Zur Ausgabe
Artikel 4 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Krieg im Schatten

Eine Armada von Kampfflugzeugen haben die Amerikaner rund um Afghanistan in Stellung gebracht. Doch ihr größter Erfolg, die weltweite Allianz gegen den Terror, hindert die Militärs, mit aller Härte loszuschlagen. Der Waffengang, der nun beginnt, soll möglichst im Verborgenen bleiben.
Von Hans Hoyng, Siegesmund von Ilsemann, Dirk Koch, Jörg R. Mettke, Christian Neef und Gerhard Spörl
aus DER SPIEGEL 40/2001

Ein leidiges Hindernis für Eroberer, für Verteidiger eine kaum einnehmbare Trutzburg; die 320 Kilometer breite, bis über 7600 Meter aufragende Felsbarriere zwischen Nord- und Südasien, in sich tief und wild zerklüftet; die Gipfel schneebedeckt, alles andere zumeist kahles Gebirge mit nur wenigen grünen Tälern; besiedelt von Stämmen, deren Bezeichnungen für die Nachbarn meist grässliche Schimpfwörter sind - der Hindukusch, Afghanistans Schicksalsmassiv, hat die Geschichte des Landes und das Leiden seiner Bewohner geprägt.

Behalten wollte - oder konnte - keine fremde Macht dieses Bergland, und die Mächtigen pflegten allenfalls durchzuziehen durch diesen Friedhof für Invasoren: Alexander mit seinen Makedonen, Tamerlan mit seinen Mongolen, Babur mit seinen Türken. Drei Kriege, den letzten 1919, verloren die Briten gegen die wilden Bergkrieger, einen zehnjährigen Waffengang, 1979 bis 1989, die Sowjets (mit mindestens 15 000 Toten). Nun führt die letzte verbliebene Supermacht einen gewaltigen Militäraufmarsch am Hindukusch an. Amerika hat sich vorgenommen, klüger und erfolgreicher zu sein als alle Vorgänger.

Nur, wie?

Die ersten Schläge werden wohl aus der Luft erfolgen. Binnen Stunden - und wenn der Schein nicht trügt, schon diese Woche - könnten die Amerikaner mit einer gewaltigen Luftarmada über Afghanistan hereinbrechen. Zwar versichern Washingtoner Politiker wie Militärs gleichermaßen, es werde den ganz großen Schlag nicht geben, sondern nur kleinere, gezielte Angriffe. Rechnen müsse man jedoch mit einer »anhaltenden Kampagne«.

Über 500 Kampfflugzeuge hat die Supermacht rund um den Hort der fundamentalistischen Gotteskrieger zusammengezogen, die dem »Chefterroristen« Osama Bin Laden nach wie vor unbeirrt »heiliges Gastrecht« gewähren. Vier Flugzeugträger - »Enterprise«, »Carl Vinson«, »Kitty Hawk« und »Theodore Roosevelt« - liegen als schwimmende Luftstützpunkte im Indischen Ozean oder nähern sich mit voller Fahrt der Krisenregion.

Geschützt von mehr als 50 Überwasserschiffen und U-Booten können von diesen stählernen Inseln praktisch zu jeder Zeit rund 280 Kampfflugzeuge - F-14-Jäger und F-18-Jagdbomber - den Luftkrieg gegen Ziele in Afghanistan tragen. Der britische Träger »Illustrious«, mit 24 Begleitschiffen vor Oman kreuzend, kann 16 weitere Kampfjets beisteuern. Und auch die Franzosen unterhalten eine Staffel von sechs Mirage 2000 im nicht allzu fernen Dschibuti.

Auf Stützpunkten zu Land haben London und Washington mittlerweile eine weitere Luftflotte zusammengezogen: Rund hundert Kampfflugzeuge überwachen schon seit Ende des Golfkriegs 1991 von der Türkei sowie von Saudi-Arabien und Kuweit aus die Flugverbotszonen im Norden und Süden des Irak.

