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Briefe

KÜNSTLER ZUR DIAGNOSE
aus DER SPIEGEL 13/1958

KÜNSTLER ZUR DIAGNOSE

Über den Versuch des französischen Examenskandidaten Torrilhon, medizinischen Profit aus der alten flämischen Malerei zu schlagen, kann man doch wohl nur lächeln. Natürlich haben die alten Meister die Natur eingehend betrachtet, auch da, wo etwas Krankhaftes oder Abnormes zu beobachten war. Ihre Bilder aber für diagnostische Zwecke zu untersuchen, ist doch wohl bloße wissenschaftliche Spiegelfechterei, um nicht zu sagen Kinderspielerei.

Essen KURT ANDRESEN

Beim Fall Torrilhon muß daran erinnert werden, wie vor einigen Jahrzehnten der Hinweis auf das Dürersche Gemälde »Madonna mit dem Kinde« nicht nur als Mittel der Diagnostik, sondern auch als Alarmruf an die Mütter benutzt wurde. Der damals junge Frankfurter Kinderarzt Prof. Dr. Kurt Scheer hatte in einer wissenschaftlichen Abhandlung den Vorschlag gemacht, den Titel des Dürerbildes »Madonna mit dem Kinde« umzuändern in »Madonna mit dem rachitischen Kinde«. Ein wilder Entrüstungssturm war die erste Antwort. Erst als umfangreiche Diskussionen ergaben, daß eine überraschend große Zahl von Kindern auf Gemälden in allen europäischen Galerien mehr oder minder rachitischen Habitus hat, war der Boden bereit für die damals neuen antirachitischen Behandlungsmethoden. Vielleicht geht von der Dissertation Torrilhons über Bruegel eine ähnliche Wirkung aus. Es wäre sicher gut, wenn unsere Gemäldesammlungen nicht nur der ästhetischen Bildung, sondern auch unmittelbar der Volksgesundheit dienten.

Frankfurt (Main) DR. THEODOR HÄBICH

Ministerialrat i. R.

Bauern-Bruegel malte also nicht Menschen, sondern klinische Fälle, an denen noch der heutige Mediziner Studien betreiben kann. Danke sehr! Ich werde mir also beim nächsten Besuch in einer Gemäldegalerie vorstellen, ich sei in einem Lazarett.

München CARSTEN REIMERS

Dürers »Madonna mit dem Kinde« (Ausschnitt)

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