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»Krieg zwischen Russland und China«

aus DER SPIEGEL 7/1970

Ich habe eine Szene nie vergessen können, die im Sommer 1954 in Moskau spielte. Chinas damaliger Außenminister Tschou En-lai war zu der Indochinakonferenz in Genf gewesen, und er kehrte über Moskau nach Peking zurück. Die sowjetische Führung -- Malenkow, Molotow, Kaganowitsch, Chruschtschow, Bulganin und die anderen -- gaben ihm einen Empfang im Spiridonowka-Palais des Außenministeriums.

Dort verlangte das Protokoll, daß der Ehrengast in einem inneren Salon bewirtet wurde, wo er mit den führenden Mitgliedern der sowjetischen Regierung und Partei zusammensaß, während andere Räume für weniger hochgestellte Gäste bestimmt waren.

Als ich den Eingang des Ehrensalons erreichte, stellte ich fest, daß Tschou dort nicht mit den Mitgliedern des Politbüros allein war. Die Botschafter der Staaten, die diplomatische Beziehungen zu China unterhielten, waren ebenfalls zugegen, darunter der britische, der schwedische und der indische Botschafter.

Tschou En-lai war Mittelpunkt der Gesellschaft. Mit dem Glas in der Hand umkreiste er den Tisch In heiterster Stimmung und wechselte Trinksprüche mit seinen sowjetischen Gastgebern. Das war nicht ungewöhnlich. Aber etwas anderes war ungewöhnlich:

Er brachte seine Trinksprüche auf englisch aus, in einer Sprache also, die nicht ein einziges Mitglied des Politbüros sprach oder verstand, während sie allen anwesenden Diplomaten geläufig war. Wann immer Tschou einen

© 1970 S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main. Trinkspruch ausbrachte, mußten seine Worte ins Russische übersetzt werden ehe die russischen Parteiführer antworten konnten.

Tschous Gastgeber waren über sein Verhalten nicht eben glücklich. Tschou trat zu Mikojan und brachte einen Trinkspruch auf englisch aus. Mikojan entgegnete auf russisch: »Warum sprichst du nicht russisch, Tschou, du kannst unsere Sprache doch sehr gut.«

Tschou erwiderte scharf auf englisch: »Hör mal, Mikojan, es wird Zeit, daß du Chinesisch lernst. Ich habe jedenfalls Russisch gelernt.« Darauf Mikojan: »Chinesisch ist eine schwierige Sprache.«

»Nicht schwieriger als Russisch«, antwortete Tschou, »Komm morgen früh in unsere Botschaft. Wir werden dir gern Chinesisch beibringen.« Da mischte sich Kaganowitsch mit einer groben Bemerkung auf russisch ein, doch Tschou fiel ihm ins Wort: »Es gibt für euch keine Entschuldigung.«

Ich beobachtete, wie die Erregung sich auf Tschous Gesicht abzeichnete. Da ich wußte, daß sein Russisch mindestens so gut war wie sein Englisch, merkte ich, daß dies nicht nur der boshafte Scherz eines Politikers war, der sich in Hochstimmung befand. Ich spürte, daß sich unter Tschous Heiterkeit tiefer Ernst verbarg.

Mit ausgesuchter chinesischer Gewandtheit beleidigte er die Russen im Beisein der diplomatischen Kolonie in Moskau und zahlte ihnen damit vieles heim, was die Chinesen in der Vergangenheit hatten hinunterschlucken müssen. Sie wußten das. Er wußte das.

Diese Szene gehörte zu den fragmentarischen Beweisstücken, deren jedes für sich allein wenig besagte und die doch zusammengenommen mir das Gefühl gaben, zwischen Rußland und China bahne sich ein unvorstellbarer Konflikt an.

Meine Vorahnung verletzte damals jede herkömmliche Denkweise und widersprach allen Meinungsäußerungen in Moskau, Peking oder Washington. Das galt auch noch 1959, als ich eine Reise an die sowjetisch-chinesische Grenze unternahm.

In jenem Jahr waren, soweit man im Westen davon wußte, die Beziehungen zwischen Rußland und China vortrefflich. Im Herbst 1954 hatte Nikita Chruschtschow eine Wallfahrt nach Peking unternommen. Damals war China von den letzten Lasten der Stalinschen Politik befreit worden. Die von Moskau China aufgezwungenen sowjetisch-chinesischen Aktiengesellschaften waren aufgelöst worden. Rußland würde China nicht mehr wie eine bessere Kolonie behandeln. Die Vorbereitungen für die vollständige Rückgabe von Port Arthur und Dairen an China und für den Abzug der sowjetischen Garnisonen waren abgeschlossen. Alle Spuren der Sowjetbesetzung in der Mandschurei waren beseitigt worden.