Dieses beträchtliche Arsenal, das mit Luftbetankung binnen Stunden auch einen afghanischen Kriegsschauplatz erreichen könnte, haben die Amerikaner nun noch einmal mehr als verdoppelt. Weit über hundert zusätzliche Air-Force-Jets wurden vergangene Woche in die Krisenregion verlegt: F-15- und F-16-Jagdbomber auf Stützpunkte am Persischen Golf, Langstreckenbomber vom Typ B-52 nach Diego Garcia im Indischen Ozean. Modernere B-1-Bomber landeten ebenfalls dort sowie auf Militärflughäfen in Dschidda in Saudi-Arabien und Fairford in Großbritannien. Hinzu kommen zahllose Hilfsmaschinen für besondere Aufgaben - von der Luftbetankung bis zur elektronischen Aufklärung.

Auch die Zielkoordinaten für den immer wahrscheinlicheren Luftkrieg sind längst erfasst: jene rund 55 Lager und Fluchtburgen von Amerikas Staatsfeind Nummer eins, Osama Bin Laden, den die US-Regierung als Hauptverantwortlichen für die monströsen Terroranschläge von New York und Washington identifiziert hat. Rund 12 000 eigene Kämpfer aus der arabischen Welt, aber auch aus Pakistan oder der russischen Kriegsprovinz Tschetschenien, leben und trainieren dort in alten sowjetischen Armeelagern rund um die großen Städte Kabul und Kandahar. Oder sie verstecken sich in Berghöhlen und Stollensystemen entlang der Südgrenze zu Pakistan.

Auf der Zielliste des Pentagon stehen aber auch die Stellungen und militärischen Einrichtungen der afghanischen Helfer von Bin Laden, der Taliban, die auf diese Weise für ihre Gastfreundschaft abgestraft werden sollen.

Die Truppen der frommen Afghanistan-Herrscher sind zudem in eine Abwehrschlacht mit Feinden aus dem eigenen Land verstrickt. Während Amerika seine Armada in Position brachte, begann die Opposition bereits aus allen Rohren auf die Gotteskrieger zu feuern.

Abgrund Afghanistan - gleich an drei Brennpunkten tobte vorige Woche der Kampf: Südlich von Masar-i-Scharif, einst Sitz des afghanischen Emirs und als Kanonen- wie Säbelschmiede berühmt, tauchte der usbekische General Abdul Raschid Dostam mit einer Streitmacht auf.

Bei Herat im Westen stellte der schiitische Ex-Gouverneur Ismail Khan die Taliban zum Kampf, musste sich nach heftigen Scharmützeln aber wieder zurückziehen. 40 Kilometer nördlich vor Kabul dagegen, wo sich die so genannte Nordallianz am Ausgang des Pandschir-Tals verschanzt hat, eroberte Mohammed Fahim, studierter Theologe und Nachfolger des ermordeten Allianz-Militärchefs General Achmed Schah Massud, wichtige Schlüsselpositionen - und begann damit den Marsch auf die Hauptstadt Kabul.

Auf ihrem Weg werden die Taliban-Feinde sowohl von den Russen unterstützt, die ihnen zurzeit moderne Waffen liefern, als auch - voraussichtlich - von den Amerikanern, und sei es nur deshalb, um möglichst viele Taliban-Truppen zu binden. Die bevorstehenden Luftangriffe, so ließ der stellvertretende Pentagon-Chef Paul Wolfowitz am Rande des informellen Treffens der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel durchblicken, würden der Nordallianz massiv helfen, sobald der Aufmarsch abgeschlossen ist.

Deren Ziel, so Washington, müsse die Einnahme von Kabul sein. Dass das nicht einfach wird, wissen auch die Amerikaner - und offen formulieren, wie das beispielsweise Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice getan hat, lässt sich die angestrebte Vertreibung der Taliban auch nicht mehr: Außenminister Colin Powell wies seine Kollegen darauf hin, dass ein solches Vorhaben völkerrechtswidrig sei.

Deutlich riskanter als der absehbare Luftkrieg wird dagegen die Jagd auf Bin Laden. Es gibt Anzeichen dafür, dass sich die Amerikaner zu einem besonders gefährlichen Vorgehen entschlossen haben, falls endgültig klar sein sollte, dass andere Optionen aus politischen oder militärischen Gründen verbaut sind.

Mit einem Kommandounternehmen könnten amerikanische Special Forces in einem zweiten Abschnitt des inzwischen in Operation »Dauerhafte Freiheit« umgetauften Kriegs gegen den Terror zunächst einen Luftstützpunkt unter ihre Kontrolle bringen: vermutlich den Flughafen von Kandahar.

