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BRASILIEN Kugeln in der Kirchenbank

Ein österreichischer Bischof betreut die größte und gefährlichste Diözese Südamerikas: Er verteidigt die Habenichtse und Tagelöhner im Amazonasgebiet.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Als Erwin Kräutler in der Kathedrale die Messe liest, mischen sich zwei Männer unter die Gläubigen. Es sind dieselben, die kurz darauf im Nebenzimmer sitzen, während er vor Grundschullehrerinnen über das Thema Vergebung referiert. Und die neben ihm traben, wenn er morgens um fünf im Trainingsanzug durch Altamira läuft, den Bischofssitz im Amazonasgebiet.

Ihr Hemd tragen sie stets über der Hose, damit ihr Revolver am Hosenbund nicht so auffällt. Sie sind Polizisten, sie sollen den Bischof schützen.

Kräutler ist ein großer, sportlicher Mann. Wie jeden Morgen marschiert er auch heute die fünf Kilometer von seiner Wohnung neben der Kathedrale bis zur Polizeiwache am anderen Ende der Stadt. Es ist noch dunkel, aber die Hitze des kommenden Tages lässt sich bereits erahnen. Seine Leibwächter haben Mühe, mit ihm Schritt zu halten. »Am liebsten würde ich sie nach Hause schicken«, sagt er: »Aber der Polizeichef besteht auf der Eskorte.«

Die Behörden wollen sich nicht vorwerfen lassen, sie vernachlässigten den Schutz des Kirchenmanns - ein Unbekannter hatte jüngst im Internet Kräutlers Hinrichtung avisiert.

Selten sind die Morddrohungen so direkt. Meistens lassen seine Feinde ihm die Warnung über Dritte zukommen: Während der Prozession flüstert jemand einem Vertrauten des Bischofs zu, dass es besser sei, wenn Dom Erwin aus Altamira verschwände. Oder jemand ruft in dessen Büro an und sagt, dass »der Bischof eliminiert werden muss«.

Einmal hinterließ ein Unbekannter nach der Messe Patronen vom Kaliber .38 in der Kirchenbank. Das war eine unmissverständliche Warnung: Dom Erwin Kräutler, 67, gebürtiger Österreicher aus Koblach in Vorarlberg, steht auf der Todesliste der Pistoleiros von Altamira ganz oben.

Insgesamt zehn Geistliche im Amazonasgebiet haben ähnliche Drohungen erhalten, weil sie gegen Korruption und Sklavenarbeit kämpfen. Dass die Warnungen ernst zu nehmen sind, bewies der Mord an der amerikanischen Nonne Dorothy Stang vor zwei Jahren: Auftragskiller brachten die 73 Jahre alte Dame um, weil sie Landlose in Anapu unterstützte, einer Nachbargemeinde von Altamira.

Die Pistoleiros lauerten ihr im Urwald auf. Sie las ihnen noch einige Verse aus der Bibel vor, bevor die Männer ihrem Opfer in den Hinterkopf schossen. Für das Verbrechen sollen Rinderfarmer verantwortlich sein. Einem von ihnen wird jetzt der Prozess gemacht. Kräutler predigte auf Stangs Beerdigung.

Jetzt will der Geistliche das Drama im Amazonasgebiet an höchster Stelle zu Gehör bringen. In ein paar Tagen wird Papst Benedikt XVI. während seiner ersten Lateinamerikareise ihn und weitere brasilianische Bischöfe in der Kathedrale von São Paulo empfangen. Amazonien ist das Thema, das die brasilianische Bischofskonferenz dieses Jahr für ihre »Kampagne der Brüderlichkeit« gewählt hat. Vor allem Kräutler hat das bewirkt.

Er kennt Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger noch aus seiner Studienzeit in Bayern. »Wir haben eine interessante und gute Beziehung«, sagt er, als wolle er ihn etwas in Schutz nehmen. Denn der Papst aus Deutschland ist in Brasilien umstritten. Vielen gilt er als kalt, konservativ und unempfänglich für die Nöte der Dritten Welt.

Vor allem die Maßregelung des Be-freiungstheologen Jon Sobrino aus El Salvador, den Kräutler verehrt, hat viele Geistliche empört. Kräutler: »Was Latein-amerika an geistlicher Betreuung braucht, können europäische Theologen wohl kaum verstehen.«

Für Kräutler ist Glauben ein »Kampf fürs Leben«. Die Liturgie hat er nicht auf-

gegeben, aber er streitet für einen Bewusstseinswandel: »Ihr müsst den Mund aufmachen«, predigt er Gläubigen im Gemeindezentrum Bethânia, acht Kilometer vor Altamira. Rund 30 junge Frauen und Männer lauschen dem Bischof.