Chruschtschow ging sogar noch weiter. Er versprach China weitere 15 Fabriken über die 141 hinaus, zu deren

* Mit den Politbüro-Mitgliedern Mikojan (l.) und Podgorny.

Errichtung, Wiederherstellung oder Neuausrüstung Rußland sich schon bereit erklärt hatte. Die beiden Länder arbeiteten eng zusammen. 1955 wurde ein neues Abkommen unterzeichnet. aufgrund dessen Rußland Chinas ersten Kernreaktor (für friedliche Zwecke) bauen sollte.

Als Chruschtschow im Februar 1956 seine berühmte Geheimrede gegen Stalin hielt, folgte China mit Maos Lockerung der Zügel nach. Mao: »Laßt hundert Blumen blühen! Laßt hundert Meinungen wetteifern!«

China verwendete sich demonstrativ in Osteuropa dafür, die erschütternde Wirkung der Entstalinisierung zu mildern und die Tschechoslowakei und Polen von einem Bruch mit Moskau abzuhalten; außerdem versuchte es (vergeblich) den Aufstand in Ungarn abzuwenden.

So sahen die russisch-chinesischen Beziehungen an der Oberfläche aus: glatt, freundlich, auf Zusammenarbeit bedacht. Falls es Meinungsverschiedenheiten gab, ging es dabei gewiß nur um Nuancen, nicht um Grundsätzliches oder um letzte Ziele.

Jeder arbeitete auf seine Weise -- wo es nützlich war, auch gemeinsam -- daran, kommunistische Ziele zu erreichen und überall in der Welt dem Kommunismus an die Macht zu verhelfen. Zu der großen Versammlung von 65 kommunistischen Parteien, die im November 1957 in Moskau stattfand, kam Mao persönlich.

Der einzige Streit entstand dort anscheinend darüber, wer das »kommunistische Lager« führen solle. Mao drang darauf, daß die Sowjet-Union an der Spitze stehen müsse, während Rußland ein wenig überraschend diese Ehre zurückwies. Westliche Sowjetspezialisten und Kremlologen wurden sich nicht darüber einig, was der Streit bedeute, aber niemand glaubte, daß die Sache mehr als formale Bedeutung habe.

Offensichtlich machte sich Moskau Maos These von 1957 nicht völlig zu eigen. der zufolge sich das Mächtegleichgewicht in der Welt dergestalt verschoben hatte, daß jetzt, wie Mao es in poetischem Chinesisch formulierte, »der Ostwind stärker bläst als der Westwind«. Das alles schien aber kein Stoff zu sein, aus dem sich katastrophale Explosionen vorbereiten ließen,

Es gab vieles, was weder ich noch sonst jemand damals über die sowjetisch-chinesischen Beziehungen wußte. Vielleicht hat mir deshalb ein Erlebnis in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator auf meiner Reise im Juli 1959 so unvergeßlichen Eindruck gemacht.

Zur Feier des Nadom, des mongolischen Nationalfeiertages, war ich zu einem Empfang in das große Regierungsgebäude am anderen Ufer des Flusses Tuola eingeladen. Als ich die breite Treppe hinaufschritt, begrüßte mich ein junger Attaché des mongolischen Außenministeriums und stellte mich dem mongolischen Ministerpräsidenten Zedenbal und dessen Ministern vor, die zur Begrüßung bereitstanden.

Dann führte man mich in den Festsaal. Mir fiel sofort auf, daß die Gäste sich nicht untereinander mischten. Die eine Hälfte stand auf der einen Seite des Saales. die andere Hälfte auf der anderen.

Mongolische Diplomaten und Beamte gingen von einer Seite zur anderen und bemühten sich, festliche Stimmung zu schaffen. Aber die eine Hälfte der Gäste sprach nicht mit der anderen. Auf der einen Seite standen die Chinesen, auf der anderen die Russen.

Ich mußte mich rasch entscheiden. wohin ich gehen sollte. Ich wählte die russische Seite, da ich in den wenigen Tagen meiner Mongolei-Reise festgestellt hatte, daß kein Chinese, dem ich vorgestellt wurde, mir die Hand reichen wollte; daher glaubte ich, daß ich auf der chinesischen Seite recht einsam sein würde.

So ging ich zu den Russen. Bald schlenderten ein paar Russen herbei und machten Konversation mit mir. Ich sah mir das Schauspiel an. Die Russen und die Chinesen redeten einfach nicht miteinander.