Der Nacht-und-Nebel-Aktion von Undercover-Trupps und Fallschirmjägern würde ein massives Bombardement vorausgehen müssen. Haben Kommandotrupps und Fallschirmjäger erst mal das Flugfeld gesichert, könnten in rascher Folge Transportflugzeuge Verstärkungen und schwere Waffen einfliegen.

Bis zu 6000 Mann wären nach Pentagon-Berechnungen nötig, um einen solchen Stützpunkt so weiträumig zu sichern, dass die Taliban oder auch Bin Ladens Gefolgsleute den Flugbetrieb nicht mehr mit ihren schweren Maschinenkanonen vom Typ AZP-23, Mörserfeuer, Luftabwehrraketen oder Mehrfachraketenwerfern, den Stalinorgeln, gefährden können.

Von diesem Stützpunkt aus würden die Bin-Laden-Jäger in kürzester Zeit die meisten der Punkte im Süden erreichen, an denen der Terrormillionär vermutet wird. Ist er gefasst oder getötet, werde Washington seine Truppen wieder in sicherere Gefilde zurückziehen, glauben Insider. Eine dauerhafte Besetzung des weitgehend kriegszerstörten Landes, in dem Hunderttausende Minen vergraben sind, komme für die Supermacht nicht in Betracht: Zu schwer wiegt die verlustreiche Niederlage der Sowjets.

Der Krieg, der nun beginnt, wird lange dauern, kündigten US-Präsident George W. Bush und seine Minister ihren Landsleuten an. Amerikanische Soldaten werden sterben. Und vielleicht auch Zivilisten, wenn die Terroristen Amerika wieder auf dessen eigenem Boden angreifen. Darüber wird in Washington allerdings nicht laut gesprochen. Doch jeder rechnet damit.

Der Krieg wird auch kein richtiges Ende haben. Denn wer könnte schon sicher sein, dass die Terroristen, die in der Weltmacht USA den »Satan«, den Inbegriff der »Ungläubigen« oder auch - etwas irdischer - die verhasste Garantiemacht für Israels Existenz sehen, endgültig besiegt sind?

Und auch nur ein Zwischenziel wäre erreicht, wenn Osama Bin Laden entweder gefangen genommen oder getötet würde. Denn dass der saudi-arabische Millionärssohn nur eine Spinne in jenem Netz ist, das etliche Terrorgruppen unter etlichen Anführern aufgespannt haben, versucht Präsident Bush seinen Landsleuten nachhaltig zu erklären.

Bin Laden sei »ein nützliches Symbol«, um die Amerikaner gegen die Terroristen zu mobilisieren wie Saddam Hussein im Golfkrieg 1991, meint Brent Scowcroft, damals Sicherheitsberater von Bush Sr. und heute Ratgeber von Bush Jr., überaus kühl (siehe Interview Seite 170).

Die Erfahrung aus dem Golfkrieg fällt ohnehin desillusionierend aus: Welche Rückwirkungen solche Kriegszüge gegen den Feind Nummer eins - gestern Saddam Hussein, heute Osama bin Laden - haben, ist zumindest in einer Hinsicht deutlich: Selbst wenn der Gegner besiegt ist, wachsen neue Helden mit neuen Gefolgsleuten nach. Längst hat Bin Laden seine Anhänger zum Dschihad gegen einen Feind aufgerufen, der »unter dem Banner des Kreuzes von Bush, dem größten aller Kreuzzügler, angeführt wird«.

Die große, bunte Koalition gegen den Terrorismus, die Außenminister Colin Powell zusammenzubringen versucht, hat auch den Zweck, die Summe der unerwünschten Nebenwirkungen möglichst gering zu halten. Präsident Bush ersucht den Kongress um die Vollmacht, sämtliche Beschränkungen über Militärhilfe und Waffenlieferungen für fünf Jahre aufzuheben. Ihm stünde es dann frei, Teilnehmer am Bündnis gegen den Terrorismus nach eigenem Ermessen zu belohnen. Wenn es nach der amerikanischen Regierung ginge, fände der Krieg halb im Licht, halb im Schatten statt.

