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Briefe

Kritik ohne akademische Weihen
aus DER SPIEGEL 6/1976

Kritik ohne akademische Weihen

(Nr. 4/1978, Hochschulen; Die Soziologie-Professorin Helge Pross über die Gründe ihres Abgangs von der Universität Gießen: »Angstfreie Diskussionen fast unmögliche)

Ich fühle mit Ihnen und kämpfe ebenfalls seit Jahren gegen die Diskriminierung »Andersdenkender«. Nur habe ich bisher immer die Erfahrung der »Ahleinbestimmung« durch konservative und reaktionäre Kräfte und nicht durch Kommunisten machen müssen.

Münster BONNO WEISE

Ein anderer theoretischer Zugang zu einem Problem als der von Frau Pross vertretene konnte nicht ausformuliert werden. Insbesondere marxistische Ansätze hatten einen schweren Stand. Dadurch war in ihren Seminaren eine angstfreie Diskussion fast unmöglich.

Gießen URSULA MÜLLER

Soziologiestudentin im 7. Semester

Bedauern drücke ich nur gegenüber den Studenten der Gesamthochschule Siegen aus. Ihnen wird nur die berühmte deutsche Soziologin zeigen können, was sie unter einer angstfreien Diskussion versteht.

Gießen MARTIN PRIESTER

Die von Frau Pross aufgeführten Schwierigkeiten sind keineswegs eine Einzelerscheinung; sie hängen auch weniger an der Vorherrschaft linker Gruppen: In der politisch ziemlich neutralen Abteilung, der ich angehöre, ist mir hinsichtlich Forschungs-Freisemester und Stellenverteilung ähnliches Mißgeschick widerfahren wie der Gießener Soziologin. Eine der Ursachen sehe ich darin, daß etablierte Gruppen die Demokratisierung ausnützen können, um ihre Machtstellung in einer Art Selbstverstärkungsprozeß ständig zu erweitern. Diese Erscheinung hat besonders schwerwiegende Folgen an Abteilungen, die sich im Aufbau befinden. Auch sollte man bedenken, daß im Rahmen der universitären Selbstverwaltung die Judikative als korrigierende dritte Kraft bislang nicht ausreichend entwickelt worden ist.

Dortmund PROF. DR. ROLF WALTER Abteilung Mathematik an der Universität Dortmund

Es ist schon schlimm, was sich da gewählte Gremien, deren Mitglieder zum Teil nicht einmal akademische Weihen besitzen, gegenüber ordentlichen Professoren herausnehmen. Obwohl die Fachbereichsräte für die Sicherstellung des Lehrangebotes verantwortlich sind, muß es doch bedenklich stimmen, daß sich diese erdreisten, in den ihnen zugewiesenen Angelegenheiten mitzubestimmen (Merke: Die Freiheit von Forschung und Lehre ist in Gefahr). Empörend ist es geradezu, wenn Fachbereiche gegen die Freistellung von jeglicher Lehrverpflichtung bei Zahlung voller Bezüge votieren. Bei derartigen Verhältnissen kann man es schon verstehen, wenn ein ordentlicher Professor einer traditionellen Universität den Rücken kehrt und sich einer integrierten Gesamthochschule zuwendet. Denn hier kann erwartet werden, daß ihm solches nicht widerfährt.

Bochum WOLFGANG RUDLOFF Der Kanzler der Fachhochschule

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