Zwar ging der frühere Außenminister Molotow, der damals als Botschafter in der Mongolei gleichsam im amtlichen Exil lebte, feierlich auf seinen chinesischen Kollegen zu, reichte ihm die Hand, wechselte ein paar höfliche Worte und zog sich dann wieder auf seine Seite zurück. Ich sah jedoch, daß zwei Adjutanten (Leibwächter, wie ich wußte) neben Molotow standen, während er mit dem chinesischen Botschafter sprach.

Schließlich kam ein untersetzter russischer General auf mich zu. Er hob sein Glas und brachte einen Trinkspruch auf die » sowjetisch-amerikanische Freundschaft« aus; das war das unvermeidliche Vorspiel zu allen Empfangsgesprächen mit Russen.

Dann wurde er zutraulicher, trat näher heran, legte mir einen gewaltigen Arm um die Schultern und sagte verständnisinnig: »Nun sagen Sie mal, wenn Sie hier heute abend in der Mongolei stehen, können Sie sich da einen Grund vorstellen, aus dem wir Russen und ihr Amerikaner gegeneinander kämpfen sollten? Gibt es hier jemanden, dem Sie sich näher fühlen als uns?«

Ich mußte ihm recht geben. Mit einer Handbewegung nach der anderen Seite des Saales flüsterte er: »Wir müssen zusammenhalten -- finden Sie nicht?«

Ich hatte damals keinen Zweifel und habe ihn auch heute nicht, daß jener Sowjetgeneral schon 1959 an den Augenblick dachte, da Rußland und China gegeneinander kämpfen würden. Er wünschte sich die Vereinigten Staaten auf Rußlands, nicht auf Chinas Seite.

Das Gespräch von 1959 haben seither russische Beamte, Diplomaten und Generäle immer wieder mit Amerikanern, mit allen möglichen Europäern (sogar Deutschen> und mit Japanern geführt. Es kann nicht mehr den geringsten Zweifel daran geben. was diese Russen im Sinn haben: Sie sehen den russisch-chinesischen Krieg immer näher kommen, und wenn der Tag des Krieges anbricht, wollen sie nicht allein sein.

Dieser Krieg aber wird zusehends zu einer realen Größe, auf die sich die Generalstäbe beider Seiten einstellen. Heute hängt über dem Innern Asiens das dumpfe Gefühl, von unkontrollierten und unkontrollierbaren Elementen bedrängt zu sein. Es liegt über der Mongolei ebenso wie über den Weiten Sibiriens, den Wüsten Zentralasiens, den Wäldern und Flußgebieten der maritimen Sowjetprovinzen und auch, soweit man das aus der Ferne beurteilen kann, über den abgelegenen verbotenen Gebieten der Inneren Mongolei, Tibets, der Mandschurei, Nordchinas und den uralten Karawanenstraßen Sinkiangs.

Die bedrängende, übermächtige Frage, die heute den Hauptteil Asiens beherrscht, lautet: Wird es Krieg geben zwischen Rußland und China? Ein Krieg, der Asien in Brand stecken würde; ein Krieg, dessen nukleare Winde die Wüste Gobi, die mandschurische Ebene, Chinas Reiskammer und die sibirische Taiga gleichermaßen vergiften und einen Riesenkontinent oder gar die ganze Erde in eine feindselige Umwelt verwandeln würde, in der sich nicht einmal mehr ein primitives Leben führen ließe.

Wer die Veränderungen des letzten Jahrzehnts nicht gesehen hat, mag die Befürchtung der Völker im Innern Asiens allzu dramatisch, abwegig oder unwirklich finden. Dem nomadisierenden Hirten aber, der mit ansieht, wie in den Bergen östlich von Ulan Bator komplizierte und geheimnisvolle elektronische Apparaturen errichtet werden; den Grenzposten, die plötzlich heftige Kämpfe am Ussuri austragen müssen; oder den besorgten Dorfbewohnern, die allnächtlich lange Nachschubzüge der Transsibirischen Bahn nach Osten dröhnen hören oder das Rumpeln von Lastwagenkolonnen vernehmen, die von Ulan Ude, Tschita oder Blagoweschtschensk nach Süden rollen -- ihnen allen ist die Bedrohung unmittelbare Wirklichkeit.

Denn: Schon vollzieht sich hinter den Grenzen Chinas und der Sowjet-Union ein militärischer Aufmarsch, wie ihn der Ferne Osten seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. Truppenkonzentrationen, Bau neuer Raketenstellungen, Anlage von Flugplätzen, Forschungsstätten und Rüstungszentren -- China und Rußland rüsten offenkundig zum Krieg.

