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BUNDESWEHR Kühne Tat

Eine offizielle Soldaten-Broschüre verherrlicht die deutsche Besetzung der Griechen-Insel Kreta. *
aus DER SPIEGEL 39/1987

Gebirgsjäger starren aus dem Flugzeugfenster: »Fertigmachen! Kreta in Sicht!« Zwei Soldaten, Sturmgewehr in der Rechten, sind »hart am Feind«. Und: »Mit knapp 50 Mann griff Oberleutnant Genz die mit 180 Mann besetzte Stellung an. Es gingen nur sieben Briten in Gefangenschaft. Der Rest fiel.«

Der Text stammt aus einer neuen Broschüre, die junge Bundeswehr-Soldaten bei Übungen auf der Mittelmeerinsel Kreta von ihren Vorgesetzten erhalten. Herausgeber: das Freiburger Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr.

Kreta und seine Bewohner, schreibt Oberst Günter Roth, früher Kommandeur einer Fallschirmjäger-Brigade, in einem Grußwort, hätten »wiederholt Besetzungen durch fremde Truppen erlebt« - so auch im Zweiten Weltkrieg: »Deutsche Fallschirm- und Gebirgsjäger entrissen den Briten die Insel in verlustreichen Kämpfen.«

Heute ist das zwar anders. Jetzt werden deutsche Soldaten »von der kretischen Bevölkerung als Freunde und Verbündete geachtet«, so Roth. Doch über weite Strecken wirkt das 124-Seiten-Büchlein, etwa bei der Schilderung der »Luftlandeschlacht« um Kreta, wie ein Wehrmachtbericht.

Als Helden-Epos über das »Unternehmen Merkur« vom Mai 1941 präsentiert Oberstleutnant Florian Berberich, selbst Fallschirmjäger, die Taten der deutschen Fallschirm- und Gebirgsjäger sogar »in aussichtsloser Lage«, während deren tumbe Gegner - Briten, Neuseeländer, Australier und Griechen - »über die Absichten ihrer Führung im dunkeln tappten«. Die Kreter kommen nur als Partisanen vor, die an »schärfsten Vergeltungsmaßnahmen der Truppe« quasi selber schuld hatten.

Schwache Mahnungen von zivilen Historikern der Bundeswehr, das Heldenstück in einen geschichtlich-wissenschaftlichen Überblick umzuformulieren, fanden vor den Militärs und selbst vor deren Oberbefehlshaber Manfred Wörner keine Gnade. Gut 6000 Exemplare der Broschüre (erschienen im Militär-Verlag E. S. Mittler, Ladenpreis: 14,80 Mark) wurden vom Bundeswehr-Forschungsamt gekauft und werden seit Frühjahr an Soldaten ausgegeben, die mit »Nike«-, »Hawk«- und »Lance«-Raketen sowie Luftabwehrgeschützen auf dem Nato-Übungsplatz auf Kreta üben.

Dort soll ihnen der »Wegweiser« die Eingewöhnung erleichtern; und dazu dienen wohl auch die markanten Photos. Auf einem Bild hechtet ein Fallschirmspringer aus der Flugzeugtür: »Unter uns Kreta...« Ein Photo, das den »General der Flieger« Kurt Student vor einer Landkarte zeigt, wird verknüpft mit einer Luftaufnahme von Ju-52-Flugzeugen auf dem Flugplatz Maleme: »Kühn die Planung ... und kühn die Tat. Im englischen Artilleriefeuer landen die ersten Transporter.«

In der Einleitung wird verschämt darauf verwiesen, daß die Militärhistoriker »bewußt auf die zeitgenössische Bildberichterstattung zurückgegriffen« hätten. Daß Photos und Texte aus dem Propaganda-Buch »Sieg der Kühnsten« aus dem Jahr 1942 stammen, wird nur beiläufig mitgeteilt, im Literaturverzeichnis. Herausgeber: Hitler-General Student, der das Unternehmen betrieben und befehligt hatte.

Über die Greueltaten der Deutschen während der späteren Besatzungszeit enthält das Buch keine Angaben. Mit keiner Silbe erwähnt Autor Berberich, daß bei den »schärfsten Vergeltungsmaßnahmen« für Partisanenaktionen wahllos viele hundert Griechen ermordet, ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Statt dessen beschreibt er den Heldenmut der »legendären Sturmabteilung Koch« oder »den Auftrag, die Halbinsel Akrotiri vom Gegner zu säubern«.

Nur an einer Stelle mißraten dem Heldenlied-Sänger die eigenen Töne - hin zur Wahrhaftigkeit: »Die ständigen Umgehungen und Flankierungen aus dem Gebirge, die den Jägern unmenschliche Leistungen abforderten, waren eine böse Überraschung für die Briten.«

Gemeint sind wohl »übermenschliche« Anstrengungen.

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