Am klarsten spricht solche Wünsche Verteidigungsminister Donald Rumsfeld aus: »Keine Frage, einige unserer Schritte werden zu erkennen sein wie in einem traditionellen Konflikt, andere werden nicht sichtbar werden.« Ein Krieg im Halbdunkeln also. Und einer, bei dem, wie schon beim Golfkrieg, die Wahrheit auf der Strecke bleiben könnte. Pentagon-Chef Rumsfeld pries seine eigene Fähigkeit, ohne zu lügen, die Tatsachen zu verschleiern. CNN jedenfalls soll diesen Krieg nicht mehr live übertragen.

Je näher der Tag X rückt, desto nachhaltiger bereitet die amerikanische Regierung ihr Volk auf die Dauer, die Besonderheit und den Blutzoll des Kriegs vor. Im Weißen Haus fallen die Entscheidungen jetzt im so genannten Kriegskabinett, das sich allmorgendlich um 9.30 Uhr mit Präsident Bush trifft; am späten Nachmittag beratschlagt der kleine, exklusive Zirkel noch einmal per Videokonferenz. Die zentralen Figuren sind Powell, Rumsfeld, Bushs Sicherheitsberaterin Rice, Vizepräsident Dick Cheney und Rumsfelds Staatssekretär Wolfowitz.

Man kennt sich seit Jahrzehnten: Rumsfeld, mit 69 der Älteste, war vor 30 Jahren Cheneys Mentor. Cheney, 61, und schwer herzkrank, wiederum empfahl Rumsfeld als Verteidigungsminister, um Powell, 62, den Darling der amerikanischen Medien, aber auch der Amerikaner selbst, in Schach zu halten. Rice, mit 46 die weitaus Jüngste, übt schon deswegen Einfluss auf den Präsidenten aus, weil sie sich permanent in seiner Nähe aufhält. Dass so viele hoch begabte, erfahrene Profis um den in der Außen- und Sicherheitspolitik unbeleckten Präsidenten herum sind, trägt zur Beruhigung der Amerikaner bei. Dass sie dank ihrer kraftvollen Egos die Lage und die Konsequenzen daraus unterschiedlich beurteilen, führt zu ständigen Spannungen im Kriegskabinett und zu unverhüllten Machtkämpfen um die Hegemonie über den Präsidenten. Die Kontroversen drehen sich um Mittel und Ziele des Kriegs, aber auch um den Sinn der großen Koalition, die Amerika im Krieg gegen den Terrorismus unterstützen soll.

Powell und Wolfowitz prallen regelmäßig wegen des Irak aufeinander. Wolfowitz argumentiert aggressiv, Saddam Hussein sei ein notorischer Sponsor des Terrorismus, und deshalb sei es notwendig, den Krieg auf Bagdad auszuweiten. Er und Cheney, 1991 Verteidigungsminister, halten es für ein schweres Versäumnis, dass Saddam vor zehn Jahren an der Macht geblieben ist. Verantwortlich dafür halten sie Powell, damals Vorsitzender im Vereinten Generalstab der Streitkräfte.

Der spektakulärste Zugang in der »grand coalition«, wie in Amerika die Anti-Terror-Allianz pathetisch heißt, ist Russland. Präsident Wladimir Putin bietet den USA breite Unterstützung für die Operation in Afghanistan an. Dazu gehören Rettungseinsätze für abgestürzte Kampfflieger oder in Gefahr geratene Soldaten der Spezialeinheiten; die Air Force dürfte dann durch russischen Luftraum fliegen.

Russische Truppen würden jedoch, schränkte Putin ein, nicht an einem Kampfeinsatz in Afghanistan teilnehmen. Man wolle nicht ausführen, was »anderswo beschlossen wird«, entschied der Kremlchef - ein deutliches Signal, dass Moskau Distanz zu den militärischen Plänen der Amerikaner halten wird.

Dass Russland aber in eigener Verantwortung militärisch eingreifen könnte, gilt in Moskau als ausgemacht. Nach den Terroranschlägen in den USA überlege die Regierung, wie Russland »zum Sturz des Taliban-Regimes beitragen« könne, berichtete die russische Tageszeitung »Iswestija«.

Denkbar wäre, dass die Russen ihrerseits der Nordallianz Luftunterstützung geben. Planungen dafür gab es bereits im vorigen Jahr, als in Moskau öffentlich Präventivschläge gegen terroristische Trainingslager in Afghanistan debattiert wurden - um bei dieser Gelegenheit dort vermutete tschetschenische Freischärler auszuschalten.