Die westliche Welt freilich erhält kaum Einblick in den Aufmarsch der beiden Rivalen. Dennoch sah ich genug, als ich im Frühjahr 1969 abermals die Mongolei besuchte.

Eine oder zwei Stunden nördlich von Ulan Bator stießen wir auf eine neue halbfertige Stadt, die neben der Bahnlinie gebaut wurde. Wir sahen eine große eingezäunte Fläche für Baumaterial -- Bauholz, Spannbeton, Draht und Stahlträger -, die durch Stacheldraht und Wachtürme geschützt war. Man hatte ein Erdöldepot eingerichtet, olivgrüne Armee-Lastautos polterten durch die Landschaft.

Es war die betriebsamste Szenerie, die ich in der Mongolei erlebt hatte, aber es war keine mongolische Stadt. Die roten Fahnen quer über der Straße verkündeten in russischer Schrift die »Erfüllung des Plans« bis zur Maifeier. Die Zimmerleute, deren Hammerschläge durch die Vorberge hauten, waren Russen. Der langsame Mann an der Erdölpumpe war Russe. Russen waren die Maurer und Russen die Lastautofahrer.

Doch es waren keine gewöhnlichen Russen, sondern Bausoldaten der Roten Armee, die eine offensichtlich eilige Arbeit verrichteten. Hier entstand keine mongolische Siedlung für mongolische Bauern: Es war eine russische Militärbasis, ein »wojenny gorodok«, der mit fieberhaftem Bautempo vollendet wurde.

Aber zu welchem Zweck? Darüber sprach niemand. Man brauchte aber nur die Betonbunker anzusehen, die sich in die südlichen Flanken der Hügel schmiegten, man brauchte nur die Radaranlagen zu betrachten, die auf einem Bergkamm installiert wurden. von wo aus sie alle Zugänge beherrschten, und man konnte erraten, daß es sich hier um etwas mehr handelte als um ein Vorratslager.

Der »wojenny gorodok« in den Hügeln nördlich von Ulan Bator war nur eine in einer unbekannten Zahl militärischer Geheimanlagen, die in der Mongolei eilig fertiggestellt wurden. Die Art der Anlagen konnte man an den Schulterstücken der sowjetischen Offiziere und Mannschaften ablesen, die in der Mongolei fast überall zu sehen waren; sie bewiesen, daß die überwiegende Mehrheit der Truppen aus Raketen- und Trägerwaffeneinheiten, aus Artilleristen, Fliegern und Panzerleuten bestand.

Jener »wojenny gorodok« wurde nicht zufällig an der von Nord nach Süd verlaufenden Transmongolischen Eisenbahn errichtet. Die Bahn läuft -- in russischer Breitspur -- von Ulan Bator weiter nach Süden. erreicht die chinesische Grenze bei Dzamin Ude und führt noch hundert Kilometer nach China bis Tsining hinein. 1966 rissen die Chinesen die breitere russische Spur heraus und legten ihre eigenen Schienen bis Dzamin Ude. Russische und mongolische Züge sollten nicht mehr auf chinesischem Territorium fahren.

Die sowjetischen militärischen Dispositionen folgen der Bahnlinie nach Süden durch die Wüste Gobi. Die Bahnen sind der Schlüssel für die sowjetischen Raketenstellungen. Die mongolische Steppe ist für die Bewegung von Truppen, Lastautos und Panzern geeignet; für die empfindlichen Raketen und Trägerwaffen braucht man jedoch die Bahn, weil echte Straßen fehlen.

Die einzige weitere Bahnlinie in der Mongolei findet sich in der Ostspitze des Landes, der »mongolischen Pfeilspitze«, die über den Chalchingol-Fluß in die Mandschurei hineinragt. Hier trennt sich eine Zweiglinie und führt nach Tschoibalsan, der Metropole der östlichen Mongolei.

Ausländische Diplomaten haben Tschoibalsan, eine Stadt mit etwa 24000 Einwohnern, seit einigen Jahren nicht mehr besucht, nicht einmal osteuropäische Kommunisten durften das Gebiet bereisen. Hier hinter dem Chalehingol liegt der zweite militärische Konzentrationsraum der Sowjets. Hier stehen einige der Kräfte, die Rußlands Armee zur Verfügung hat, um Moskaus Befehle auszuführen, falls es heißt, »sie eine Lektion zu lehren« -- wie sowjetische Militärs und Politiker sich gern ausdrücken, wenn sie über China sprechen.

