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Briefe

KÜNSTLICHES GETÖN
aus DER SPIEGEL 44/1965

KÜNSTLICHES GETÖN

Die Entscheidung des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Franz Meyers und seines Kultusministers (Theologie-Professor Mikat), in diesem Jahr keinem Musiker den Großen Kunstpreis des Landes zu verleihen, weil der von der Jury ausgewählte Komponist Karlheinz Stockhausen ihnen zu moderne Töne komponiert hat, zeigt einmal mehr, daß sich die Regierenden der Bundesrepublik in Fragen der Kunst und Kultur nicht demokratischer verhalten als die Herren im Kreml und in Pankow: Preiswürdig ist nur, was den Regierenden persönlich gefällt.

Göttingen HORST NEUBERT

Die Sache mit Stockhausen ist unglaublich. Der sonst so sympathische Mikat setzt also die Reihe von hochgestellten Banausen fort, die in Deutschland - von Kaiser Wilhelm II. angeführt - mit ihren Kunsturteilen zum Lachen reizen könnten, wenn die Sache nicht doch zu ernst wäre. Wir haben in Stockhausen einen Komponisten, den Strawinski hochschätzt, der in allen zivilisierten Ländern von der Avantgarde bewundert wird, der wirklich Unerhörtes kann und wagt - und die fünf Fachleute der preisverteilenden Jury sind sich einig darüber, daß ihm der Preis zusteht, und er brauchte ihn auch, denn er vertut seine Zeit damit, in »Kursen für Neue Musik« zu dozieren. Man nimmt es ja einem Minister nicht übel, wenn er von Musik wenig versteht, und man hat auch Verständnis dafür, daß ihm die ganze Richtung nicht paßt. Aber wozu sind denn die Experten da! Soll er ihnen halt vertrauen, anstatt Ärger zu schaffen und sich zu blamieren.

Rom GEORG KRIEGER

Meinen Ohren tut Stockhausens Musik auch nicht wohl, doch enthalte ich mich, bevor ich mich nicht eingehend mit seinen Werken befaßt habe, jeglicher Kritik.

Hamburg INGE BORG

Mit Interesse, ja geradezu mit größter Genugtuung, las ich Ihren Bericht über die mutigen Stockhausen-Gegner Meyers und Mikat. Sie werden es nicht glauben, aber heute gehört wirklich schon etwas Mut dazu, in der Öffentlichkeit als Ministerpräsident oder gar Kultusminister gegen solche Lärmterroristen wie Karlheinz Stockhausen Stellung zu beziehen.

Essen DIETER GAEDE

Der vom Ministerpräsidenten und vom Kultusminister von Nordrhein-Westfalen abgelehnte Preiskandidat Stockhausen hat bis heute 22 Werke komponiert. Zählt man die in Werkgruppen zusammengefaßten Stücke aus, dürften es gegen 35 sein. Darunter befinden sich vier Stücke mit elektronischen Klängen. Was ist das für eine Jury, die acht Neuntel aus dem Schaffen eines Komponisten ausklammert und nur ein Neuntel zur Diskussion stellt? Der vieldiskutierte Stockhausen, 1953 von mir in Köln aufs elektronische Gleis gesetzt

und jahrelang betreut, hat ohne Zweifel Wichtiges zur Erweiterung unserer heutigen Musikvorstellungen beigetragen; mehr jedenfalls als irgendeiner der bisherigen Preisträger.

Volkstümlichstes Motto der negativen Stimmen, mit verblüffender Regelmäßigkeit in Hörerbriefen an den Rundfunk wiederkehrend: »Das kann unsere Katze auch.« Ob Katze, Sägewerk oder Mähmaschine, ich kann mir nicht vorstellen, daß ernstzunehmende Jurymitglieder sich je auf solche Argumente einlassen könnten. Außerdem ist dem Kultusminister von Nordrhein-Westfalen wohlbekannt, daß die von ihm beaufsichtigte Staatliche Musikhochschule Köln als erste in Deutschland seit Anfang dieses Jahres ein Studio für elektronische Musik eingerichtet hat, dessen Gründung auf die Initiative des Kölner Hochschuldirektors Heinz Schröter zurückgeht und das, nun im zweiten Semester, so munter floriert, daß die Aufnahmeliste in der ersten Stunde des ersten Semestertags geschlossen werden mußte.

Da alle Studios (heute rund 30, davon fünf in der Bundesrepublik), mögen sie verschieden ausgerüstet sein, nach den gleichen, zuerst von mir im Kölner Rundfunk seit 1951 praktizierten Prinzipien arbeiten, kann es nicht ausbleiben, daß das vermeintlich »künstliche Getön« nicht nur bei Stockhausen zu hören ist, sondern überall, wo elektronische Musik produziert wird. Preisfrage zum verhinderten Kunstpreis: Was wurde hier nun abgelehnt, die elektronische Musik oder speziell der zu einem Neuntel-seines Schaffens mit ihr verbundene Preiskandidat?

Köln PROF. DR. HERBERT EIMERT

Angesichts der noch völlig ungeklärten Frage, ob das, was heutzutage zuweilen, wie im vorliegenden Falle, geboten wird, als Musik zu bezeichnen ist, möchte ich anregen, neben den bisherigen Musik-Kunstpreisen, die für Musik im herkömmlichen Sinne, wenn auch etwas zeitgemäß erweitert, verliehen werden, auch Lärm-Kunstpreise auszusetzen, damit derartige unangenehme Vorkommnisse, wie beschrieben, vermieden werden. Es wird zwar zur Zeit noch schwierig sein, eine kompetente Jury für Lärmkunst zu finden, da der Begriff erst noch der näheren wissenschaftlichen Definition bedarf.

Heiligenhaus (Nordrh.-Westf.)

EDUARD FISCHER

Eimert*

* Leiter der Komponistenklasse und des Studios für elektronische Musik der Staatlichen Hochschule für Musik in Köln.

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