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SPIEGEL Gespräch »Krieg in Europa wird wieder möglich«

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Altenburg, über SDI und die Zukunft der Bundeswehr
aus DER SPIEGEL 7/1986

SPIEGEL: Herr Altenburg, Sie sind skeptisch gegenüber SDI, den amerikanischen Plänen für den Aufbau einer weltraumgestützten Raketenabwehr. Warum?

ALTENBURG: »Skepsis« ist Ihr Wort. Wir haben die Pflicht, über strategische Entwicklungen nachzudenken. Der Grundgedanke, der zu SDI geführt hat, ist verständlich. Die Forschung - und darum handelt es sich im Moment - ist Rechtens; und notwendig. Aber wenn man so etwas macht, dann muß sichergestellt sein, daß nicht nur Raketen interkontinentaler Reichweiten, sondern aller Reichweiten abgewehrt werden. Sonst entstehen in bezug auf das nukleare Risiko Zonen unterschiedlicher Sicherheit. Das ist das erste. Die zweite Überlegung: Die Entwicklung, die sich hier anbahnt, hat in erster Linie eine strategische Dimension. Sie ist also mehr als Rüstungskooperation und Technologietransfers.

SPIEGEL: Wo liegt für Sie die grundsätzliche Bedeutung von SDI?

ALTENBURG: Das Grundsätzliche ist der Wandel, der in der Strategie über Jahrzehnte vor sich gehen kann, denn eine Strategie verändert sich nicht in wenigen Jahren. Ein solcher Wandel könnte beispielsweise die Rolle der Nuklearwaffen, wie sie in der heute gültigen Strategie der flexiblen Reaktion festgelegt ist, verändern. Nuklearwaffen, die wir heute als Mittel zur Abschreckung brauchen, könnten dann in ihrer Bedeutung gemindert, am Ende eines langen Prozesses im Idealfall sogar wirkungslos werden. Dann käme den konventionellen Waffen eine noch entscheidendere Funktion in der Strategie zu als heute.

SPIEGEL: Trotz Ihrer Skepsis richten Sie sich auf eine Zukunft mit SDI ein. Ihr Führungsstab hat bereits eine Studie für eine europäische Raketenabwehr (EVI) ausgearbeitet.

ALTENBURG: Die Sowjet-Union besitzt bereits ein intaktes Raketenabwehrsystem. Sie wird ihre laufende Forschung und Entwicklung weiter vorantreiben. Das mußte natürlich Konsequenzen haben. Die USA begannen SDI-Forschung für mehr Stabilität in der Sicherheit. Wir haben über die bedrohungsgerechte europäische Luftverteidigung nachzudenken.

SPIEGEL: Das heißt: Der nächste Rüstungswettlauf ist bereits programmiert. West und Ost werden zu einem neuen Gleichgewicht des Schreckens kommen - auf einer sehr viel komplizierteren und sehr viel teureren Ebene.

ALTENBURG: Haben Sie sich das überlegt, was Sie eben gesagt haben? Es muß nicht ein Rüstungswettlauf sein.

SPIEGEL: Sondern?

ALTENBURG: Wenn Sie so wollen: Zwänge zur Abrüstung. Ich kann's genau umgekehrt sehen: eben nicht mit Rüstungsmaßnahmen Waffen schaffen, mit denen ich Menschenleben auslöschen kann, sondern Mittel suchen, die Waffen neutralisieren, so, daß Waffen uninteressant werden.

SPIEGEL: Neue Waffen müssen entwickelt und produziert werden. Das nennen wir Rüstungswettlauf.

ALTENBURG: Diese Mittel müssen produziert werden, ja. Aber es setzt eine völlig neue Kategorie des Denkens ein. Daran müssen sich alle gewöhnen.

SPIEGEL: Haben Sie sich schon daran gewöhnt?

ALTENBURG: Nein. Das ist ein ganz schwerer Vorgang. Denken Sie mal an Egon Bahrs »Perversion des menschlichen Denkens« bei der Neutronenwaffe. Was mit SDI kommt, ist nicht mehr eine Waffe gegen Menschen, sondern ein Mittel, mit dem ich Waffen neutralisiere. Das ist ein Novum im Denken.

SPIEGEL: Wirklich? Selbst Wenn SDI einmal funktionieren sollte - alle werden sofort überlegen, mit welchen neuen Waffen man die gegnerische Abwehr überwinden kann.