So könnte man nach russischer Auffassung von usbekischem Territorium aus Terroristenlager mit taktischen Raketen vom Typ »Totschka« beschießen. Mittelstreckenbomber, aber auch Jagdbomber vom Typ Su-24 wurden schon im Afghanistan-Krieg eingesetzt. Allerdings blieb den Piloten eine bittere Lehre nicht erspart. Die schweren Maschinen trafen selten ihre Ziele, während die leichten schnell Opfer afghanischer »Stinger«-Raketen wurden.

Putins Kooperationsangebot an die Amerikaner, mit dem er sich über gravierende Bedenken seines Außenministers hinwegsetzte, ist eine mittlere Sensation: Keine Vereinbarung mit den Vereinigten Staaten seit dem Ende des Kalten Kriegs ging jemals weiter. Doch das Eigeninteresse des russischen Präsidenten liegt auf der Hand: dem militanten Islam in Zentralasien an Russlands Südgrenze eine Niederlage zu bereiten - und dem Westen Verständnis für den schmutzigen Krieg in Tschetschenien abzuverlangen.

Im Übrigen stieß Putin nicht allein zur Koalition, er hatte mehrere Mitbringsel: die Unterstützung durch die zentralasiatischen Republiken Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan.

Vor allem Usbekistan war den Amerikanern mehr als willkommen. Schon am vorletzten Wochenende waren in der Hauptstadt Taschkent große US-Transportmaschinen mit Aufklärungsausrüstung und 100 Soldaten gelandet.

Usbeken-Präsident Islam Karimow ist ein militärisch inzwischen durchaus gewichtiger Partner: Seine 85 000 Mann starke Armee gilt neben der russischen als die professionellste in der GUS, nicht zuletzt dank amerikanischer und auch deutscher Hilfe: Die Bundeswehr liefert seit Jahren militärisches Gerät und bildet in Deutschland usbekische Panzerfahrer und Offiziere aus.

Karimow glaubt auch den triftigsten Grund zu haben, um gemeinsam mit Amerikanern und Russen gegen den islamischen Fundamentalismus vorzugehen. Im übervölkerten Fergana-Tal im Osten Usbekistans gibt es eine gewaltbereite muslimische Opposition. Hier probte die Islamische Bewegung Usbekistans bereits zu Beginn der neunziger Jahre den bewaffneten Aufstand. Um den islamistischen Bazillus von seinem Land fern zu halten, hat Karimow seit Monaten schon die Grenzen zu den Nachbarstaaten Kirgisien und Tadschikistan vermint.

Das Regime in Taschkent ist ein Dorn im Auge der Taliban. Vorige Woche drohten sie Außenminister Abdul-asis Komilow in einem dringenden Schreiben mit dem »Heiligen Krieg«, sollte Usbekistan der »imperialistischen und arroganten Regierung der USA« tatsächlich helfen.

Auch in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, jagen militärische Lagebesprechungen und Logistik-Konferenzen einander. Unter Führung russischer Militärs werden mögliche Operationsziele zusammengestellt sowie Truppenbewegungen im unzugänglichen Nachbarland Afghanistan simuliert - einstweilen am Computer oder im traditionellen Sandkasten.

Bei solchen Zusammenkünften in der Nähe des Präsidentenpalastes sind von ferne auch drahtige Zivilisten zu sehen, deren Anzüge wie das Bürstenhaar deutlich besser geschnitten sind als in der ehemaligen Sowjetrepublik üblich. Doch amerikanische Militärberater seien nicht im Lande, »gar nicht, keinesfalls«, versichert die tadschikische Regierung.

Dennoch: Auf dem Flugfeld von Kuljab, knapp 50 Kilometer von der afghanischtadschikischen Grenze entfernt, stehen, so heißt es, bereits einige amerikanische Flugzeuge. Andere Gerüchte wollen wissen, dass jene Flugzeuge, die Nacht für Nacht in Richtung südliche Grenze fliegen, ausschließlich russische Transporter seien, voll mit Waffen, Ausrüstung und Munition für die afghanische Nordallianz. Der schlagartig angekurbelte Nachschub, so ist von Diplomaten in Duschanbe zu hören, werde den Russen von den USA nun als anti-terroristische Dienstleistung bezahlt.

Bei solcher Unterstützung sieht die Nordallianz ihre große Stunde gekommen: Sie stellt die Fußsoldaten, die großen USA die Luftwaffe, die Russen liefern mindestens neue Waffen, das wär's doch.

