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RTL Kühne Idee

Rückschlag für Bertelsmann: Die geplante Fusion von RTL mit Super RTL, RTL 2 und Vox zu einem schlagkräftigen TV-Konzern droht zu scheitern.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Wir sind heute in Deutschland und in Europa die Nummer eins im werbefinanzierten Fernsehen«, sagt Bertelsmann-Chef Mark Wössner gern. Auf ein verlustreiches Abenteuer im Pay-TV möchte er sich daher nicht einlassen.

In diesem Jahr wollte Wössner die Führung ausbauen. Rund um RTL, schon heute Europas größter Privatsender, sollte ein Fernsehkonzern mit kleinen Sendern entstehen.

Die bislang weitgehend unabhängigen TV-Stationen RTL 2, Super RTL und womöglich auch Vox würde der Konzern am liebsten zu einer RTL-Holding formieren. Auch der Chef des Ganzen war ausgeguckt: RTL-Boß Helmut Thoma.

Ihn reize »der Posten des Kapitäns von RTL und seinen Beibooten«, verkündete der Manager im vergangenen Dezember. Eine gemeinsame Holding, sagte er, könne Verwaltung, Filmeinkauf, Nachrichtenversorgung und Programmplanung einheitlich steuern und so den Gesellschaftern jährlich 50 bis 60 Millionen Mark sparen.

Bis zum Mai sollte der starke Verbund stehen. RTL wollte am liebsten schon in diesem Herbst den Werbekunden das neue Konglomerat verkaufen.

Doch das ehrgeizige Vorhaben droht zu scheitern. Die Widerstände sind gewaltig. Die Verhandlungen der Bertelsmänner mit den Mitgesellschaftern von RTL 2, Super RTL und Vox sind ins Stocken geraten. Wahrscheinlich war die Idee des Zusammenschlusses von Anfang an zu kühn.

Denn bei den kleinen Sendern ist Bertelsmann in keiner starken Position. An Super RTL hält der Konzern zwar 50 Prozent, die Führung aber liegt beim US-Konzern Disney. Bei RTL 2 ist Bertelsmann ebenso wie der Filmhändler Herbert Kloiber und Disney sowie der Hamburger Verleger Heinz Bauer mit jeweils rund 33 Prozent beteiligt. Auch bei Vox hat das Haus Bertelsmann (24,9 Prozent der Anteile) nicht das Sagen. Hauptanteilseigner ist der TV-Tycoon Rupert Murdoch.

Notgedrungen muß Bertelsmann eine Einigung mit den jeweiligen Haupteigentümern erreichen. Doch die wollen sich nicht einfach als Juniorpartner in die RTL-Holding eingliedern lassen - schon gar nicht zu den früher diskutierten Konditionen.

Während Bertelsmann für sich rund 85 Prozent an der neuen Firma vorgesehen hat, bleiben für die anderen jeweils nur einige Prozente übrig. Im Moment sei »das weder für mich, noch für meine Partner Disney und Bauer-Verlag ein attraktives Angebot«, sagt Filmkaufmann Kloiber. Den Bertelsmännern sei es »bis heute nicht gelungen, den sogenannten künftigen Minderheitsgesellschaftern darzulegen, wie sich das wirtschaftliche Bild durch die Zusammenlegung von Sendern darstellt«.

Die Holding hätte nur für Bertelsmann »lauter Vorteile«, vermutet Kloiber. Sein Fazit nach wochenlangem Hin und Her: »Ich gebe der Holding-Idee wenig Chancen, 1997 ist das falsche Jahr.«

Das größte Problem gab es von Anfang an mit Disney. Die selbstbewußten Manager des Unterhaltungsmultis lehnten das erste Angebot, ein Anteil von rund sechs Prozent an der Holding, rundweg ab.

Der Mickymaus-Konzern will, wie immer bei seinen Investitionen, einen prägenden Einfluß - und mehr Geld. So soll der Preis für ein fünfjähriges Bezugsrecht auf alle Disney-Produktionen von derzeit 750 Millionen Dollar auf rund 1,1 Milliarden Dollar steigen.

Kloiber, der zusammen mit Disney an RTL 2 beteiligt ist, feilscht ebenfalls ums Geld. Er möchte bereits jetzt für seine Anteile einen Ausstiegspreis fixieren, den er in ein paar Jahren erzielen will. Dabei bewertet Kloiber die TV-Station (Jahresverlust 1996: rund 90 Millionen Mark) mit immerhin 750 Millionen Mark.

Zuviel, sagt Bertelsmann. Die seien »zu dem nötigen großen Wurf offenbar gar nicht in der Lage«, kontert Kloiber.

Das nun wieder ärgert die Gütersloher. Es mache keinen Sinn, »mit dem großen Geldsack daherzukommen«, erwidert CLT-Ufa-Chef Rolf Schmidt-Holtz: »Wir zahlen keine Mondpreise.« Sein Haus stehe nicht unter Druck, auch wenn er die Holding-Idee für sinnvoll hält: »Sonst verdienen bald nur noch Filmhändler und Studios das große Geld.«

Es geht nicht nur um Finanzen. Die Geschäftsführer der kleinen Sender rund um RTL wehren sich nach Kräften.

»Diese Überlegungen entspringen einem weißen Blatt Papier«, kommentiert Vox-Chef Markus Tellenbach. Vielleicht sei es nur »eine elegante Art, Konkurrenten zurückzustufen«. Eine Einigung zwischen Bertelsmann und Vox-Haupteigner Murdoch sei sehr unwahrscheinlich. Auch RTL-2-Geschäftsführer Rudolf-Markus Reischl ist empört. Der RTL-Vorstoß habe »nichts zu tun mit dem Aufbau von Synergien, sondern mit dem Abbau von Energien«.

Helmut Thoma muß trotzdem handeln: Sein Filmfundus im Wert von mehreren hundert Millionen Mark braucht mehr Verwertungskanäle, wenn sich die hohen Kaufpreise in Hollywood rentieren und Abschreibungen vermieden werden sollen. Für RTL müßten »Beiboote« her, fordert Thoma: »Die wirtschaftliche Vernunft läßt keine andere Wahl.«

Daher bastelt Mister RTL derzeit an einer Ersatzlösung. Bereits zur Berliner Funkausstellung im August soll ein Sender unter dem Ursprungsnamen von RTL starten, RTL plus. Der Neuling will vor allem Serien und Spielfilme präsentieren, die im RTL-Keller lagern. Vorgesehen ist nur ein Mini-Budget von unter 40 Millionen Mark.

Denkbar ist auch ein News-Sender RTL Info, der Nachrichten, Sport, Wirtschaft sowie Wetterberichte sendet. »Wir können sofort loslegen«, sagt RTL-Chefredakteur Hans Mahr. Die Bertelsmann-Manager sind aber skeptisch, ob sich ein zusätzlicher Infokanal rentiert, weil schon der erste, n-tv, schwer zu kämpfen hat.

Ein weiteres Problem kommt hinzu: Es fehlt noch an Kabelfrequenzen und damit an erreichbaren TV-Haushalten. Die widerspenstigen Geschäftsführer der Kleinsender freuen sich. Vox-Chef Tellenbach: »Die beginnen bei Adam und Eva.«

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