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KULTURPOLITIK Krude Obszönitäten

Bonner Kulturpolitiker wollen den Goethe-Instituten verbieten, ein kritisches Deutschland-Bild zu vermitteln. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Franz Josef Strauß witterte mal wieder Sabotage, und mal wieder sah er seinen Intimfeind, den liberalen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, als Drahtzieher. Die 149 deutschen Goethe-Institute in aller Welt, urteilte der bayrische Ministerpräsident, bestärkt durch eine »breite Zustimmung von Sachkennern«, arbeiteten »gezielt der Bundesregierung entgegen«.

Gegen die unheilige Allianz von Außenminister und deutschen Kulturarbeitern im Ausland rief der CSU-Chef im vergangenen August Kanzler Helmut Kohl und sieben Minister zu Hilfe: »Ich bitte Sie dringend, Ihren politischen Einfluß geltend zu machen«, damit endlich geschehe, was er, Strauß, schon lange anstrebe: »die längst fällige Kurskorrektur in der auswärtigen Kulturpolitik«.

Der Bayer fügte dem Hilferuf eine siebenseitige Anklage gegen Genscher bei (siehe Kasten Seite 41). Darin verdächtigte er den Liberalen, mit Hilfe der auswärtigen Kulturpolitik die Regierungskoalition verraten zu wollen. Genscher strebe an, »durch Nichtänderung des 1969 eingeschlagenen außenpolitischen Kurses sich für eine Neuauflage einer liberal-sozialistischen Koalition zu empfehlen«.

Was die deutschen Sprach- und Kulturinstitute im Namen Goethes in aller Welt verbreiten, ist nach Strauß' Auffassung eine »groteske Verzerrung der wirtschaftlichen und sozialen Zustände in der Bundesrepublik«. Besonders ärgerte sich der Münchner Saubermann über einen Lesetext der Institute, der bis 1983 als Prüfungsaufgabe für das Zertifikat » Deutsch als Fremdsprache« diente. Das Stück sei, so seine scharfsinnige Analyse, » schwerlich geeignet, unter den weiten Mantel der 'Pluralität' genommen und als 'Panne' entschuldigt zu werden«.

Der Text indes ist eine sachliche Beschreibung bundesdeutscher Zustände: _____« Nachdem es jahrzehntelang in der Bun desrepublik » _____« Deutschland wirtschaftlich aufwärts ging, nachdem fast » _____« zwei Millio nen ausländische Arbeitnehmer nach » _____« Deutschland kamen, Arbeit suchten und fanden, stehen auch » _____« die Deutschen wie der vor einem Problem, das sie fast ver » _____« gessen hatten: die Arbeitslosigkeit. Und es scheint, daß » _____« sie in nächster Zeit mit diesem Problem leben müssen... » _____« Vor den Türen der Arbeitsämter versammeln sich keine » _____« Menschen, die nicht arbeiten wollen. Freiwillig wird » _____« niemand solche Not leiden und aus Unlust am Arbeiten eine » _____« Situation suchen, die sozial gesehen steil abwärts führt. »

Mit »Anlage 2« leitete Strauß eine eidgenössische Zuschrift an Genscher weiter: Schaukästen gewisser Goethe-Institute im Ausland sähen aus wie »Litfaß-Säulen für die DDR«, die »Pflege unserer reichen und schönen Sprache« käme zu kurz.

Schließlich lamentierte der CSU-Chef über »eine gezielt einseitige Auswahl aus der Filmproduktion der Bundesrepublik Deutschland«. Als Beispiel legte er den Beschwerdebrief eines Ehepaares Lohmann aus Kuala Lumpur bei. Die beiden hatten den Filmvorführraum des Goethe-Institutes der malaysischen Hauptstadt »angeekelt« verlassen. Drinnen lief Uwe Frießners Film »Das Ende des Regenbogens«, ein mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichneter Streifen über Jugendliche in der Berliner Klau- und Drogenszene. Lohmann und Frau entdeckten in dem Film nur »krude Obszönitäten« und vernahmen »Fäkalsprache«.

