Kriegsgefahr am Golf Ein Fanatiker, ein Hitzkopf und der Unberechenbare

US-Präsident Donald Trump und sein saudischer Verbündeter Mohammed bin Salman auf der einen Seite, Irans Revolutionsführer Khamenei auf der anderen: Wie gefährlich ist die Lage im Nahen Osten?
Revolutionsführer Khamenei, Mohammed bin Salman und Donald Trump

Revolutionsführer Khamenei, Mohammed bin Salman und Donald Trump

Foto: Fotos (M): Reuters (2); Anadolu Agency / Getty Images; AFP / Getty Images

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Von Christiane Hoffmann, Alexander Jung, Susanne Koelbl, Rene Pfister, Maximilian Popp, Alexandra Rojkov, Britta Sandberg

In normalen Zeiten ist der Offiziersklub an Riads King Abdul Aziz Road ein eher verschwiegener Ort. Doch am Mittwochabend bildet sich am Eingang eine Besucherschlange: Man spricht Arabisch, Englisch, dazwischen hallen ein paar Brocken Französisch.

Nach der Sicherheitsschleuse folgt ein abgedunkelter Flur, wie in einem Kino, der in einen Vortragssaal führt: blaue Samtsessel in ansteigenden Reihen, die holzvertäfelte Bühne hell beleuchtet. Wo sonst die Militärs der Krisenregion ihre geheimen Pläne besprechen, sind gut 80 Diplomaten und einige internationale Journalisten der Einladung der wichtigsten Ölexportnation der Welt gefolgt. Dazwischen diskutieren hochrangige Beamte in langen Gewändern. Es ist eine Veranstaltung der besonderen Art: Das saudi-arabische Militär zeigt der Welt seine Wunde.

Auf der Bühne ist ein halbes Dutzend weißer Podeste aufgebaut, darauf das Beweismaterial: mächtige Stahlfragmente, die durch die Wucht einer Explosion verdreht wurden wie ein Stück Lötdraht. Sie sind beschriftet und dekoriert wie in einer Kunstausstellung: Zu sehen sind die Überreste von Marschflugkörpern und Drohnen; darunter jene Waffen, so erklären es die Saudi-Araber, die am vergangenen Samstag die zwei größten Ölanlagen des Landes in Brand steckten.

Für Saudi-Arabien sind die Angriffe eine beispiellose Demütigung. Das Königreich ist blamiert, wütend, verletzt, das wird in dem Offiziersklub rasch klar. Ebenso klar ist für die Saudi-Araber der Schuldige: "Iranische Bauteile und Komponenten", sagt Militärsprecher Colonel Turki Al-Maliki. Er läuft dynamisch zwischen den Podesten umher. "Unzweifelhaft", sagt Maliki, stecke der Erzfeind jenseits des Arabischen Golfs hinter der Attacke.

Thronfolger Mohammed bin Salman
Thronfolger Mohammed bin Salman Foto: RYAD KRAMDI / GETTY IMAGES / AFP

"Wie wird Ihre Reaktion auf diesen Angriff aussehen?", will eine Journalistin von Maliki wissen. Wird es eine militärische Antwort sein? "Das ist nicht in meiner Verantwortung", erwidert der Soldat. Fast zur gleichen Zeit landet in der 950 Kilometer entfernten Küstenstadt Dschidda ein Mann, der gerade dabei ist, die Antwort auf den Angriff vorzubereiten. Bevor US-Außenminister Mike Pompeo in Dschidda eintrifft, macht er klar, wie er die Attacke versteht: "als Kriegsakt".

Aber was genau folgt daraus?

Drei Monate ist es her, dass die iranischen Revolutionswächter eine mehr als 100 Millionen Dollar teure US-Aufklärungsdrohne über der Straße von Hormus am Persischen Golf abschossen. Damals plante Washington einen Vergeltungsangriff. Doch Präsident Donald Trump blies die Aktion in letzter Minute ab, angeblich, weil dabei zu viele Iraner ums Leben gekommen wären. Stattdessen reagierte das amerikanische Militär mit einem Cyberangriff gegen die iranischen Revolutionswächter.

Nun stand die weltgrößte Raffinerie in Flammen, und auch wenn es keine gerichtsfesten Beweise gibt – es spricht vieles dafür, dass Iran hinter der Attacke steht. "Alles deutet auf Iran, dafür spricht nicht nur die Forensik, sondern auch die Logik", sagt Vali Nasr, Professor an der Johns-Hopkins-Universität in Washington.

Der Angriff folgt der Strategie von "Druck gegen Druck", die Teheran seit dem Frühjahr gegenüber den USA fährt. In den vergangenen Monaten wurden Tanker und Handelsschiffe im Golf von Oman angegriffen, eine US-Drohne wurde abgeschossen, ein britischer Tanker beschlagnahmt. Nun die Attacke auf das Herz der saudischen Ölindustrie. In Wahrheit ist es fast nebensächlich, ob Iran den Angriff geführt hat oder ein Komplize in der Region – was zählt, ist, dass die USA und Saudi-Arabien das Land für den Übeltäter halten.

Brennende Ölraffinerie in Abkaik am vergangenen Samstag
Brennende Ölraffinerie in Abkaik am vergangenen Samstag Foto: VREUTERS

Der Nahe Osten schlittert womöglich in einen Krieg, vielleicht hat er sogar begonnen: Es ist ein Krieg der neuen Art, ein Krieg des 21. Jahrhunderts. Er wird ohne Kriegserklärung geführt, mit verschwommenen Fronten und unterschiedlichen Schauplätzen. Es gibt Attacken, von denen man vielleicht nie wissen wird, wer sie geführt hat. Es wird konventionell gekämpft, aber auch mit Drohnen in der Luft und Viren im weltweiten Netz. Ein verwirrender Krieg, in dem keiner die Kontrolle behalten kann, auch nicht die, die ihn führen.

Ein Trio infernale ist dabei, die ganze Region anzuzünden. Da ist US-Präsident Trump, der mit seiner aggressiven und planlosen Politik eine ohnehin fragile Weltgegend ins Chaos gestürzt hat. Da ist der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, kurz MbS, jung und ruchlos, der die Rivalität mit Iran pflegt und einen grausamen Krieg im Jemen führt. Und da ist Irans Revolutionsführer Ali Khamenei, ein schiitischer Fundamentalist, gestählt in vier Jahrzehnten des Kampfes der Islamischen Republik gegen den "großen Satan" in Washington.

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