ALTENBURG: Oder sie gehen an den Verhandlungstisch, weil sie die Fragwürdigkeit von bestimmten Waffen erkennen. Im Grunde müßte man sogar meinen, die SDI-Rede von Reagan im März 1983 sei die Antwort auf die Demonstration auf der Bonner Hofgartenwiese: »Weg mit Atomwaffen!« Allerdings muß man auch die Probleme sehen: Denken Sie an die berühmte Käseglocke, von der man sagt, sie werde über die Sowjet-Union gestülpt und dann komme keine Waffe raus. Hier beginnt mein erstes Problem. Denn die Waffen gegen die Vereinigten Staaten müssen ja nicht aus der Sowjet-Union kommen; sie können von U-Booten abgeschossen werden, die irgendwo auf dem Ozean sind.

SPIEGEL: In Amerika gibt es heutzutage keinen Wissenschaftler, keinen Militär, keinen Politiker mehr, der sagt, daß es ein hundertprozentig wirksames Abwehrsystem geben wird. Beide Seiten werden Offensivwaffen, Atomwaffen behalten.

ALTENBURG: Hier liegt in der Tat ein weiteres Problem: Kann man hundertprozentige Abwehrfähigkeit erreichen?

Wahrscheinlich nicht. Reicht es schon, wenn ich die Fähigkeit der anderen Seite um 70 Prozent reduziere? Denn der gezielte Einsatz gegen mich wäre dann vielleicht nicht mehr möglich. Und dann kommt die Frage: Wie groß ist das Restrisiko, das beide Seiten noch zu tragen gewillt sind? Deshalb sage ich - ob Sie das nun Rüstungswettlauf nennen oder nicht -, die Menschheit beginnt in neuen Dimensionen zu denken. Ich glaube, die Sowjet-Union ist deshalb so schnell nach Genf gegangen, weil Gorbatschow den Ernst der US-Absicht richtig einschätzt.

SPIEGEL: Der sowjetische Parteichef schlägt vor, die Nuklearwaffen ganz abzuschaffen. Halten Sie das für einen Propagandatrick?

ALTENBURG: Ich würde das nie als einen Propagandatrick abtun. Ich habe aber Zweifel, ob die Welt in die nukleare Unschuld zurückfallen kann. Und ich habe Sorge, daß der konventionelle Krieg dann wieder akzeptabel und führbar werden könnte.

SPIEGEL: Er wäre für unser Land verheerend.

ALTENBURG: Ja, er könnte die Existenz unseres Landes in Frage stellen. Wir sind das Glacis anderer. Breschnew hat gesagt, er halte den nuklearen Krieg nicht für führbar. Der große, weltweite konventionelle Krieg ist, meine ich, ebenfalls nicht führbar.

SPIEGEL: Ein konventioneller Krieg in Europa doch wohl auch nicht.

ALTENBURG: Nehmen wir einmal an, SDI würde nicht nur im interkontinentalen Bereich wirksam, sondern auch bei den Waffen mittlerer und kurzer Reichweite, dann, denke ich, könnten wir in die Situation kommen, daß der konventionelle Krieg regionalisiert, limitiert auch in Zentraleuropa wieder möglich wird. Denn dann wäre die Androhung der nuklearen Eskalation, mit der wir nach der geltenden Strategie den Ausbruch eines konventionellen Konflikts verhindern, wirkungslos, dann stünde die nukleare Waffe auch als Signalmittel - um das Ende eines Kriegs zu erzwingen - nicht mehr zur Verfügung.

Und jetzt bin ich bei der Bundesrepublik Deutschland. Ich bin der Meinung, daß wir vor der Notwendigkeit stehen, endlich bereits dem konventionellen Element in unserer Strategie eine erkennbare Abschreckungswirkung zu geben.

SPIEGEL: Sie machen sich Gedanken über ein kleines SDI-Programm, eine europäische Raketenabwehr. Das kostet Geld. Sie haben aber Ihre Milliarden bis zum Jahre 2000 bereits verplant: in Flugzeugen, Fregatten, U-Booten, Kampffahrzeugen für das Heer, neue Munition, Aufklärungsmittel et cetera. Woher sollen die zusätzlichen Gelder kommen?