Kräutler trägt Sportschuhe und Polohemd, er federt beim Gehen, der österreichische Akzent verleiht seiner sonoren Stimme einen weichen Klang. »Ihr seid Söhne Gottes und niemandes Sklaven«, schärft er seinen Zuhörern ein.

Nebenan reinigen die beiden Leibwächter ihre Revolver. Nach der Predigt klettern sie auf die Ladefläche von Kräutlers Mitsubishi-Geländewagen, der Bischof fährt selbst. Wie Niki Lauda rast er über die Urwaldpiste, Verfolger hätten es schwer.

Der Bischof aus Österreich betreut die größte und gefährlichste Diözese Brasiliens. Sein Bistum am Rio Xingu, einem Nebenfluss des Amazonas, hat nur 400 000 Einwohner, aber es ist etwas größer als Deutschland. Zum Sprengel gehören Urwälder, Rinderfarmen, Indianerreservate sowie eine legendäre Straße: die Transamazônica, die einzige Ost-West-Verbindung durch das Amazonasgebiet. Wie eine klaffende rote Wunde zieht sich die Piste durch seine Diözese. Sie bildet die Frontlinie in jenem schmutzigen Krieg, der diesen abgelegenen Winkel in den Wilden Westen Brasiliens verwandelte.

Die Schneise ließen die damals regierenden Militärs Anfang der siebziger Jahre in den Dschungel schlagen. »Land ohne Leute für Leute ohne Land« hieß ihre Parole. Die Aussicht auf kostenlose Grundstücke lockte Zehntausende Siedler aus dem armen Nordosten an. Zu Beginn der Bauarbeiten fällte Präsident Emílio Garrastazu Médici einen 50 Meter hohen Paranussbaum, die Regierung errichtete ein pompöses Denkmal. Kräutler: »Das war Betrug von höchster Stelle.«

Heute ist das Monument am Stadtrand von Altamira verfallen. Die Transamazônica wurde nie asphaltiert, in der Regenzeit versinken Autos und Lkw in riesigen Schlammlöchern. Oft ist die Piste gesperrt.

Am Straßenrand hausen Habenichtse und Tagelöhner, ihre Verschläge sind aus Brettern und Plastikplanen gebaut. Skelette verkohlter Paranussbäume ragen in den Himmel, zwischen den Stümpfen der Urwaldriesen weiden klapprige Rinder. Für Ackerbau ist der Boden ungeeignet, Regen wäscht die dünne Humusschicht fort.

Vor allem Rinderzüchter und Holzhändler haben das Land an der Transamazônica unter sich aufgeteilt. Im Streit um die illegal markierten Grundstücke wurzeln die meisten Konflikte im Amazonasgebiet: Landlose Bauern besetzen Gelände, das Rinderfarmer für sich beanspruchen, auch die Landreformbehörde siedelt Bedürftige auf den Parzellen an. Die Farmer wiederum suchen sich Auftragskiller, um die Besetzer zu vertreiben.

Mindestens 772 Kleinbauern, Missionare und Menschenrechtler wurden seit 1971 in der Region ermordet, nur in 3 Fällen kam es zu Schuldsprüchen. Die Polizisten sind korrupt und schlecht ausgerüstet, viele stehen im Sold der Rinderfarmer. Wer bedroht wird, geht deswegen nicht zur Polizei. Er kommt zu Dom Erwin.

Der Bischof schlug Alarm, als Pistoleiros einen Landarbeiter in seiner Diözese mit drei Schüssen niederstreckten: Der Mann hatte gegen einen Farmer geklagt, von dem er monatelang keinen Lohn bekommen hatte. Als Dom Erwin von Sklavenarbeit in São Félix do Xingu erfuhr, einer Stadt 400 Kilometer südlich von Altamira, informierte er die Bundesregierung.

Besonders unbeliebt machte er sich, als er vergangenes Jahr eine Gruppe einflussreicher Bürger auffliegen ließ, die in Sexualdelikte verwickelt waren. Sie fingen 13- und 14-jährige Mädchen am Freitag nach Schulschluss ab und versprachen ihnen Handys und kleine Geschenke, wenn sie das Wochenende mit ihnen auf einer Farm verbrächten. Die Mütter der Minderjährigen wandten sich an den Bischof, der schrieb einen Brief an den Justizminister. Die Beschuldigten wurden festgenommen, kurz darauf erhielt Dom Erwin die erste Morddrohung via Internet.

