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BERLIN II Krumme Straße

In den Berliner Bauskandal ist jetzt auch ein Frankfurter Unternehmer verwickelt: Ignatz Bubis. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Erst protestierten Studenten im Frankfurter Westend gegen das »Gangstersyndikat«, zu dem sie Spekulanten wie Ignatz Bubis zählten. Dann mündete die Räumung eines besetzten Häuserblocks, der Bubis gehörte, in blutige Schlachten. Schließlich legten Mitglieder der Frankfurter FDP wegen der »Methoden« ihres Vorstandsmitglieds Bubis im Baugeschäft ihre Ämter nieder.

Allmählich wurde es dem Bauunternehmer in Frankfurt zu heiß - zumal

Rainer Werner Fassbinder auch noch das Theaterstück »Der Müll, die Stadt und der Tod« schrieb, dessen Hauptfigur, ein reicher jüdischer Spekulant, nach Ansicht Eingeweihter deutliche Züge von Bubis trägt. Die unsicheren Frankfurter Verhältnisse trieben den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt nach und nach dazu, seinen Immobilienbesitz umzuschichten.

Er stieß Frankfurter Liegenschaften wie das einst umkämpfte Grundstück an der Bockenheimer Landstraße ab und kaufte oder baute anderswo: Hotelketten in Israel (Laromme) und im Bundesgebiet (Ramada), aber auch Luxusherbergen wie Sozialwohnungen in Berlin. Denn speziell dort, meinte der Immobilienjongleur, »darf man noch ungestraft bauen«.

Da hat sich Bubis womöglich getäuscht. Am Montag vergangener Woche kam ihm die Berliner Staatsanwaltschaft ins Haus. Fahnder durchsuchten gleichzeitig seine beiden Frankfurter Büros und seine Berliner Verwaltungsstelle. Die Beamten nahmen »alles« mit, so Bubis, »wo Berlin draufstand«.

Die Fahnder präsentierten einen Durchsuchungsbeschluß des Amtsgerichts Berlin-Tiergarten, der im Zusammenhang mit dem Strafverfahren gegen den inhaftierten Charlottenburger Baustadtrat Wolfgang Antes stand - Bubis war in Verdacht geraten, gemeinsam mit anderen den Stadtrat bestochen zu haben.

Schmiergelder sollen nach Erkenntnis der Berliner Staatsanwaltschaft beim Erwerb der Grundstücke Krumme Straße 11 und 13 geflossen sein, auf denen Bubis zur Zeit 25 Sozialwohnungen errichten läßt. Die Fahnder stöberten deshalb nach Unterlagen »bezüglich dieses Objekts« und nach einschlägiger Korrespondenz zwischen Bubis, Antes und dem Berliner Architekten Hasso von Werder, der die Bauplanung betrieb.

Gegen den Vorwurf der Bestechung wehrte sich Bubis heftig. Doch die Art, wie er an die beiden Grundstücke in der Krummen Straße kam, entspricht durchaus der anrüchigen Berliner Praxis. Den Tip, daß die Stadt dort ein Areal in Erbpacht zur Bebauung anbiete, hatte er nach eigenen Angaben von dem Architekten von Werder sowie dem Berliner Makler Jörg-Helmut Oldenburg erhalten, den Bubis »vorher nicht gekannt« haben will.

Oldenburg ist seit langem eine schillernde Figur auf dem Berliner Immobiliensektor. Mit von Werder etwa erwarb er 1980 den Altbau Thrasoldstraße 20, in dem die Mieter, so eine von alternativen Berliner Städtebauexperten erarbeitete Dokumentation über »Die Sanierungs-Mafia«, durch »Absägen der Absperrhähne« unter Wasser gesetzt und vertrieben wurden.

Am 12. Januar 1983 bewarb sich Bubis beim Bezirksamt Charlottenburg um die Vergabe der Grundstücke Krumme Straße. Seine Empfehlung: Er habe in Berlin unter anderem als persönlich haftender Gesellschafter das Hotel Steigenberger und das Penta Hotel errichtet.