ALTENBURG: Wenn man sagt, SDI kostet uns nichts, dann bezieht sich das nur auf die Forschung zur Abwehr interkontinentaler Raketen. Der mittelbare Einfluß von SDI wird uns meines Erachtens schon etwas kosten; denn aus SDI resultiert ja nicht nur der Wunsch, sondern der Zwang zur Verbesserung konventioneller Fähigkeit. Und - in der Tat - das wird auch eine finanzielle Seite haben.

SPIEGEL: Als neue Aufgabe brauchen und wollen Sie also eine Luftverteidigung, die

auch die Abwehr von Raketen mittlerer und kurzer Reichweite einschließt. Und zur Begründung erklären Sie plötzlich, Sie fühlten sich neu bedroht.

ALTENBURG: Wieso denn das?

SPIEGEL: In den jüngsten Bundeswehrplänen steht nichts davon, daß die Sowjets ihre Raketen auch mit konventionellen, biologischen und chemischen Sprengköpfen ausstatten, wie Sie jetzt plötzlich sagen.

ALTENBURG: Die bisherigen Bundeswehrpläne gehen in die 90er Jahre, nicht ins Jahr 2000. Das darf uns aber nicht daran hindern, über die neunziger Jahre hinaus zu denken. Und da sehen wir, daß die Sowjet-Union in der Lage ist, Raketen bestimmter Reichweite und Cruise Missiles nicht nur mit nuklearen Sprengköpfen auszustatten, sondern auch mit konventionellen und chemischen.

SPIEGEL: Woher, bitte, kommt diese Erkenntnis?

ALTENBURG: Aus den einschlägigen Diensten; aus den Analysen dessen, was auf der anderen Seite geschieht. Der Geheimhaltungsgrad verbietet, Ihnen dazu mehr zu sagen.

SPIEGEL: Versuchen Sie es trotzdem.

ALTENBURG: Raketen mit nuklearem Gefechtskopf fielen bisher in die Denkkategorie von »Strike« und »Counterstrike«. Das heißt: Die Anwendung von Atomwaffen wird durch die Gegendrohung mit Atomwaffen verhindert. Diese Drohung wirkt meines Erachtens nicht bei Raketen und Cruise Missiles mit konventionellen Köpfen. Hier muß ich, unabhängig von SDI, Abwehrmöglichkeiten haben.

SPIEGEL: Und wie wollen Sie feststellen, was für einen Sprengkopf die Rakete trägt, die gerade im Anflug ist?

ALTENBURG: Das ist ein großes, aber wahrscheinlich lösbares Problem. Ich kann mir vorstellen, daß die Sowjet-Union selbst ein Interesse daran hat, Verifikationsprobleme zu lösen.

SPIEGEL: Eine europäische Raketenabwehr erfordert Entscheidungen in Minuten. Ein einziger Fehler im System - dann brennt die Welt.

ALTENBURG: Ich möchte jetzt nicht mit solchen Schlagworten arbeiten. Wir müssen sachlich denken. Bei Flugzeugen gab es schon immer die Doppelfähigkeit zum Einsatz atomarer und konventioneller Bomben, und Flugzeuge waren deshalb der Faktor in der Luftbedrohungsanalyse. Es gibt Verifikationsmöglichkeiten im Bereich der interkontinentalen Raketen, die von beiden Seiten akzeptiert sind. Aber die Sowjet-Union konfrontiert uns mit einem neuen Problem. Sie stattet, zu unserer Überraschung, ballistische Raketen, die bisher nur Nuklearträger waren, konventionell aus.

SPIEGEL: Stattet die Sowjet-Union aus oder will sie ausstatten?

ALTENBURG: Sie stattet aus. Und das ist das Problem!

SPIEGEL: Und das Zeitproblem?

ALTENBURG: Hier sind wir in der ersten Phase des Nachdenkens. Für mich als Soldat sind zum Beispiel Früherkennung, Zeitraum für Entscheidungen, Verifikation konventioneller oder nuklearer

Träger, Auswirkungen auf die Strategie wesentlich wichtigere Faktoren als Rüstungskooperation.

Wenn Sie jetzt zum Beispiel die Frage stellen, können Sie eigentlich Raketen mittlerer oder kurzer Reichweite schon in der Startphase abfangen ...

SPIEGEL: Wir stellen sie hiermit.