»Wir kontrollieren bereits mehr als ein Viertel Afghanistans«, feierte Dr. Abdullah, Außenminister der Nordallianz, vorige Woche vollmundig die ersten Erfolge. Demnach hätte das Bündnis binnen wenigen Tagen fast ein Fünftel des Landes zurückerobert - militärisch schwer möglich.

Denn noch gibt es nur wenig Anzeichen dafür, dass die neuen Waffen bereits an der Front eingetroffen sind. Außer über Kalaschnikows, Maschinengewehre und Artillerie verfügte die Opposition bis vor kurzem über veraltete Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sowjetischer Bauart. Dazu Boden-Boden-Raketen und Granatwerfer.

Die Luftwaffe besteht nach Verlust der letzten MiG-Jäger beim Sturm der Taliban auf Masar-i-Scharif nur noch aus Mi-8-Hubschraubern; zehn neue Maschinen hatte Massud jüngst in Russland mit indischen Spendengeldern gekauft. Die einzige größere Luftbasis, ein früherer Sowjet-Flugplatz bei Bagram, wird pausenlos von den Taliban beschossen.

Auch die Ausrüstung der Fußtruppen war bisher marode: Die 15 000 Soldaten tragen oft sowjetische Uralt-Maschinenpistolen, Koppelschlösser mit Hammer und Sichel und dazu Turnschuhe. Nur die wenigen Berufssoldaten werden bezahlt - mit 250 000 Afghani pro Monat, gut zwei Dollar. Der Rest sind Bauernburschen. Sie werden von den Familien aus den Heimatdörfern versorgt.

Um die Taliban auf breiter Front zurückzudrängen, muss die Nordallianz zuerst jene sieben Provinzen wiedererobern, die an die postsowjetischen Staaten Zentralasiens grenzen, von Herat im Westen bis Tachar im Osten. Nur dann könnte Moskau auch auf dem Landweg den Waffennachschub ankurbeln - über die usbekisch-afghanische Grenzbrücke bei Termes am Amu-Darja, über die 1979 die sowjetischen Truppen nach Afghanistan einfielen.

Bislang kämpften die örtlichen Warlords der Allianz jedoch auf eigene Faust, ohne nennenswerte militärische Koordination. Rivalitäten, Intrigen und Verrat bestimmten das fragile Bündnis; kaum verwunderlich, dass sich vor zwei Wochen keiner der Militärführer zur Beerdigung des ermordeten Generals Massud im Pandschir-Tal einfand.

Nagendes Misstrauen begleitet die Nordallianz seit ihrer Gründung vor vier Jahren. Weil Pakistan, Saudi-Arabien und die Arabischen Emirate damals allein auf die neuen Machthaber in Kabul, die Taliban, setzten und eine wirklich repräsentative Koalitionsregierung aller Volksgruppen unmöglich machten, sorgte Gegenspieler Iran für einen Zusammenschluss der bislang untereinander verfeindeten Opposition.

Rund um die alte Handelsmetropole Herat saß die schiitische Gruppierung von Ex-Gouverneur Ismail Khan. Der wiederum war mit dem bis heute offiziellen Staatsoberhaupt Rabbani und dessen Militärchef Massud verbündet, beides Tadschiken, die nach dem Einrücken der Taliban ihr Hauptquartier im unzugänglichen Bergland der Nordostprovinz Badakschan aufschlugen.

In Zentralafghanistan hielt die Hizb-i Wahdat unter Karim Khalili die Stellung, Kämpfer der schiitischen Hazara-Stämme, Nachkommen vor Jahrhunderten eingefallener Mongolenvölker. Im Norden schließlich hatte Bauernsohn Dostam sein autonomes Reich aufgebaut, mit eigenen Botschaften und eigenen Pässen. Keiner verkörpert die Unberechenbarkeit der Nordallianz besser als der vom Volksschüler zum Divisionskommandeur aufgestiegene Usbeken-Chef. Dostam begann seine Karriere unter Putschgeneral Daud, der 1973 den König gestürzt hatte. Die Sowjets beförderten ihn zum Bataillonskommandeur.

