschaftsminister wie als Aufsichtsratsvorsitzender der »Flughafen GmbH« für das Projekt München II zuständig, Bayerns Zukunft in der Luft: »Unter Umständen wird das zu einer ganz großen Tragödie für unser Land.«

Schedls Nachfolger im Wirtschaftsressort, Anton Jaumann, fand sich denn auch schon bereit, den Flughafen-Feinden Hoffnung zu machen: Er versprach eine neuerliche Standort-Revision, falls das noch ausstehende Gutachten des Deutschen Wetterdienstes »negativ ausfällt«.

Jaumanns Kabinettskollege Justizminister Dr. Philipp Held, den die Bürger und Bauern aus dem Moos in den Landtag gewählt haben, eröffnete gar »berechtigte Aussichten«, daß Bayerns Superflugpiste doch noch an dem früher ausgeklammerten Standort Manching bei Ingolstadt angelegt werden könnte, bei dem die Flughafen-Planer seinerzeit auf die vorhandenen Militärflugplätze Rücksicht genommen hatten.

Dort würden sich freilich, wie die Lokalpresse prophezeite, »die betroffenen Gemeinden mit derselben Heftigkeit wehren« wie im Erdinger Moos.

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