ALTENBURG: In der Startphase ist dies, nach allem, was wir wissen, einfacher möglich als im freien Flug, denn in dieser Phase können keine Täuschkörper eingesetzt werden. Außerdem: Es ist nicht anzunehmen, daß in einer normalen politischen Lage plötzlich Raketen losfliegen, aus heiterem Himmel sozusagen, ohne politische Spannung und militärische Vorbereitung. In der Krisensituation sind aber datengestützte Entscheidungshilfen und der Mensch als Entscheidender zusammen.

SPIEGEL: Auf die SDI-Idee haben Präsident Reagan nicht die Generale, sondern die Techniker und Wissenschaftler gebracht.

ALTENBURG: Es war wohl nicht das Pentagon.

SPIEGEL: So ist es. Die Wissenschaftler produzieren Ideen, die Politiker zahlen, und die Militärs liefern dann die Strategien und die Begründung: die Bedrohung durch die andere Seite.

ALTENBURG: Wollen wir doch mal ganz ehrlich sein: Die technische Fähigkeit ist da. Oder ich sag's umgekehrt: Jemand sagt: Mensch, wie komme ich nur aus dieser nuklearen Misere raus? Plötzlich bietet sich eine technische Möglichkeit. Sie ist dann eventuell der Auslöser. So inspirieren sich doch Intentionen und das technisch Machbare gegenseitig.

SPIEGEL: Ängstigt Sie eigentlich nicht der Gedanke, wieviel menschliche Energie und wieviel wertvolle Ressourcen in den nächsten Jahren verschwendet werden müssen, um all diese Probleme in den Griff zu kriegen, in Ost und West?

ALTENBURG: Ja und nein. Ob wir wollen oder nicht: Die Dinge sind nun einmal in Bewegung gekommen. Deshalb mein Plädoyer: Laßt das Ganze nicht degenerieren zu einem Denken nur in der Kategorie des technisch Möglichen und des Technologietransfers, sondern macht es in erster Linie zu einem Denken in sicherheitspolitischen Kategorien.

SPIEGEL: Meinen Sie damit Zwang zur Rüstungskontrolle?

ALTENBURG: Was sich als Konsequenz daraus ergibt, wird sich vielleicht schon in Genf zeigen. Sie haben zum Glück »Rüstungskontrolle« gesagt und nicht Abrüstung. Denn vor der Abrüstung steht erst einmal die Rüstungskontrolle, und ich sage: Wenn's mal zur substantiellen Rüstungskontrolle kommt, sind wir schon ein ganzes Stück weiter.

SPIEGEL: Die Bundeswehr hat gerade mit großem Brimborium ihren 30. Geburtstag gefeiert. Folgt man den Jubiläumsreden, dann ist alles ganz prima. Nach Ihren internen Papieren sieht es weniger gut aus: Es fehlen Aufklärungssensoren, Fernmelde- und Führungssysteme sind veraltet, es fehlt vor allem an Munition. Ist die westdeutsche Streitmacht nur bedingt einsatzbereit?

ALTENBURG: Wir haben nicht die Qualität erreicht, die wir haben müßten, damit unsere Streitkräfte in jeder Hinsicht strategiekonform sind.

SPIEGEL: Was heißt »strategiekonform«?

ALTENBURG: Strategiekonform heißt für mich: Die nuklearen Waffen dürfen nur ein politisches Mittel sein, nicht aber bessere Artillerie auf dem Gefechtsfeld zur Kompensation konventioneller Schwäche. Wir haben zum Beispiel keine ausreichende Stehfähigkeit. Eine Entscheidung zur Eskalation, zum Einsatz atomarer Waffen, darf nicht aus einer militärischen Zwangslage gefällt werden, sie muß aus politischen Motiven erfolgen.

SPIEGEL: Sie bestreiten, daß die Bundeswehr nur bedingt einsatzbereit ist?

ALTENBURG: Sie wollen auf einen bestimmten Terminus hinaus, den der SPIEGEL mal erfunden hat. Die Bundeswehr ist einsatzbereit, aber sie entspricht nicht in allen ihren Fähigkeiten der politischen Vorgabe.

SPIEGEL: Wo fehlt's denn? Zu viele Waffen, zu wenig Munition?

ALTENBURG: Ich bin der Meinung, daß vorhandenes Großgerät durch die Nutzung moderner Technologien optimiert werden kann.