Nach deren Abzug stützte Dostam mit einer 50 000-Mann-Truppe den von Moskau zurückgelassenen Statthalter Nadschibullah. Der ernannte den schnurrbärtigen Haudegen gleich zweimal zum »Helden der Republik« - weil er mit seinen Bombern Mudschahidin-Führer wie Massud von Kabul fern hielt.

Drei Jahre später freilich ließ der flexible Usbeke den Staatschef im Stich, verbündete sich mit den Rebellen und wurde zum Dank von ihnen mit dem Ehrentitel »Mudschahid Kabir« (großer Mudschahid) bedacht. Als dann die Taliban auf die Hauptstadt vorrückten, zog er sich in seine nördliche Heimat bei Masar-i-Scharif zurück, bevor ein Verräter auch ihn zu Fall brachte und seine Hochburg den Koranschülern auslieferte - Dostam flüchtete in die Türkei.

Nun ist der Mann mit dem Gespür für den richtigen Augenblick wieder da. Letzte Woche hatten seine Truppen Afghanistans nördliche Hauptstadt Masar-i-Scharif von allen Seiten in die Zange genommen, Voraustrupps lieferten sich in den Vororten heftige Straßenkämpfe. Aufgefangene Funksprüche der Taliban ließen vermuten, die Gotteskrieger zögen sich nach Süden zurück. Es sei eine Frage weniger Tage, bis Kabul in die Hände der Nordallianz falle, gab sich ein Bündnissprecher optimistisch.

Immerhin: Die Herrschaft der Taliban ist nicht mehr uneingeschränkt. Etwa fünf Millionen Afghanen, jeder fünfte Einwohner, sind geflohen oder auf der Flucht, die Städte, aus Furcht vor US-Angriffen, entvölkert.

Eine dreijährige Dürre hat alle Ernten vernichtet, und die Vorräte, die internationale Hilfsorganisationen vor ihrem Rauswurf ins Land gebracht haben, reichen nur noch für drei Wochen. Die Uno warnte vor einer Hungerkatastrophe.

Die Afghanen fliehen aber auch, weil Taliban-Trupps durch das Land ziehen und alle wehrpflichtigen Männer zur Vorbereitung des Kampfes gegen die USA in ihre Milizen zwingen. Um sich Mut zu machen, riefen sie ihre Anhänger zu Protest-Paraden auf und ließen sie die - seit Jahren stillgelegte - US-Botschaft in Kabul anzünden.

Die moralische Aufrüstung ist auch bitter nötig, denn die Taliban-Armee, die einst das Land im Sturm nahm, ist inzwischen ein heruntergekommener Haufen: Die Gotteskrieger verfügen nur noch über ein halbes Dutzend Kampfflugzeuge.

Die etwa 20 Hubschrauber, die den islamistischen Eiferern zur Verfügung stehen, sind nur mehr von historischem Wert, genau wie die 100 noch einsatzbereiten Panzer aus Sowjetbeständen und etwa dreimal so viele gepanzerte Fahrzeuge.

Ihre Gegner von der Nordallianz sind dagegen siegesgewiss. Sie schickten vorige Woche Abgesandte nach Rom, um dort den im Exil lebenden König Zahir Schah zu überreden, nach der Eroberung Kabuls zurückzukehren und eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Auch Russland sieht in dem Ex-Herrscher einen Mann, der das zerrissene Land einigen könnte.

Doch schon weil Pakistan, das eine 2400 Kilometer lange Grenze mit Afghanistan teilt, eine zentrale Rolle in Powells großer Koalition einnimmt, darf Amerika die Unterstützung der Nordallianz nicht zu offen zeigen. Denn die Taliban-Feinde werden auch von Indien, Pakistans bitterem Rivalen, subventioniert.

»Unsere Militärstrategie schließt ein feindseliges Regime in Afghanistan aus«, sagt Salahuddin Tirmizi, ein ehemaliger Armeekommandeur. Pakistan bleibt deswegen - nachdem Saudi-Arabien und die Golf-Emirate die Beziehungen abgebrochen haben - das einzige Land der Anti-Terror-Allianz, das die Taliban-Regierung diplomatisch anerkennt (siehe Seite 166).

Wie disparat die Powell-Allianz zusammengesetzt ist, zeigt sich vor allem auf dem Subkontinent. Indien und Pakistan streiten nach wie vor um Kaschmir und rüsten nuklear gegeneinander auf.

