Zur Ausgabe
Artikel 21 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Abwässer Kritisch belastet

Bayerns CSU-Regierung geriet in Streit mit den SPD-Regierenden in Regensburg, wo Abwässer noch immer ungereinigt in die Donau fließen. Nun soll ein Klärwerk gebaut werden -- am Ruhmestempel Walhalla.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Wer als Tourist in Regensburg einheimische Schmankerl genießen möchte, findet sich zumeist im »Historischen Wurstkuchl« an der Donau ein. »Europas älteste Brotzeitstube« serviert eine berühmte Kartoffelsuppe und Schweinsbratwürstl vom Holzkohlengrill.

Ein paar Meter weiter, bei der nicht minder berühmten Steinernen Brücke, ist derzeit zu sehen, was sonst noch so aus dem Wurstkuchl kommt Abfälle aller Art schwappen dort durch zwei Kanalisationsrohre in die Donau, die nach wochenlanger Trockenperiode letzte Woche auf unter 70 Zentimeter Wasserstand abgesunken war.

Der Kontrast ist beispielhaft, und der Pegel-Sturz des Stromes macht ihn allenfalls ruchbarer als je zuvor. Denn Regensburg, Domstadt mit 131 000 Einwohnern und einem »hinreißenden mittelalterlichen Stadtbild« ("Süddeutsche Zeitung"), hat als einzige Großgemeinde Bayerns noch immer keine Kläranlage. Noch immer fließen die Abwässer der oberpfälzischen Provinzmetropole (1971: 14 Millionen Kubikmeter) ungeklärt in die schon lange nicht mehr blaue Donau und zwei Nebenflüsse, den Regen und die Schwarze Laaber.

»In der Früh um halb sechs geht's schon los«, klagt Fritz Bambel, Gewässerwart des örtlichen Fischereivereins: »Manchmal stinkt's schon zum Himmel« -- etwa da, wo vom Regensburger Milchwerk weißliche Melke-Rückstände losgelassen werden, die sich mit Donau-Wasser zu Säuren verbinden, oder an der Kanal-Einmündung der Chemischen Fabrik von Heyden, deren Abwässer für Donaufische mitunter »absolut tödlich« sind (Bambel). Und Regensburgs Hauptkanalisationsstrang bringt aus der unteren Stadt auch Reste vom Schlachthof zu Wasser. Gewässerwart Bambel: »Da ziehen sie sogar Därme raus von zehn bis 15 Meter Länge.«

Solche Sündflut hat »die Verwaltung der Stadt -- in der bei Kriegsende außer der fürstlichen Brauerei der Thurn und Taxis nur ein Zucker-Werk und eine Schnupftabak-Fabrik siedelten, jetzt aber 19 000 Industriebeschäftigte heimisch sind -- vor zwölf Jahren mit einem »Bewilligungsbescheid« für die Einleitung ungeklärter Abwässer selber sanktioniert.

Ein Urteil des Regensburger Verwaltungsgerichts vom Juni 1966, das den Abwasser-Bescheid aufhob, weil er »fundamentalen Grundsätzen des Wasserhaushalts« widerspreche, bewirkte bis heute nicht mehr als »Vorplanung« und Standortwahl für eine künftige Kläranlage. In und hinter Regensburg ist die Donau nach Untersuchungen des Landesamtes für Gewässerschutz mittlerweile »kritisch belastet«.

Als der Fluß im letzten Dürrewinter jäh absackte und die Ursachen seiner Belastung offenbarte. fiel auch den Wasser-Warten im zuständigen bayrischen Innenministerium auf, daß die Abwasserbeseitigung in Regensburg »völlig untragbar« sei. Die Stadt habe, so mahnte das Ministerium unlängst in einem von acht Referenten abgezeichneten Schreiben an die Bezirksregierung der Oberpfalz, das Projekt einer Kläranlage »offensichtlich seit Jahren verzögert«. Konsequenz: »Eine strafrechtliche Überprüfung dürfte bei dem für bayrische Städte wohl beispiellosen Verhalten der Stadt Regensburg angebracht sein.«

Freilich: Mit »diesem Wortlaut«, so versichert das Ministerium, sei das Schreiben nicht abgeschickt worden; der Droh-Brief blieb Entwurf. Man habe, so erläuterte Regierungsbaudirektor Karl-Ernst Orbig, die Regensburger lediglich »ziemlich bedrängt«, das Projekt unverzüglich »zu beschleunigen«.

Daß der Briefentwurf dennoch in Regensburg publik wurde, hat besondere Bewandtnis: Der CSU-Stadtratskandidat Josef Titz, der in der SPD-regierten Domstadt ein Wochenblatt herausgibt, bekam ihn nach eigenem Bekunden »von der Spitze des Innenministeriums« und machte aus dem Münchner Abwasserbefund prompt eine Schlagzeile: »Der Stadt droht ... ein sensationeller Prozeß.«

Einstweilen droht der Stadt für die anstehende Kommunalwahl nur ein anrüchiges Wahlkampfthema, und für die CSU wäre es nach Ansicht der Sozialdemokraten ratsam, mit der »Stinkbombe« (Titz) vorsichtig zu hantieren. Denn die Christsoziaien selber hinterließen, als sie 1960 die Rathaus-Regierung an die Sozialdemokraten abgeben mußten, einen »unerhörten Nachholbedarf« (so Oberbürgermeister Rudolf Schlichtinger). Die Stadt, überaltert und sanierungsbedürftig, besaß damals nicht einmal ausreichende Kanalisation und mußte noch 150 Kilometer Abflußrohr verlegen. Ohne Kanal-Netz aber ist eine Kläranlage sinnlos. OB Schlichtinger: »Hinzaubern können wir das nicht.«

Überdies »machte die CSU-Landesregierung, die bei Landgemeinden mitunter bis zu 80 Prozent der Kanalisationskosten übernimmt, der steuerschwächsten Großkommune Bayerns noch keine Zusage für den notwendigen Zuschuß. Die im außerordentlichen Haushalt der Stadt eingeplanten 36 Millionen Mark sind nach Schlichtinger »das Äußerste«, was Regensburg für ein Klärwerk aufwenden kann. Doch das Projekt wird nach bisheriger Kalkulation das Doppelte kosten. Und so werden die Regensburger noch weitere fünf Jahre mit der trüben Donau leben müssen: Frühestens 1977 kann der erste Bauabschnitt der geplanten Großkläranlage in Betrieb genommen werden -- wenn nicht zusätzliche Hindernisse das Projekt verzögern.

Denn schon jetzt beschweren sich Natur- und Denkmalschützer über die Standortwahl -- vier Kilometer östlich der Stadt, in einem Landschaftsschutzgebiet und vis-à-vis des königlich-bayrischen Ruhmestempels Walhalla.

Bezirksdenkmalspfleger Georg Rauchenberger: »Man baut doch nicht das Scheißhaus direkt neben die Haustür.«

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.