SPIEGEL: Das heißt wohl auf deutsch: Die Bundeswehr hat sich nur auf Flugzeuge, Panzer und Schiffe konzentriert, auf Vorzeigegerät.

ALTENBURG: Wir hätten uns bemühen müssen, gleichzeitig mit der Einführung eines neuen Großgeräts auch die passende moderne Munition zur Verfügung zu haben.

SPIEGEL: An wem liegt das? An den Politikern, an den Militärs?

ALTENBURG: Die Militärs haben begrenzte Finanzmittel gehabt. Dieser Plafond reichte gerade aus, das Großgerät in der benötigten Zahl zu bestellen. Jetzt bemühen wir uns um die dazugehörige moderne Munition und um entsprechende Vorräte.

SPIEGEL: Sie wollen die Stärke der Bundeswehr in den nächsten zehn Jahren bei 495000 Mann halten. Dies wird Ihnen nicht gelingen trotz herabgesetzter Tauglichkeitskriterien, trotz Verlängerung des Wehrdienstes und trotz Einsatzes von Reservisten. Warum eigentlich 495000 Mann?

ALTENBURG: Von diesen 495000 werden Anfang der neunziger Jahre 456000 aktiv sein, der Rest wird aus der Verfügungsbereitschaft und Reservisten bestehen. Das ist erreichbar.

SPIEGEL: Die Voraussetzungen haben sich geändert. Die Chefs der Koalitionsparteien haben beschlossen, daß Polizisten, Grenzschützer, Feuerwehrleute, Rot-Kreuz-Helfer, Zivil- und Katastrophenschützer nun doch keinen Grundwehrdienst leisten müssen; damit fehlen in Ihrer Planung 25000 Mann.

ALTENBURG: Wir wollen von diesen 25000 nur einen Anteil. Die Bundeswehr kann die durch die geburtenschwachen Jahrgänge entstehenden Schwierigkeiten nun einmal nicht allein tragen. Ich gehe davon aus, daß wir einen Anteil von 7000 bekommen, da alle gemeinsam die Belastung tragen sollen. Und dabei bleibe ich.

SPIEGEL: Sie hatten vom Kanzler eine politische Vorgabe: Sie durften das Thema Frauen in der Bundeswehr nicht weiterverfolgen. Würden Sie mit uns eine Wette eingehen, daß dieses Thema noch nicht erledigt ist? Mitte des nächsten Jahrzehntes wird es heißen: Frau ans Gewehr.

ALTENBURG: Erstens: Für uns kann es keine Wehrpflicht für Frauen geben. Zweitens: Für mich gibt es Möglichkeiten, in den Streitkräften Frauen grundgesetzkonform einzusetzen. Drittens: Für mich ist das derzeit keine Frage der Planung der Streitkräfte. Wir werden sehen, wie sich die gesellschaftspolitische Diskussion im Laufe des nächsten Jahrzehnts hinsichtlich der Rolle der Frauen in diesem Staat entwickeln wird.

SPIEGEL: Man merkt, die Bundeswehr denkt wirklich langfristig. Wie kommt es eigentlich, so haben Sie auf der Kommandeurstagung im Dezember gefragt, daß viele Wehrpflichtige vor ihrem Dienst eine bessere Meinung von der Bundeswehr haben als hinterher? Und da fragen wir nun Sie: Wie kommt es, Herr General?

ALTENBURG: Der Wehrpflichtige findet in den Streitkräften eine atypische Situation vor.

SPIEGEL: Das war immer so.

ALTENBURG: Ja, das war immer so. Er wird bei uns zwar informiert über das Warum. Aber ich glaube, daß es bei uns gesellschaftstypisch ist, daß jeder den Wert oder den Unwert der Dinge an der persönlichen Belastung mißt. Wir müssen dem Wehrpflichtigen deutlich machen, daß es trotzdem sinnvoll ist, diese persönliche Belastung zu tragen. Das erfordert von den Kommandeuren und Vorgesetzten ein hohes Engagement.

SPIEGEL: Das haben Ihre Vorgänger wohl auch schon so gesagt.

ALTENBURG: Das ist eine Sisyphusarbeit. Sie dürfen nicht vergessen, daß alle 15 Monate 225000 Wehrpflichtige kommen und gehen. Deshalb bleibt es eine sich ständig wiederholende und nicht endende Aufgabe. In einem autoritären System Vorgesetzter zu sein ist einfach; aber schöner, allerdings auch fordernder und belastender ist es, in einer Demokratie seine Aufgabe zu erfüllen.