Lage und Art der sowjetischen Streitkräfte, die in der Mongolei und in Ostsibirien bereitgestellt sind, deuten an, was unter dieser »Lektion« zu verstehen ist: In der Mongolei sind die Sowjetverbände in zwei Räumen konzentriert, im Süden der Transmongolischen Eisenbahn und im Osten, in der Nähe des Chalchingol. In Sibirien wurden Truppenkonzentrationen vor allem im Gebiet von Tschita (dem Hauptquartier des Transbaikalischen Wehrkreises), im Raum Blagoweschtschensk und Chabarowsk sowie in den maritimen Provinzen längs der Ussuri-Grenze beobachtet.

Der hohe Prozentsatz von Trägerwaffen und Raketen-Streitkräften sowie die sehr offene Sprache der Russen über die »Verwendung moderner Waffen« stützt die Überzeugung und Furcht der Chinesen, daß die Russen auf einen Angriff mit nuklearen und konventionellen Waffen vorbereitet seien.

In der Tat fällt es schwer zu glauben, daß die Trägerwaffen-Basen, die längs der chinesischen Grenze so schnell ausgebaut wurden, nicht mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet worden seien. Ihr Standort deutet auf die Möglichkeit eines Schlags gegen Chinas nukleare Produktions- und Teststätten in Lantschou, Paotou und am Lop Nor hin, die 320 bis 500 Kilometer von den Sowjetbasen entfernt liegen, sich also in Raketenreichweite befinden.

Die Theorie, daß die Russen darauf vorbereitet sind, das nukleare Potential der Chinesen anzugreifen, wird durch eine sowjetische These unterstützt, die seit 1957 wiederholt vorgetragen wurde: Die Vereinigten Staaten und Rußland müßten sich mit dem Abschluß eines Abkommens über nukleare Fragen beeilen, ehe die Chinesen nukleare Waffen bekämen, denn China werde Atombomben verwenden, wenn es sie einmal besitzt.

Bezeichnenderweise drangen die Russen aber auch dann noch auf ein solches Abkommen, nachdem China 1964 eigene Atombomben getestet hatte. Die sowjetische Argumentation wurde nur ganz leicht abgeändert. Jetzt heißt es: Das USA-UdSSR-Abkommen sei um so dringender, weil die Chinesen nun ihre Atomwaffen jeden Augenblick einsetzen könnten. Die »Prawda« hat den Fall in einem Leitartikel klar und offen dargelegt: Ein Krieg zwischen Rußland und China wird ein Nuklearkrieg sein. Kein »Wenn« und »Aber«.

Die Russen sind offensichtlich überzeugt, China werde in einem kommenden Krieg seine Atomwaffen einsetzen. Wenn das wahr ist, muß Moskau zuerst zuschlagen und das Vergeltungspotential Chinas vernichten. In dieser Auseinandersetzung haben die militärischen Stimmen, die für einen Präventivschlag gegen China eintreten, echtes Gewicht.

Ein derartiger Schlag würde auch genau in das Schema der Kriegführung passen, auf die Moskau im Fernen Osten vorbereitet ist. Ein ungefährer Kriegsplan der Sowjets gegen China läßt sich unschwer konstruieren, weil die Konturen der vergangenen Feldzüge in diesem Gebiet so genau und im einzelnen bekannt sind.

Rußland hat in diesem Jahrhundert zwei große Kriege, einen größeren Feldzug, mehrere kleine, aber wichtige Grenzgefechte und in der Mongolei und in Sibirien eine komplizierte Mischung von Guerilla- und Bürgerkrieg geführt. Es gibt keinen geographischen Raum, in dem die Russen ausgiebigere militärische Erfahrung besitzen.

In diesen Auseinandersetzungen haben sie eine katastrophale Niederlage erlitten -- die von 1904/05 durch die Japaner. Aus den anderen Auseinandersetzungen ging Rußland erfolgreich hervor. Die Pläne für einen Chinakrieg basieren zweifellos auf den zwei letzten und erfolgreichsten Engagements der Roten Armee.

Aus der Katastrophe des Jahres 1904/05 gegen Japan zogen die Russen eine entscheidende Erkenntnis: Wenn man im Fernen Osten erfolgreich kämpfen will, muß man überlegene Streitkräfte aufbringen und sie am Ende einer über 6000 Kilometer langen Nachschublinie über Land kampf- und einsatzbereit erhalten.

