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Sri Lanka Krieg in der Stadt

Der Kampfeswille der Tamilen-Tiger ist ungebrochen, ihre Selbstmordkommandos können jederzeit zuschlagen.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Gern prahlen sie, die »stärkste aller Waffen« zu besitzen und deshalb militärisch unbezwingbar zu sein. Vergangene Woche unterstrichen die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) diesen Anspruch: Ihnen gelang der bisher blutigste Anschlag seit zwölf Jahren im Bürgerkrieg auf Sri Lanka.

Für die Regierung der Präsidentin Chandrika Kumaratunga war es eine demütigende Niederlage. Mitten im Zentrum der festungsgleich gesicherten Hauptstadt Colombo konnte ein Selbstmordkommando aus drei Männern einen Lastwagen voll Sprengstoff vor die Zentralbank steuern und sich dann mitsamt der tödlichen Fracht in die Luft jagen. Mindestens 75 Menschen starben, weit über 1000 wurden verletzt.

Colombo ist eine kleine Stadt. In einem Umkreis von einem halben Kilometer liegen der Präsidentenpalast, das Marinehauptquartier, die Zentralbank, alle wichtigen Finanz- und Wirtschaftszentren des Landes, die Büros der internationalen Fluggesellschaften, zwei Luxushotels. Tag und Nacht patrouillieren Dutzende schwerbewaffneter Soldaten und Polizisten durch das Zentrum rund um den alten Uhrturm.

Das Attentat verhindern konnten sie nicht, und die Tiger, die für einen unabhängigen Staat kämpfen, hatten wieder einmal bewiesen, mit welch zerstörerischer Wucht sie zuschlagen.

Lange hatte die Regierung sich der Illusion hingegeben, die Einnahme der Rebellen-Hauptstadt Jaffna im Norden der Insel habe ihr Ende vorigen Jahres den entscheidenden Sieg im Kampf gegen die Tiger gebracht. Mit der gewaltigen Explosion in Colombo zerstob der Traum.

»Dieser Wagen ist mit 4000 Kilo Sprengstoff beladen. Wenn wir aufgehalten werden, zünden wir ihn«, stand in drei Sprachen auf einer Metallplatte, die unter den Trümmern gefunden wurde. Tatsächlich hatten die Guerrilleros unter Reissäcken nur 200 Kilo Plastiksprengstoff geladen - genug, um die Umgebung in ein brennendes Inferno zu verwandeln.

Rätselhaft blieb, wie der Laster überhaupt durch den engmaschigen Sicherheitsgürtel in die Stadt vordringen konnte. Vor dem Ziel überwand der Fahrer noch mehrere Straßensperren, ehe er den Wagen gegen das Tor der Zentralbank setzte und die Sprengung auslöste.

»Die Regierung hat den Krieg zu uns nach Jaffna gebracht«, sagte im Dezember der Politkommissar der Befreiungstiger, »jetzt werden wir den Krieg nach Colombo bringen.« Er hielt Wort, wie ein Schlachtfeld sah das Herz Colombos aus: überall auf der Straße zerfetzte Leichen, eingestürzte Gebäude, brennende Autos. So viele Verletzte wurden ins Zentralkrankenhaus eingeliefert, daß sie aus Platzmangel auf dem Parkplatz versorgt werden mußten.

Mit einem Schlag hatten die Befreiungstiger unter ihrem Befehlshaber Velupillai Prabhakaran den wirtschaftlichen Nerv des Landes gelähmt und das Vertrauen ausländischer Investoren erschüttert. Auch die Touristen wurden nachhaltig verschreckt. Zwar strichen die internationalen Reiseunternehmen Sri Lanka nicht gänzlich aus dem Programm; aber Abstecher in die Hauptstadt wollen sie künftig vermeiden.

In Trümmern lagen auch alle Versuche der Regierung, den ethnischen Konflikt zwischen der Mehrheit der Singhalesen (74 Prozent der Bevölkerung) und der Minderheit der Tamilen (18 Prozent) mit politischen Mitteln zu entschärfen.

Nach vergeblichen Bemühungen um einen Waffenstillstand hatte Staatspräsidentin Kumaratunga vergangenen Oktober auf Drängen ihrer Militärberater eine Großoffensive gegen die Guerrilleros im _(* Am Mittwoch vergangener Woche. )

Norden befohlen. Offizielles Ziel war die »Befreiung der Bevölkerung Jaffnas aus dem Griff der LTTE«.

Im Dezember nahm die Armee Jaffna ein - doch von einer Befreiung konnte keine Rede sein. Die Einwohner Jaffnas waren mit den Partisanen in den Dschungel geflohen; bis heute hält das Militär eine Geisterstadt besetzt.

Doch die Eroberung stärkte den Einfluß des Militärs auf die Präsidentin. Nationalistische Singhalesen und der buddhistische Klerus fühlten sich ermutigt, den hinduistischen Tamilen jedes Entgegenkommen zu verweigern, und zwangen die Präsidentin zu einer kompromißlosen Haltung.

Der Plan für eine beschränkte Teilautonomie der Tamilen im Norden und Osten der Insel, den Kumaratunga Mitte Januar dem Parlament vorlegte, blieb weit hinter dem zurück, was die Präsidentin vor der Offensive hatte zugestehen wollen. Wozu Konzessionen, so die Haltung der Regierenden, wenn die Tiger geschlagen schienen?

Jetzt haben sie ihre Krallen wieder gezeigt. Trotz des Verlusts von Jaffna und mindestens 1500 Gefallenen ist ihre Streitmacht - etwa 10 000 Guerrilleros mitsamt Führungskadern - weitgehend intakt. Und da die Tiger ihre Hochburg Jaffna nicht mehr verteidigen müssen, konnten sie Verbände abstellen, die nun in scheinbar sicheren Teilen des Landes operieren.

Um der Regierung deutlich zu machen, daß sie überall angreifen können, selbst mitten in der Hauptstadt, setzten die LTTE-Kämpfer wieder mal ihre »stärkste Waffe« ein - die Black Tigers, meist jugendliche Fanatiker, die sich gezielt auf Selbstmordanschläge vorbereiten und bedenkenlos den Opfertod sterben.

Im Dschungel halten sich Hunderte von Schwarzen Tigern versteckt, auch in Colombo tauchten vermutlich viele unter und warten auf den Einsatzbefehl. Die Stadt weiß nicht, wie sie sich schützen kann. »Einen Mann, der bereit ist zu sterben, kann man nicht aufhalten«, sagt ein hoher Polizeibeamter.

Überall sind Straßensperren aufgebaut, Autos werden durchsucht, Einwohner tamilischer Abstammung wahllos verhört und verhaftet. Den Tigern wären Ausschreitungen gegen den tamilischen Bevölkerungsteil nur recht, sie würden ihnen neue Rekruten und Sympathisanten zutreiben. Niemand fühlt sich mehr sicher. Mitglieder der Regierung meiden ihre Büros und verschanzen sich zu Hause.

Selbst die Präsidentin zeigt sich kaum noch in der Öffentlichkeit. Nach der Explosion vor der Zentralbank wäre es normalerweise ihre Aufgabe gewesen, die geschockte Nation mit einer Ansprache zu beruhigen. Doch traute sie sich nicht einmal, eine Pressekonferenz einzuberufen. Ihre Erklärung, in der sie den LTTE-Anschlag als »Verzweiflungstat« abtat, erreichte die Journalisten per Fax. Y

* Am Mittwoch vergangener Woche.

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