SPIEGEL: Von 1989 an müssen die Kommandeure noch drei Monate länger auf die Wehrpflichtigen einreden, damit ihnen die Bundeswehr gefalle.

ALTENBURG: Es geht hier doch um mehr: um die Akzeptanz der Strategie und um die Akzeptanz all dessen, was wir für nötig erachten, um verteidigungsfähig zu sein. Außerdem geht es um die innere Attraktivität der Streitkräfte. Die Vorgesetzten stehen vor einer schweren Aufgabe, den Sinn des Dienens überzeugend zu erklären, wenn der Wehrpflichtige aus der Arbeitslosigkeit kommt und von den Streitkräften in die Arbeitslosigkeit entlassen wird.

SPIEGEL: Eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr sagt zur Motivation der Soldaten, 70 Prozent der Wehrpflichtigen seien der Meinung, nichts könne einen Krieg rechtfertigen, bei dem Massenvernichtungsmittel eingesetzt werden.

ALTENBURG: Diese Erhebung wurde auf dem Höhepunkt der Diskussion um den Doppelbeschluß angestellt; so alt ist das. Wenn Sie sich die Fragen ansehen, werden Sie feststellen, daß teilweise recht suggestiv gefragt worden ist. In derselben Studie antworten zum Beispiel auf die Frage: Wenn wir angegriffen werden, müssen wir uns verteidigen? nur etwa 25 Prozent mit »Nein«.

SPIEGEL: Die Verfasser der Studie sagen, daß sich auch jetzt keine grundlegenden Veränderungen in dieser Einstellung gezeigt haben. Im übrigen: Glauben Sie wirklich, das Thema sei erledigt, wenn man die Studie in den Panzerschrank schließt?

ALTENBURG: Die Tatsache, daß wir die Studie nicht zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion machen, bedeutet ja nicht, daß wir uns nicht damit auseinandersetzen. Wir setzen uns mit allen Erkenntnissen auseinander, mit allen. Aber wir tun das intern und ziehen

daraus unsere Schlüsse für die Verbesserung bei der Menschenführung und der Information.

SPIEGEL: In Immendingen hat sich der Bataillonskommandeur nicht kritisch mit den Rekruten auseinandergesetzt, die nur ein Teilgelöbnis ablegen wollten; er hat ihnen mit Strafen gedroht.

ALTENBURG: Das trifft nicht zu. Keiner der Rekruten ist gemaßregelt worden.

SPIEGEL: Der Kommandeur drohte mit Beförderungssperre, mit Nachteilen im Zivilleben. Sprechen Sie mal mit dem Vertrauensmann der Kompanie.

ALTENBURG: Das haben die Vorgesetzten getan. Im übrigen: Wer das Gelöbnis nicht ablegt, bringt für uns zum Ausdruck, daß er den ihm abverlangten Dienst nicht oder nicht uneingeschränkt leisten will. Es ist deshalb nach unserer Rechtsauffassung zulässig, von einer Beförderung abzusehen.

SPIEGEL: Mit dem Kompaniechef, Hauptmann Fechner, hatten Sie wohl schon öfter Ärger?

ALTENBURG: Herr Fechner hat im SPIEGEL mindestens eine Äußerung gemacht, über die ich erschrocken bin, erschrocken, wie er mit Informationen und Erkenntnissen umgeht.

SPIEGEL: Meinen Sie seine Bemerkung, in der Bundeswehr dächten Offiziere darüber nach, wie man nach dem Motto, Angriff sei die beste Verteidigung, Lübeck in Schwerin verteidigen könne?

ALTENBURG: Ich mache in jedem Offizierskreis deutlich, daß wir ganz klar zur politischen Vorgabe stehen: Verteidigung mit operativen Landstreitkräften nur diesseits der Grenze. Wenn ich irgend etwas anderes höre, ob in der Bundeswehr oder bei den Alliierten, sage ich: Wir planen nicht, über die Grenzen zu gehen - ein für allemal.

SPIEGEL: Im Fall Fechner war die von Ihnen gepredigte Toleranz sehr begrenzt, Herr General. Der Divisionskommandeur hat das von Fechner selbst beantragte Disziplinarverfahren eingestellt, der Kommandierende General hat diese Entscheidung wiederaufgehoben.