Zugleich beschwerten sich die Lohmanns über den Film »Rheingold« von Niklaus Schilling. Trotz zurückhaltender Kameraführung fanden die Lohmanns auch hier »längere explizite Geschlechtsverkehrsszenen«. Eine gleichfalls aufgeführte Fassbinder-Serie sei »bis an die Grenze des Erträglichen« gegangen.

Daß sich immer wieder Mitglieder der deutschen Kolonie über vermeintlich allzu gewagte, freche oder kritische Kulturveranstaltungen erregen, ist für die Mitarbeiter der Goethe-Institute in aller Welt nichts Neues. Ungewohnt aber ist,

welche Folgen derlei Beschwerden neuerdings haben.

Die schwarze Kulturrevolution eröffnete Kohl selber, der 1983 bei einem Besuch im neueröffneten Goethe-Institut von Kyoto (Japan) eine Video-Kassette über den grünen Nachrüstungsgegner Ex-General Gert Bastian entdeckt hatte.

Und erst kürzlich hatte sich der Kanzler den »lieben Hans-Dietrich« schriftlich vorgeknöpft - wegen eines Auftritts des begeistert gefeierten Kabarettisten Gerhard Polt und des bayrischen Gesangtrios »Biermösl-Blosn« in Schweden. Ob er, der Kanzler sich mehr »über die Frechheit oder die Dümmlichkeit der Veranstalter« wundern solle, hatte Kohl seinen Koalitionsfreund gefragt (SPIEGEL 4/1987).

Kohl und Strauß Seite an Seite für ein sauberes Deutschland - Pressechef Friedhelm Ost sah seine Stunde gekommen. Am 11. September 86 wurde er aktiv - als Verwaltungsratsvorsitzender der regierungseigenen Bonner Propaganda-Organisation »Inter Nationes«.

Aus deren Filmangebot, das vom AA finanziert wird, bedienen sich die Goethe-Institute für ihre cineastische Arbeit. Ost wies Inter-Nationes-Chef Dieter Benecke an, »den Filmbestand und den Katalog mit den Kurzbeschreibungen im Interesse eines realistischen Deutschlandbildes zu überprüfen« (Kurzprotokoll des Haushaltsausschusses vom 2. 10. 86).

Benecke funktionierte: Er befahl den Goethe-Instituten von Abidjan bis S_o Paulo, von Athen bis Ankara, die Filme »Regenbogen« und »Rheingold« und obendrein noch Werner Nekes' Experimentalwerk »Uliisses« zurückzuschicken. Sie seien für »nichtgewerbliche, das heißt mit Steuermitteln finanzierte Vorführungen nicht geeignet«.

Der neue Trend empörte gleichermaßen Filmemacher wie den Deutschen Kulturrat. Die Regisseurin Margarethe von Trotta: »Das ist der Aufstand der Spießer, die eine keimfreie Kultur fordern.« Kulturrat-Generalsekretär Andreas Johannes Wiesand sah die in Artikel fünf des Grundgesetzes garantierte Freiheit von Kunst und Kultur verletzt.

Nach Intervention des Auswärtigen Amtes mußte Benecke in der vorletzten Woche klein beigeben. Die Filme blieben im Angebot von Inter Nationes, die Entscheidung über ihre Aufführung bleibt den Chefs der örtlichen Goethe-Institute überlassen.

Dennoch verfehlen die Einmischungen mächtiger Politiker auf Dauer nicht ihre Wirkung. Auch nicht auf das AA, dessen Kulturpolitischer Leiter Barthold Witte (FDP) nicht für besondere Standfestigkeit bekannt ist. In Sachen »Biermösl-Blosn« legten die Bonner Beamten der Münchner Goethe-Zentrale »dringend« nahe, eine »derartige Kabarettgruppe« nicht mehr einzuladen.

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