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KRISE DER BERLINER WIRTSCHAFT

aus DER SPIEGEL 24/1968

Über 30 Milliarden Mark Finanzhilfen hat die Bundesrepublik seit 1951 nach West-Berlin gepumpt. Doch trotz massiver Steuererleichterungen und direkter Zuschüsse hat die Berlinhilfe ihr Ziel, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Stadt nachhaltig zu verbessern, nicht erreicht.

1967 ist die Zahl der in der Industrie beschäftigten Berliner um 25 000 auf 267 000 gesunken. Seit dem Mauerbau fiel die Zahl der Industrie-Arbeiter um 100000.

Erstmals seit 1950

* hat die Berliner Industrie 1967 ihre Investitionen um rund ein Viertel gekürzt;

* sind die Lieferungen der Berliner Wirtschaft in die Bundesrepublik um drei Prozent zurückgegangen;

* überstieg die Zahl der abgewanderten Erwerbspersonen die der Zuwanderer um 5437.

Vor allem leidet die Stadt unter dem Mangel an hochrentablen Zukunfts-Industrien wie Chemie, Elektronik und Computer-Technik. Nirgendwo in der Bundesrepublik ist der Anteil der Rentner an der Bevölkerung so groß wie in der ehemaligen Reichshauptstadt: 21 Prozent aller West-Berliner sind älter als 65 Jahre; Bundesdurchschnitt: 12 Prozent.

Professor Gerhard Kade, 36, zählt zu den führenden jungen Wirtschaftswissenschaftlern Deutschlands. Der gebürtige Berliner ist seit 1966 Ordinarius für Statistik und Ökonometrie (mathematische Wirtschaftstheorie) an der Technischen Hochschule Darmstadt. Im vergangenen Jahr berief ihn der Berliner Senat auf Vorschlag des damaligen Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz in eine wissenschaftliche Berater-Kommission, die einen Plan zur Strukturgesundung entwerfen sollte.

Als Sprecher dieses Gremiums vertrat Gerhard Kade die Ansicht, daß West-Berlins Wirtschaft nur durch Kombination politischer und ökonomischer Reformen wirksam gefördert werden könne:

* Konzentration der Bonner Berlinhilfe auf Zukunfts-Industrien;

* Öffnung der Stadt nach Osten im Rahmen der Bonner Entspannungspolitik und wesentliche Ausweitung der Ostexporte;

* Engagement des Staates in der Wirtschaft, sofern sich die Unternehmer-Initiative als unzureichend erweise.

Ober derart weitgehende Themen aber wollte der neue Senat unter Klaus Schütz, der im Herbst vergangenen Jahres Heinrich Albertz ablöste, mit der Kommission nicht diskutieren. Während Albertz den Beratern ausdrücklich ein freimütiges Urteil zugestanden hatte, forderte Schütz, die Kommissions-Vorschläge müßten sich an den Rahmen der Senatspolitik halten. Professor Kade, der dem Senat vorwirft, er verschleiere die Berliner Krise, stellte daraufhin im Frühjahr seine Mitarbeit in der Kommission ein.

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