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Krieg und Frieden

aus DER SPIEGEL 1/1996

Hält der Frieden? Die Frage bewegt nicht nur die Menschen in Sarajevo und Srebrenica und all den im viereinhalbjährigen Krieg geschundenen Regionen des ehemaligen Jugoslawien. Sie stellt sich auch der westlichen Staatengemeinschaft, die Ende 1995 Truppen auf den Balkan geschickt hat, um diesen Frieden zu sichern - mit dem Risiko, für ihn kämpfen zu müssen.

Was im amerikanischen Dayton ausgehandelt und am 14. Dezember in Paris unterschrieben wurde, ist nicht plötzlich aufbrechender Friedensliebe unter den verfeindeten Völkern anzurechnen - und schon gar nicht den Europäern, die über Jahre hinweg keine einheitliche Politik und mithin auch keine Konfliktlösung zuwege brachten. Dieser Frieden wurde herbeigebombt. Es bedurfte amerikanischen Drucks und - nach mancherlei leeren Drohungen - massiver Luftangriffe der Nato auf serbische Ziele, um die bosnischen Kriegsparteien zur Verständigung zu zwingen. Noch bevor das Abkommen unterschrieben war, ließen bosnische Serben wieder kriegerische Töne hören. Die Uno-Friedenstruppe, 60 000 Mann stark und nun auch mit 4000 Deutschen, scheint auf Gewalt diesmal eingerichtet.

Weite Teile des Landes liegen in Trümmern. Durch Flucht und ethnische Säuberung haben 3,5 Millionen Menschen ihre Heimat verloren, 2,7 Millionen allein in Bosnien. Etwa 400 000 Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien retteten sich in die Bundesrepublik, die von den europäischen Staaten bei weitem das größte Kontingent aufnahm.

Rund 250 000 Menschen, Soldaten wie Zivilisten, sind in diesem Krieg umgekommen. Das Leiden konnten die Fernsehzuschauer in aller Welt, wenn sie es denn noch sehen wollten, beinahe täglich verfolgen - Hausfrauen, die auf dem Zentralmarkt von Sarajevo von serbischen Granaten zerfetzt wurden; Passanten, denen Heckenschützen die Beine wegschossen; Kinder, die auf Minen traten und verbluteten.

Und Tausende starben in Massakern, wie sie in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg unvorstellbar schienen. Die Hauptverantwortlichen sucht das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu ermitteln. Aber selbst wenn die Täter je zur Rechenschaft gezogen würden - ihre Untaten haben Schäden hinterlassen, die kein Gericht ahnden, kein Wiederaufbau reparieren kann. _(* stehend: die Regierungs- bzw. ) _(Staatschefs Gonzalez (Spanien), Clinton ) _((USA), Chirac (Frankreich), Kohl ) _((Deutschland), Major (Großbritannien), ) _(Tschernomyrdin (Rußland); sitzend: ) _(Milosevic (Serbien), Tudjman (Kroatien), ) _(Izetbegovic (Bosnien). )

Unterzeichnung des bosnischen Friedensvertrags am 14. Dezember in Paris*; Tote und Verletzte in Sarajevo nach

Artilleriebeschuß am 28. August (u.)

A. NOGUES / SYGMA

Kriegsopfer in Bosnien

FACELLY / SIPA

AFP / DPA

* stehend: die Regierungs- bzw. Staatschefs Gonzalez (Spanien),Clinton (USA), Chirac (Frankreich), Kohl (Deutschland), Major(Großbritannien), Tschernomyrdin (Rußland); sitzend: Milosevic(Serbien), Tudjman (Kroatien), Izetbegovic (Bosnien).

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