Würde Iran, wie von Powell gewünscht, trotz der harschen Absage durch den religiösen Führer Ajatollah Chamenei doch noch zum Bündnis hinzustoßen, wäre die Freude über den neuen Partner kaum nachzuvollziehen: Seit langem tritt Teheran als Mäzen der Hamas und der Hisbollah im Nahen Osten auf, zwei Terrorgruppen, die in Israel Anschläge verüben - und die wie Bin Laden auf der US-Liste mörderischer Organisationen stehen.

Die Powell-Gegner in der amerikanischen Regierung monieren deshalb an der unterschiedslosen Aufnahme neuer Verbündeter, dass dadurch der Aktionsradius der Allianz entscheidend eingeengt werde. Tatsächlich ist aus der Perspektive des Außenministers ein Militärschlag eher zweitrangig - ein unvermeidliches Beiprodukt zur Beruhigung der amerikanischen Öffentlichkeit, die früher oder später Taten sehen will.

Es sind es vor allem die Militärs, die das Bündnis des einstigen Vorzeige-Soldaten skeptisch beäugen: Hilfe für ihren weltweiten Krieg bringt es kaum.

So hat die saudi-arabische Regierung schwerste Bedenken, ihre gerade erst nahe Riad fertig gestellte Kommandozentrale »Prinz Sultan« für den Terrorkrieg freizugeben (siehe Seite 174). Erst als der Aufbau eines neuen Führungszentrums irgendwo anders in der Region beschlossen war, lenkten die Saudis ein und erfüllten den Amerikanern nach anhaltendem Drängen »die meisten Dinge, die wir uns wünschen«, so ein US-Militär. Pakistan, zunächst als ideale Startbasis für Kommandounternehmen gegen Bin Laden im Süden Afghanistan eingeplant, verweigert sich zudem hartnäckig amerikanischem Druck. Einer vierköpfigen Militärdelegation aus Washington machten die Waffenbrüder in Islamabad vergangene Woche unmissverständlich klar, dass sie einen Sturz der Taliban und die Machtübernahme durch deren Gegner nicht hinnehmen würden. Nach dieser Erklärung mochten die Pentagon-Planer den pakistanischen Militärs kaum noch trauen. Als »Alptraum« gilt im Pentagon die Gefahr, meuternde pakistanische Einheiten könnten Operationen gegen ihre afghanischen Freunde und Nachbarn sabotieren.

»Ein abgeschossenes Tankflugzeug hätte ein Debakel zur Folge, wenn reihenweise Jets notlanden müssen oder gar abstürzen, die dort den Sprit für den Heimflug aufnehmen sollten«, warnte ein US-Pilot vor den Gefahren eines Luftkriegs, bei dem möglicherweise Luftbetankungen über feindlichem Gebiet stattfinden müssten.

Doch inzwischen hat der Countdown zum Angriff längst begonnen. Vorigen Freitag bestätigte ein Regierungssprecher in Washington, dass amerikanische und britische Kommandoeinheiten schon zwei Tage nach den Anschlägen in Pakistan gelandet und nach Afghanistan eingedrungen seien. Gruppen von drei oder fünf Soldaten suchen seither in der Gegend von Kandahar nach Spuren von Bin Laden. Überdies seien bereits Hubschrauber im Tiefstflug nach Afghanistan vorgedrungen, um weitere Kommandos abzusetzen. Auch Präsident Bush bestätigte, die USA seien den Terroristen »dicht auf den Fersen«.

Auf dem Höhepunkt des Nervenkriegs unternahm Pakistans Militärherrscher vorigen Freitag noch einen letzten Versuch, den drohenden Krieg aufzuhalten, und schickte eine weitere Delegation ins Nachbarland.

Die Emissäre, darunter Pakistans Geheimdienstchef, sollten den Taliban-Führer Mullah Omar in letzter Minute überreden, seinen Gast doch noch auszuliefern. Der oberste Taliban hörte freundlich zu, schickte die Delegation jedoch ohne Bin Laden zurück und versuchte noch einmal, Zeit zu gewinnen.

Zuerst müssten die USA »ihre Sturheit aufgeben«, verkündete der Geistliche, dann sei Afghanistan bereit, neu zu verhandeln. HANS HOYNG,

SIEGESMUND VON ILSEMANN, DIRK KOCH,

JÖRG. R. METTKE, CHRISTIAN NEEF, GERHARD SPÖRL

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.