ALTENBURG: Ich darf mich dazu nicht äußern, weil ein von Hauptmann Fechner angestrengtes Beschwerdeverfahren zur Zeit beim Bundesverwaltungsgericht anhängig ist.

SPIEGEL: Dann grundsätzlich: Der Wehrbeauftragte Willi Weiskirch, ein Christdemokrat, beklagt Duckmäusertum in der Bundeswehr.

ALTENBURG: Das hat sein Vorgänger Berkhan auch getan.

SPIEGEL: Ja, und beide haben viele Belege dafür. Wird nicht mit kleinkarierten Disziplinarmaßnahmen dieses Duckmäusertum geradezu gefördert?

ALTENBURG: Ich kann mich nicht darüber unterhalten, ob in allen Fällen alle disziplinaren Maßnahmen die richtigen und die adäquaten waren. Das kann ich auch dem SPIEGEL gegenüber nicht. Für mich liegt das Problem nicht auf der disziplinaren Ebene, sondern ganz woanders:

Wo endet die Freiheit des Soldaten, politische Meinungen zu äußern angesichts der gesetzlich auferlegten Pflichten aus dem Soldatengesetz? Viele Offiziere anderer Nationen fragen mich: Mensch, Wolfgang, wie weit geht ihr mit eurer Toleranz? Dann sage ich: Jawohl, das ist ein Teil eines von uns verteidigten Gutes.

SPIEGEL: Das Offiziers- und Unteroffizierskorps der Bundeswehr besteht nicht nur aus lauter Altenburgs, sondern offensichtlich auch aus Leuten, die das alles etwas enger sehen.

ALTENBURG: Das gibt's sicherlich. Das gibt's bei Ihnen im Haus auch. Sie müssen auch eins verstehen: Eine Armee in der parlamentarischen Demokratie wandert hin und wieder auf einem Grat zwischen Disziplin und Gehorsam, die sie zu fordern hat, und der Gewährleistung des Grundrechts der freien Meinungsäußerung, das sie schließlich mitverteidigen will.

SPIEGEL: Kann die Bundeswehr bei dieser Gratwanderung nicht nach dem Grundsatz handeln: Im Zweifelsfalle tolerant und liberal?

ALTENBURG: Ja, aber irgendwo ist die Toleranzgrenze. Das Soldatengesetz fordert Zurückhaltung - übrigens besonders bei Vorgesetzten.

SPIEGEL: Die Bundeswehr steht, wie Sie in Karlsruhe auf der Kommandeurstagung gesagt haben, vor Problemen in »noch nie dagewesener Größenordnung«. Sie gehen jetzt zum 1. Oktober als Vorsitzender des Militärausschusses zur Nato nach Brüssel. Sieht das nicht ein bißchen nach Fahnenflucht aus?

ALTENBURG: Die Probleme, die damit angesprochen sind, ergeben sich aus der demographischen Entwicklung - übrigens nicht nur für die Bundeswehr. Dies sieht auch der Verteidigungsminister so. Zu meinem Wechsel zur Nato: Erstens bin ich dann dreieinhalb Jahre Generalinspekteur. Zweitens: Ich habe mich nicht beworben. Der Wunsch kam aus der Allianz. Ich bin einstimmig gewählt worden. Drittens: Personalwechsel an der Spitze von Streitkräften sind ein normaler Vorgang - wir müssen ja auch die frei werdenden Stellen in der Nato nachbesetzen.

Ich kann verstehen, daß in der Presse darüber spekuliert wird. Die unlängst geäußerte Annahme, daß Spannungen zwischen der politischen und militärischen Spitze den Personalwechsel auslösen, ist völlig unbegründet.

SPIEGEL: Der ehemalige General Schmückle hält den Militärausschuß für eine überflüssige Institution. Glauben Sie wirklich, daß Sie Einfluß auf das Denken und Tun der Allianz-Vormacht nehmen können? Sie haben es mit starken amerikanischen Generalen zu tun.

ALTENBURG: Richtig. Und wenn man's mit starken amerikanischen und europäischen Generalen zu tun hat, dann darf man selber nicht der Schwächste sein.

SPIEGEL: Herr Generalinspekteur, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

D. Schröder, O. Petersen
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