Verheerender als die zahlenmäßige Unterlegenheit der zaristischen Truppen hatte sich die Unfähigkeit der noch unvollständigen Transsibirischen Bahn ausgewirkt, die Armeen in der Mandschurei zu verstärken und zu versorgen. Über See war diese Aufgabe nicht zu lösen.

Das bolschewistische Regime hat diese Lektion gut gelernt. Moskau tat sein Möglichstes, um eine eigenständige Fernostarmee zu schaffen. Sie hatte ihre Basis in Tschita und wurde zum größten Teil aus der Mongolei mit Lebensmitteln versorgt.

Im Osten, besonders in Komsomolsk, am Amur, wurden Industrien aufgebaut, um den Fernostarmeen eine nahe gelegene Produktionsstätte für Munition, Stahl und Schwermetalle zu geben. Im östlichen Ural entstanden neue Fabriken, um die Transportwege in den Fernen Osten zu verkürzen. Die Transsib wurde mit einem Netz von Nebenbahnen versehen und sorgfältig zweigleisig ausgebaut.

Die Mühe machte sich bezahlt, als es am Vorabend des Zweiten Weltkrieges zur Konfrontation mit Japan kam. Am 11. Mai 1939 griffen japanische Verbände bei Buir Nur, 20 Kilometer östlich des Chalchingol, überraschend an. Die mongolischen Grenztruppen wurden schnell überrannt; die zu ihrer Unterstützung entsandten sowjetischen Truppen konnten die Linie gegen die japanische 6. Armee nicht halten.

Man konnte leicht erkennen, daß es sich hier nicht um einen kleineren Grenzzusammenstoß handelte, sondern um einen großangelegten Test der japanischen Kwantung-Armee**, ob die Russen fähig seien, ihre Linien im Fernen Osten zu verteidigen. Moskau reagierte schnell.

Die Russen hatten in der Mongolei beträchtliche Streitkräfte stehen. Sie und mongolische Truppen unter sowjetischer Führung erhielten den Befehl, den japanischen Vorstoß zu verlangsamen. Inzwischen versammelte General Georgij K. Schukow, der zum bedeutendsten sowjetischen Heerführer im Zweiten Weltkrieg aufsteigen sollte, einen Kampfverband.

Zum Befehlshaber der sowjetischen Truppen in der Mongolischen Volksrepublik ernannt, traf Schukow am Morgen des 5. Juni in Tamsag Bulag ein, damals wie jetzt militärisches Hauptquartier für die Ostspitze der Mongolei. Er erteilte allen Streitkräften den Befehl, die Linie zu halten. bis starke Angriffsverbände herangekommen waren.

In den letzten Junitagen folgten schwere Luftkämpfe, die zu den größten der Zeit gehörten und an denen zwischen 200 und 300 Flugzeuge beteiligt waren. Die Russen errangen dabei die Luftherrschaft -- ein wichtiger Faktor, der es Schukow ermöglichte, seine Angriffsverbände zu massieren.

Er stellte eine »Erste Armeegruppe« in Stärke von 35 Infanterie-Bataillonen und 20 Kavallerieschwadronen (gegenüber den 25 Infanterie-Bataillonen und 17 Kavallerieschwadronen des japanischen Angreifers) auf. Fast 500 Panzer, 346 gepanzerte Fahrzeuge und etwa 500 Flugzeuge standen ihm zur Verfügung. Bei den Flugzeugen und der Artillerie besaß er eine Überlegenheit von zwei zu eins und bei den Panzern eine von vier zu eins.

Um die eigenen Angriffsvorbereitungen zu tarnen, befahl Schukow rigorose Sicherheitsvorkehrungen. Der gesamte Funkverkehr, jede Bewegung im Frontgebiet bei Tag war verboten. Schriftliche Befehle waren untersagt; Offiziere durften sich in Frontnähe

* Mit dem mongolischen Ministerpräsidenten Tschoibalsan nach den Kämpfen gegen die Japaner, Spätsommer 1938.

** Eliteverbände des japanischen Heeres, die im japanisch-chinesischen Krieg in der mandschurischen Provinz Kwantung stationiert waren,

nicht mit ihren Rangabzeichen zeigen und weder Tourenwagen noch Jeeps benützen, sondern nur Lastautos -- selbst für Erkundungen.

Die Überraschung gelang vollkommen. Schukows Streitkräfte griffen am 20. August 1939 um 5.45 Uhr an; bis zum 31. August hatten sie die Japaner in einer doppelten Umfassungsschlacht über die mongolische Grenze zurückgeworfen. Die Hauptmasse der japanischen Streitmacht wurde vernichtet.

