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Briefe

KRIEGSGEFANGENE
aus DER SPIEGEL 1/1952

KRIEGSGEFANGENE

(Nr. 50/51, Deutschland)

Der SPIEGEL hat gewissermaßen mit dieser Gegenüberstellung eine Diskussion eröffnet, und es wäre nun ein Gebot der Fairneß, diese Diskussion auch fortzusetzen.

Ich habe Hahn tatsächlich nicht in Jelabuga, sondern im Lager 27 gesprochen. Durch ein Versehen bei der Korrektur ist ein Nebensatz in meinem Buch, aus dem das hervorging, gestrichen worden. Ich bin in das Lager 27 mit Lattmann und Weinert nur zu dem Zweck, Hahn aufzusuchen, mitgefahren, habe an keiner Versammlung teilgenommen, und, ohne Weinerts Vermittlung in Anspruch zu nehmen, Hahn in seiner Stube aufgesucht.

Er stopfte gerade seinen Pullover und begrüßte mich so herzlich, wie man einen alten Kameraden nur begrüßen kann. Er hatte mir noch aus Oranki freundschaftlich bestellen lassen, er wolle »mir die Hosen stramm ziehen«, wenn er mich träfe, und ich »meldete mich dazu zur Stelle«. Hahn lachte und erzählte mir anderthalb Stunden vom alten Geschwader, von den Kameraden, von seiner Gefangennahme usw.

Von Politik sprachen wir natürlich auch, und Hahns Stellungnahme war weniger moralisierend, wie er es jetzt darstellt, sondern er hielt mir vor, daß ich ja keine Ahnung hätte, welche Waffen und Reserven Adolf noch aus dem Aermel schütteln würde; kurz, er glaubte an den Endsieg und ich an die Katastrophe. Es war ein Gegensatz weniger der Moral als der Intelligenz.

Hahn macht sich in seiner Darstellung schlechter als er ist. Damals hatte er sich noch nicht so weit - trotz Haft in der Lubjanka, und trotz der Vorgänge in Oranki - in die penetrante Helden- und Märtyrerrolle hineingesteigert, die sein Buch so peinlich macht.

Dr. Saweljew: Hahn nennt ihn einen klugen Psychologen. Und wie hat der ihn eingeschätzt? Herr Saweljew hat Luftwaffenoffizieren des Komitees gegenüber geäußert, Hahn sei ein interessantes Studienobjekt, ein so rassereiner Nazi sei ihm unter den deutschen Offizieren noch nie begegnet.

Und das ist das Entscheidende: Was hat Hahn eigentlich für die Kameraden getan? Hat er überhaupt jemals den Versuch gemacht - wie viele Frontbevollmächtigte des Komitees und noch mehr Anhänger des Komitees in den Lagern - , hier und da wenigstens das Schicksal der Kameraden zu erleichtern? Nein und abermals nein! Es ist wahr, auch das Komitee hat wenig erreicht in dieser Beziehung. Aber die Hahns im Rücken, und einen Endkampf nach seinem Geschmack auf den Trümmern der Reichskanzlei war das auch schwer, wenn auch das Beispiel Hahns und der Geschichten, die er erzählt, beweist, daß die NKWD sich immerhin noch mehr gefallen ließ an Widerstand im Lager, als in gleicher Lage die SS.

Berlin

Heinrich Einsiedel

Einsiedels Buch erscheint auch in Lizenzausgaben in England-Kanada, Frankreich, Italien und den USA.

Stuttgart

Pontes-Verlag

Die sittliche Stärke und moralische Verfassung einer Armee können nirgends besser als in einer Gefangenschaft geprüft werden. Es ist daher beschämend festzustellen, daß Finnen, Japaner, Italiener, Ungarn und Rumänen in russischer Kriegsgefangenschaft besser zusammenhielten als wir Deutsche, die in Bayern, Hessen, Württemberger, Franzosen und Polen zerfielen. Die anderen hatten alle keine Einsiedels.

Düsseldorf

Heinz Wohlfarth

Mit großem Interesse las ich die Nr. 50 wieder, und ganz besonders sprach mich Dein Artikel »Kriegsgefangene, wie ein Grammophon« an. Im Schlußabsatz heißt es: Zwischen beider Erlebnissen liegt das dumpfe Vegetieren, Schuften und Sterben der Masse, der »woina plennis«, das noch keinen Chronisten gefunden hat. Nun ja. das stimmt, aber meiner Ansicht nach liegt das darin schon allein begründet, daß heutige Literaturansprüche meistenteils nur in der Sensation fesselnd empfunden werden. Der

Alltag im Plennidasein ist daher nicht so schildernswert, und meine Leidensgefährten haben auch nicht mehr große Lust, in der Vergangenheit herumzurühren. Wir überlassen das der Prominenz.

München

Horst Schade

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