Den Zuschlag bekam Bubis nicht sogleich. In einem Schreiben vom 13. Mai gab das Bezirksamt dem Frankfurter Unternehmer auf, er möge wie »alle unverbindlich vorgemerkten Interessenten« einen Bebauungsvorschlag einreichen, den dann Architekt von Werder auch anfertigte.

Als im September noch immer nicht über die Vergabe des Erbbaurechts entschieden war, vereinbarte Bubis in Berlin mit Oldenburg, daß der Makler ein Honorar von insgesamt 403075,50 Mark einschließlich Mehrwertsteuer erhalten solle - für bereits erbrachte »erhebliche Vorleistungen«. Die Summe sei, so die Vereinbarung, zur Hälfte »bei Vorliegen des genehmigten Bauvorbescheides« fällig, der Rest »bei Abschluß« des Grundstücksgeschäftes mit der Stadt.

Im voraus gewährte Bubis seinem Partner Oldenburg ein mit 6,5 Prozent zu verzinsendes Darlehen über 100000 Mark, das er an Ort und Stelle per Verrechnungsscheck auszahlte. Den Scheck der Dresdner Bank mit der Nummer 360118874 löste Oldenburg bei der Raiffeisen Köpenicker Bank ein. Und zwei Wochen später, am 8. Oktober, erhielt Bubis gute Nachricht aus Berlin.

»Wir sind erfreut, Ihnen mitteilen zu können«, schrieb ihm das Bezirksamt Charlottenburg, Abteilung Bauwesen, »daß letztlich das Votum der Abteilung Bauwesen zugunsten des Planungskonzeptes des von Ihnen beauftragten Architekten ausgefallen ist.« Unterzeichner: Antes, Bezirksstadtrat.

Die Fahnder hegen den Verdacht, daß der CDU-Stadtrat von dem Geld bekommen hat, das Bubis seinem Baubetreuer Oldenburg übergab. Nach der ersten Zahlung folgten zwei weitere Verrechnungsschecks über 150000 Mark und den Rest der vereinbarten Summe.

Das üppige Honorar rechtfertigt Bubis mit Oldenburgs »Risiko«, noch vor dem Zuschlag die Architektenkosten für die Vorplanung übernommen und »die ganzen Vorarbeiten« geleistet zu haben, »die Abstimmungen mit zig Behörden, überall wo ein solcher Vorschlag durchläuft«. Doch die Ermittler glauben, Oldenburg sei nur bei Stadtrat Antes gewesen - und das als Geldbriefträger. Bezirksstadtrat Heinz Wendland, der als Leiter der Abteilung Finanzen für die Vergabe von Grundstücken zuständig war und in dessen Abwesenheit Antes dann immer die Zuschläge erteilte, erinnert sich, daß Oldenburg bei ihm »nie aufgetaucht« sei, um die Krumme Straße habe sich Bubis »immer persönlich gekümmert«.

Daß Oldenburg womöglich den Stadtrat Antes geschmiert hat, das mag Bubis nun »gar nicht ausschließen«, nur war »so etwas« für ihn früher »nicht erkennbar«. Zweifel an der Ehrlichkeit seines Geschäftspartners wollen Bubis erst gekommen sein, als sich im vergangenen Oktober das Finanzamt Tiergarten in einem Steuerstrafverfahren gegen Oldenburg bei ihm meldete. Die Steuerfahnder wollten wissen, ob Bubis dem Berliner Makler einmal ein Darlehen von 100000 Mark gewährt und wenn ja, ob er es zurückbekommen habe. Bubis legte seine gesamten Zahlungen an Oldenburg offen.

Um so erstaunter war Bubis, daß der Durchsuchungsbeschluß am vergangenen Montag zwar auf seine Korrespondenz mit Antes (Bubis: »Mit ihm habe ich erst nach Erhalt des Zuschlags telephoniert") und Architekt von Werder zielte, nicht aber auf seinen Schriftwechsel mit seinem Baubetreuer. Die Lösung: Bei Oldenburg war die Kripo schon gewesen, und man braucht, so ein Fahnder, »Beweismaterial ja nicht doppelt«.

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