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Kulturrevolution im Norden

In Dänemark ziehen Staat, Betriebe und Gewerkschaften an einem Strang: Sie haben die Arbeitslosenquote halbiert.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Der Erfolg ist meßbar, im Königreich Dänemark herrscht nahezu Vollbeschäftigung: Innerhalb der vergangenen vier Jahre ging die Arbeitslosenquote von mehr als 12 auf gut 6 Prozent zurück. Die Nachbarn im Norden haben vorgeführt, wie ein Bündnis für Arbeit funktionieren kann.

Alle Parteien im Folketing, dem dänischen Parlament, waren sich Anfang der neunziger Jahre in der Diagnose einig: Es stand schlecht um die Wirtschaft, der Arbeitsmarkt war überreguliert, das Gros der Arbeitskräfte unterqualifiziert.

Arbeitgeber und Gewerkschafter tüftelten in einer Arbeitsgruppe, dem sogenannten Zeuthen-Ausschuß, Reformideen aus. Was dabei herauskam, betrachtet die dänische Arbeitsministerin Jytte Andersen als »Kulturrevolution«.

Seit 1994 haben Jugendliche ohne Arbeit sowie Langzeitarbeitslose das Recht auf eine Stelle und auf »Aktivierung": Sie werden vom Arbeitsamt individuell beraten, geschult und so für einen Job qualifiziert.

Die Arbeitslosen müssen dieses Angebot annehmen, sonst verlieren sie den Anspruch auf Unterstützung - eine aktive Arbeitsmarktpolitik, die fordert und fördert. Der Druck auf die Arbeitslosen ist jedoch nur ein Teil der Strategie. Der Erfolg des dänischen Modells beruht auf einer mehrgleisigen Politik, die von allen Gruppen unterstützt wird.

Die Regierung geht antizyklisch vor. Sie hat zunächst öffentliche Investitionen gefördert, danach - im Aufschwung - führte sie das Staatsdefizit wieder konsequent zurück.

Die Gewerkschaften nehmen seit Jahren Lohnsteigerungen in Kauf, die sich zwischen zwei und vier Prozent bewegen. Sie akzeptieren zudem, daß die Betriebe die Löhne je nach Geschäftslage anpassen.

Und die Arbeitgeber zeigen sich offen für neue Beschäftigungsmodelle, zum Beispiel die Job-Rotation: Arbeitslose besetzen Stellen von Erwerbstätigen, während diese sich weiterbilden.

Dem gemeinsamen Handeln von Staat, Unternehmen und Gewerkschaften liegt kein Gesetz zugrunde. Der Sozialpakt hat sich vielmehr aus einer Konsens-Tradition entwikkelt, die bis ins vergangene Jahrhundert zurückgeht und in alle Regionen reicht.

In den Kommunen treffen sich regelmäßig Arbeitsamtsvertreter, Arbeitgeber und Gewerkschafter. Sie sollen die Bedürfnisse der Arbeitslosen und die Anforderungen der Unternehmen in Einklang bringen. Zeichnet sich beispielsweise ab, daß ein Betrieb schließen muß, werden die Beschäftigten sofort umgeschult, so daß sie nahtlos in einen neuen Job wechseln können.

Ende September haben die Dänen abermals gezeigt, wie reibungslos ihr Bündnis funktioniert. Gemeinsam haben sie die Bedingungen der Arbeitsmarktpolitik verschärft. So müssen Arbeitslose neuerdings schon nach drei statt nach sechs Monaten eine Arbeit aufnehmen, Arbeitslosengeld darf nur noch vier statt fünf Jahre bezogen werden. Die Öffentlichkeit stimmte dem Regelpaket einhellig zu.

Deutsche Arbeitsmarktexperten zeigen sich beeindruckt vom dänischen Modell - und sind gleichzeitig skeptisch gegenüber den bisherigen Bemühungen hierzulande. Es sei beispielhaft, so Knut Emmerich vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, daß die Dänen ein Bündnis für Arbeit geschlossen haben, »das nicht nur konzipiert, sondern von der Politik auch konsequent umgesetzt wurde«. ALEXANDER JUNG

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