Schukows Unternehmen war kostspielig, aber äußerst erfolgreich. Die psychologische Wirkung auf die Japaner war entscheidend. Die Niederlage am Chalchingol schreckte die Japaner von militärischen Abenteuern in der Mongolei ab, während Rußland im Zweiten Weltkrieg so stark gegen Hitler engagiert war.

Schukows Offensive wurde zum Modell für den nächsten und noch entscheidenderen Feldzug der Sowjets im Fernen Osten: die sowjetische Operation gegen die japanische Kwantung-Armee am Ende des Zweiten Weltkrieges.

Stalin hatte Churchill und Roosevelt auf der Konferenz in Jalta Anfang 1945 versprochen, binnen zwei oder drei Monaten nach Ende des Krieges in Europa gegen Japan vorzugehen. Die Planung begann sofort.

Die Russen brauchten drei Monate, ihre Kräfte zu sammeln; schließlich mußten sie angreifen, noch ehe sie die Vorbereitungen abgeschlossen hatten, weil die Vereinigten Staaten inzwischen die Atombombe abgeworfen hatten. Wenn Stalin bei dem Halali gegen Japan beteiligt sein wollte, blieb ihm dazu nur wenig Zeit.

Drei sowjetische Heeresgruppen ( Fronten) wurden geschaffen: die Transbaikalische, die Zweite und die Erste Fernost-Front. Die Transbaikalische Front sollte in zwei Kolonnen aus der Ostmongolei vorstoßen, die eine auf die Linie der Chinesischen Östlichen Eisenbahn gegen Tsitsikar und Charbin, die zweite nach Südosten in Richtung auf Tschangtschun und Mukden. Diese Kräfte standen unter dem Befehl von Marschall Rodion J. Malinowski. Die Zweite Fernost-Front unter Armeegeneral M. A. Purkajew wollte zwischen Blagoweschtschensk und Chabaroswk über den Amur stoßen und der Transbaikalischen Front ein Rennen nach Charbin liefern. Die Erste Fernost-Front unter Marschall Merezkow sollte im Raum zwischen Chabarowsk und Wladiwostok nach Westen über den Ussuri vorstoßen.

Die Hälfte der Streitkräfte war an der Transbaikalischen Front konzentriert, die Basis war Tschoibalsan in der östlichen Mongolei mit rückwärtigen Basen in Tschita und Irkutsk. Die Hauptquartiere befanden sich in Tamsag Bulag und Matat Somon in der östlichen Mongolei. Der Feldzugplan erforderte mehrere doppelte Umfassungen, um die japanischen Streitkräfte in der Mandschurei und deren Reserve im Raum Peking innerhalb von 20 Tagen zu vernichten.

Der sowjetische Angriff begann am 9. August zehn Minuten nach Mitternacht ohne jegliche Artillerievorbereitung. Am 14. August 1945 gab die japanische Regierung bekannt, daß sie kapitulieren wolle. Die Russen behaupten heute freilich, daß die Kwantung-Armee nicht vor dem 18./19. August kapitulieren wollte.

Denn: Die Russen waren auf eine frühzeitige Kapitulation Japans nicht erpicht. Erst am 20. August -- einen Tag vor der Kapitulation der Japaner vor der Roten Armee -- setzten sie Fallschirmtruppen über Charbin, Mukden und anderen mandschurischen Städten ab. Die Sowjettruppen stießen pro Tag 80 und mehr Kilometer vor, wobei sie oft schwierigstes Wüsten- und Berggelände bewältigen mußten; trotz aller Bemühungen gelang es ihnen jedoch nicht, Peking und Port Arthur vor der japanischen Kapitulation zu erreichen.

Die russische Taktik bei den Offensiven von 1939 und 1945 war sich im Grunde sehr ähnlich, In beiden Fällen setzten die Sowjets sehr schnelle Panzer- und motorisierte Verbände ein. außerdem Fallschirmtruppen und große Luftwaffeneinheiten; 1945 kam noch eine ausgiebige Verwendung von Raketenwaffen hinzu.

Die Lokalisierung der Heeresgruppen, die Angriffsrichtung und das Hauptgewicht der Konzentration in der östlichen Mongolei, am Amur und am Ussuri stimmen heute mit den Bedürfnissen eines sowjetischen Schlages gegen China überein. Die chinesischen Verteidigungskräfte sind in den gleichen Gebieten konzentriert, in denen einst die japanische Kwantung-Armee stand. Die russischen Vorbereitungen vollziehen sich also in denselben Gebieten wie die von 1939 und 1945.