Seit über 40 Jahren lebt Kräutler in Altamira. Schon sein Onkel kam, in den dreißiger Jahren, als Missionar ins brasilianische Amazonasgebiet. In Briefen schilderte er das Leben im Dschungel, der Neffe daheim in Österreich war fasziniert. Er trat dem Orden vom »Kostbaren Blut« bei, einer Bruderschaft von Missionaren.

Im Jahr 1965 traf der junge Priester in Altamira ein. Per Boot erkundete er seine riesige Diözese, meist übernachtete er in Hängematten. Die Leute in den Dörfern waren begeistert. Er war der erste Geistliche, der sie besuchte. »Früher blieben die Padres zu Hause«, sagt Kräutler, »die Gläubigen mussten zum Gottesdienst anreisen.« Auf diese Weise hat er bei seinen Fahrten durch den Urwald über 800 Basisgemeinden gegründet, 1980 wurde er zum Bischof ernannt.

Auf einen Schlag bekannt wurde der streitbare Mann 1983, als er an einem Protestmarsch von Arbeitern einer Zuckerrohrfabrik teilnahm: Den Männern war monatelang der Lohn vorenthalten worden. Gemeinsam mit den Demonstranten blockierte er die Transamazônica. Die Polizei räumte die Straße und nahm den Geistlichen fest. »Das beeindruckte die Leute«, erinnert er sich. »Einen Bischof in Polizeigewahrsam hatten sie noch nie gesehen.«

Von nun an war die Kirche voll, wenn Kräutler predigte. Er lehrte die Gläubigen,

»nicht immer ja und amen« zu sagen. Im Amazonasgebiet, wo Sklavenarbeit und Lehnsherrschaft weit verbreitet sind, grenzt das an einen Aufruf zur Revolution. Als Vorsitzender des indianischen Missionsrats Cimi setzte sich der Bischof zudem dafür ein, dass die Rechte der Ureinwohner in der Verfassung von 1988 festgeschrieben wurden.

Auch das blieb nicht folgenlos. Vor der Verabschiedung des umstrittenen Statuts rammte ein Lkw Kräutlers Volkswagen; sein Beifahrer, ein italienischer Priester, war sofort tot. Der Bischof prallte mit dem Kopf auf das Lenkrad, sein Kiefer wurde zertrümmert, fast verlor er ein Auge. Nach dem Unfall drang ein Unbekannter ins Krankenhaus ein. Er schlug die Decke zurück, die den Leichnam des Italieners bedeckte, und sagte kühl: »Es hat den Falschen erwischt.«

Die heutigen Feinde des Bischofs sind leicht zu erkennen. Sie haben bunte Aufkleber mit der Aufschrift »Belo Monte gehört uns« auf ihre Geländewagen geklebt. Das ist der Name eines Staudamms, den die Regierung am Rio Xingu errichten möchte. Mehrere tausend Hektar Urwald sollen überflutet werden, der Stausee könnte bis an den Stadtrand von Altamira reichen. Umweltschützer, Indianer und Kleinbauern laufen Sturm gegen das Megaprojekt, Kräutler führt die Protestbewegung an. Seine Gegner werfen ihm vor, er wiegle die Bevölkerung auf. Sie scheuten jüngst nicht mal vor einem öffentlichen Mordaufruf zurück.

Einschüchtern lässt sich der Kirchenmann aber nicht. »Als ich nach Altamira kam, war das hier ein Paradies. Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie es unter Wasser versinkt.«

Acht Jahre bleiben ihm bis zum Ruhestand. Er will sie nutzen, um Belo Monte zu verhindern. Und dann? »Aus Österreich kommen kaum noch Priester«, sagt Kräutler. Der Kirche im Amazonasgebiet fehle Nachwuchs, die Einheimischen zögen bequemere Posten vor. 26 Padres hat Kräutler für seine 800 Gemeinden, es müssten zehnmal so viele sein.

»Heute achten die Ausbilder vor allem darauf, dass die Nachwuchspriester schön das Halleluja singen«, klagt Padre Amaro de Souza, 40, ein Mitstreiter der ermordeten Dorothy Stang. Er führt die Arbeit der Nonne in Anapu weiter. Mit ihrem weißen VW-Käfer, der jetzt Doroteia heißt, besucht er die Weiler der Landlosen im Urwald.

Zu seinem Schutz hat er zwei riesige Wachhunde angeschafft, auch Padre Amaro hat schon Todesdrohungen erhalten. Aber mehr Sorgen bereitet ihm der Kurswechsel in der Kirche. Ein konservativer Bischof könnte Kräutlers Nachfolge antreten, so fürchtet er: »Wer hält mir den Rücken frei, wenn Dom Erwin im Ruhestand ist?« JENS GLÜSING

* In Altamira am Karfreitag.

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