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INDIEN WAHLEN Kuh und Kälbchen

aus DER SPIEGEL 12/1971

Hemanta Basu, 76, wollte in seinem Wahlkreis in Nordkalkutta ein Taxi besteigen. Da stürzten sich Männer mit Messern auf ihn und durchschnitten ihm die Kehle; denn Hemanta Basu war Vorsitzender des »Allindischen Vorwärtsblocks«, ein Verbündeter der Ministerpräsidentin Indira Gandhi.

Bedschojananda Tschatterdschi fuhr durch Westbengalens Hauptstadt Kalkutta. Da zerrten ihn Männer aus der Rikscha und erstachen ihn. Auf dem Körper des Halbtoten ließen sie eine selbstgebastelte Bombe explodieren; denn Bedschojananda Tschatterdschi war Kandidat der Kongreßpartei Indira Gandhis.

Täglich starben in Westbengalen zehn Menschen für ihre politische Überzeugung -- Wahlkandidaten und Wähler im »größten demokratischen Wahlakt der Welt« ("Indian Times"), dem Wahlkampf für das indische Parlament. In anderen Bundesstaaten Indiens zählte die Polizei Hunderte Toter.

Fanatiker der rassistischen Hindupartei Jan Sangh massakrierten Moslems, die ihre Stimme Indira Gandhi geben wollten. Separatistische Südinder kämpften gegen Indira-Anhänger« weil die Kongreßpartei der Frau Premier in ihren Augen die nordindische Herrenrasse symbolisiert.

Diese fünfte nationale Wahlkampagne seit Indiens Unabhängigkeit war die blutigste -- nie zuvor war das Volk des Subkontinents so gespalten. Konservative und radikal-sozialistische Bewegungen kämpften gegen die größte und trägste Demokratie der Erde.

Südindische Gegenkandidaten der Kongreßpartei versprachen ihren Wählern mehr regionale Unabhängigkeit von der Zentralregierung, maoistische Naxaliten in Westbengalen und im Südstaat Kerala riefen ebenso zum Wahlboykott auf wie die Plebiszit-Front im Nordstaat Kaschmir, die auf einem Volksentscheid über die Zugehörigkeit des geteilten Himalaja-Staats besteht.

Indien, einstmals ein zusammenhangloses Gebilde rivalisierender Fürstentümer, Kolonien und Protektorate, ist noch heute in Regionen, Religionen, Kasten und Sekten zersplittert. Die 70 politischen Parteien nutzten diese Gegensätze und verschärften sie im Wahlkampf. Regionalisten und Religionsfanatiker betrieben mit Messer und Geld die Spaltung.

Indira Gandhi, 1966 von den alten Parteigenossen ihres Vaters Nehru zum Übergangspremier gekürt, empfahl sich als Retter der Einheit des 550-Millionen-Volkes. Auf einer 41-Tage-Reise warb Indira Gandhi für eine stabile Regierung unter Indira Gandhi.

Im Flugzeug und im Hubschrauber, im zwölf Jahre alten Plymouth und im Jeep legte sie über 55 000 Kilometer zurück. Auf 252 Großkundgebungen und 57 Kurzbesuchen sprach sie zu 20 Millionen Indern. 1500 Dorfbewohner in Aihar (Uttar Pradesch) warteten drei Stunden, um Indira Gandhi drei Minuten lang zu sehen.

275 Millionen Wähler hatten zehn Tage Zeit -- mit Stimmzetteln im Gesamtgewicht von 862 Tonnen -, aus 2782 Kandidaten jene 523 auszuwählen, die ins »Lok Sabha«, das indische Unterhaus, einziehen.

Auch die 200 Millionen wahlberechtigten Analphabeten konnten sich an Indiens Demokratie beteiligen: Die Wähler hatten lediglich hinter eins von 70 Symbolen der politischen Parteien ihr Kreuz zu setzen. Das Symbol Indira Gandhis appellierte an Indiens Hindu-Mehrheit: die heilige Kuh mit einem Kälbchen dazu.

»Schluß mit der Armut!« lautete Indiras vager Wahlslogan. Daß dieses Ziel erreichbar sei, hatte sie schon in den vergangenen Jahren beweisen wollen:

Um jährlich 25 Millionen Mark staatlicher Apanagen zu sparen, wurden den Maharadschas Pensionen und Privilegien gestrichen -- den Fürsten gelang es dennoch, ihre vertraglichen Rechte zu wahren.

Um den von Geldverleihern erpreßten Bauern staatliche Darlehen gewähren zu können, hatte Indira Gandhi vor zwei Jahren die indischen Großbanken verstaatlicht -- die schwerfällige Bürokratie konnte die Bauern dennoch nicht entschulden.

Ehe sich das herumsprach, entschloß sich die Regierungschefin vorsorglich, die eigentlich erst 1972 fälligen Wahlen vorzuverlegen. Nach fünf günstigen Ernten rechnete die Ministerpräsidentin zudem fürs nächste Jahr mit dem Ausbleiben des Monsuns und damit der Gefahr einer Hungerkatastrophe; sie fürchtete eine Inflation -- 1970 stiegen die Preise um sieben Prozent; sie sah die wachsende Spaltung im Lande.

Ihr Kalkül ging auf. Indira Gandhi gewann -- klarer, als sie selbst gehofft haben mochte. Arme Bauern, Moslems, Unberührbare gaben Ihr die absolute Mehrheit und damit die unumschränkte Macht im Staat. Und vor allem Indiens Frauen wählten die Frau, die selbst Latifundien besitzt, die aber im Alleingang die Macht der Maharadschas und Millionäre bekämpft.

Straßenumzüge und Freudenfeste, mit denen die Slum-Bewohner von Neu-Delhi, arbeitslose Jugendliche, Straßenfeger und Taxifahrer am vorigen Donnerstag in den Straßen der Hauptstadt den Triumph der Indira Gandhi feierten, bestätigten, was die Regierungschefin im Wahlkampf verkündet hatte: »Ich bin der Angelpunkt.«

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