Neu in den sowjetischen Plänen sind nur die modernen Waffen. die Langstreckenraketen und die nuklearen Vernichtungsmittel. Die Reichweite der Basen in der Mongolei genügt, um alle Ziele in der Inneren Mongolei, den Westprovinzen Chinas und den Raum Peking abdecken zu können. Der einzige Faktor. der in den sowjetischen Dispositionen neu erscheint, ist die militärische Konzentration am Rande der Wüste Gobi.

Wenn Moskaus militärische Pläne gegen China denen gegen die Japaner in dem gleichen Gebiet folgen, erfordern sie einen schnellen Schlag gegen die Schlüsselindustrie und die Hafengebiete der Mandschurei. gegen Peking sowie gegen die Hauptzentren der Inneren Mongolei und Nordchinas.

Wenn sich der sowjetische Zeitplan nicht wesentlich von dem früherer Operationen unterscheidet, sieht er einen Blitzangriff von nicht mehr als vierzehn Tagen vor. Sein Ziel ist die Lähmung der Hauptzentren des chinesischen Widerstands nach einem vorausgehenden Schlag. der das chinesische Atompotential bewegungsunfähig machen und vernichten soll. An die Stelle der primitiven Fallschirm-Absprünge am Ende des sowjetischen Angriffs auf die japanische Kwantung-Armee würden dann schnelle »Airlifts« und Landungen in den großen chinesischen Zentren treten.

In der allgemeinen Philosophie der militärischen Doktrin Moskaus gibt es keine Hinweise auf einen Landkrieg großen Ausmaßes, in dem sowjetische Truppen Massenschlachten gegen die Chinesen austragen würden. Die Betonung liegt -- wie in der Doktrin, die das sowjetische militärische Denken seit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gekennzeichnet hat -- auf einem schnellen, überwältigenden Schlag, der den Feind lähmt und binnen weniger Tage zur Kapitulation zwingt. Der Angriff auf die Kwantung-Armee 1945 mit einer Kapitulation binnen zehn Tagen ist ein klassisches Beispiel für das zeitgenössische militärische Denken der Sowjets.

Bei dem Stand der militärischen Technologie sollte der sowjetische Generalstab dem Kreml garantieren können, daß der Knockout Chinas durch einen blitzartigen Überraschungsschlag mit der Verwendung von Atomwaffen binnen Tagen zu erzielen ist.

Für die meisten Amerikaner ist die Anwendung von Atomwaffen im Kriege fast undenkbar geworden. Das ist auch bei den meisten Russen der Fall, soweit die Vereinigten Staaten in Frage kommen, nicht aber hinsichtlich Chinas.

Einer der geachtetsten sowjetischen Wissenschaftler sagte 1969 seinen amerikanischen Kollegen, die Russen hätten China gründlich satt bekommen, ein Krieg sei nicht unwahrscheinlich: »Wenn wir in den Krieg gehen, werden wir nicht mit dem kleinen Finger kämpfen wie ihr Amerikaner. Wir kämpfen bis zum Tode.«

Es kann als sicher gelten, daß der Krieg, den die Russen gegen China planen, ein Krieg sein wird, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hat, ein Krieg, bei dem Wasserstoffbomben genauso eingesetzt werden wie Atombomben. nicht -- wie es die USA im Zweiten Weltkrieg taten -- als isolierte Demonstration, sondern als berechnete Waffe der vollständigen Vernichtung. dazu bestimmt, China in der kürzestmöglichen Zeit zur völligen Kapitulation zu zwingen.

Die Theorie, daß die russische Fernoststrategie im Grunde auf Nuklearraketen basiert, erhielt eine wesentliche Erhärtung, als Generaloberst Wladimir F. Tolubke, der Erste stellvertretende Oberbefehlshaber der strategischen Raketentruppen der UdSSR, im August 1969 zum Oberbefehlshaber des Wehrkreises Fernost ernannt wurde.

Der chinesisch-Sowjetische Krieg droht, wenn er kommt, der erste Atomkrieg der Welt zu werden. Doch China fürchtet den Atomkrieg nicht. Verteidigungsminister Lin Piao: »Wenn sie auf Kampf bestehen, werden wir ihnen dabei Gesellschaft leisten und bis zum Ende kämpfen.«

IM NÄCHSTEN HEFT

Chinas Volk und Armee probt den Guerillakrieg gegen sowjetische Invasoren -- Der Kampf zwischen Peking und Moskau um die Mandschurei -- Russische Weltmachtträume am »Scharnier der Erde«

Harrison E. Salisbury
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