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* 8. Die Zukunft der Kultur * 8.2. Technik und Ästhetik »KUNST BLEIBT ARCHAISCH«

Ausstellungsmacher HARALD SZEEMANN über die Globalisierung der Ästhetik und den Einfluss von Internet und Technik auf das Verständnis von Kunst
aus DER SPIEGEL 45/2000

SPIEGEL: Herr Szeemann, Sie gelten als Sciene-Fiction-Fan, Utopist und Visionär. Wenn Sie 50 Jahre weiterdenken - wie wird die Kunstwelt aussehen?

Szeemann: Im Gegensatz zur Technik produziert Kunst immer archaische Werte. Das wird auch so bleiben. Außerdem wird Kunst auch in 50 Jahren noch von einzelnen Personen gemacht: welche Visionen sie haben, wie sie auf die Welt reagieren.

SPIEGEL: Aber die Welt wird sich ändern. Sie phantasieren doch gern in die Zukunft ...

Szeemann: ... und dabei habe ich gemerkt, dass das nicht funktioniert. 1967 habe ich eine Ausstellung über Science-Fiction gemacht: Da wurde im Jahr 4004 ein US-Bürgermeister italienischer Herkunft auf der Jagd erschossen - die Autoren waren also wieder bei klassischen Mafiamethoden angekommen. So ist es immer: Je weiter wir uns in die Zukunft denken, desto schneller kommen zur Hintertür wieder die Saurier rein. Uns fallen doch nur die alten Verhaltensweisen ein, je archaischer, desto besser.

SPIEGEL: Das Internet ist längst Realität - auch für viele Künstler. Mit ihren Projekten im Netz erreichen sie ein weltweites Publikum. Werden Museen künftig überhaupt noch eine Rolle spielen ?

Szeemann: Es gibt Versuche, Ausstellungen im Internet zu machen. Doch dort ist keine wirkliche Begegnung zwischen Mensch und Kunstwerk möglich. Gerade dieses Erleben im realen Raum ist aber wichtig. Nur dort wird vermittelt, dass es wirklich um etwas Einmaliges, etwas Authentisches geht. Das Internet ist für meine Begriffe kein künstlerisches Medium.

SPIEGEL: Die meisten Menschen glauben allerdings, das Internet werde in Zukunft unser Leben total verändern. Wir kaufen übers Internet ein, schreiben Romane im Netz und sehen uns Bilder - Kunst - in virtuellen Museen an.

Szeemann: Das Internet ist hilfreich, um Informationen zu bekommen und um zu kommunizieren, es ist, wie Amazon-Gründer Jeff Bezos das definierte, eine schmale Kompetenzebene, vergleichbar der Elektrizität, die einige Dinge schneller machte, andere revolutionierte. Schon als das Fax zum Bürostandard wurde, konnten wir schneller große Ausstellungen machen.

SPIEGEL: Das Internet - ein reines Serviceinstrument?

Szeemann: Ich habe vor ein paar Jahren das Werk »Viewer« des Amerikaners Garry Hill ausgestellt, das ein wahrer Geniestreich ist. Es zeigt Arbeitslose in Lebensgröße in einer Reihe vor neutralem Hintergrund. Wenn man das riesige Panorama zum ersten Mal sieht, glaubt man diese Leute anzugucken. Aber wenn man länger davor steht, merkt man, dass vielmehr sie den Betrachter angucken. Oder die junge Serbin Vesna Vesic, die in ihrem Video einfach weint. Weinen ist natürlich eine internationale Sprache. Aber bei ihr hat das eine doppelte Bedeutung: Sie ist traurig darüber, was ihr Volk verbrochen hat, dass es verhasst ist und dass die danebentreffenden Amerikaner Belgrad bombardiert haben. Das waren beladene Tränen. Diese intensive, unmittelbare Atmosphäre kann mit dem Internet nie erreicht werden.

SPIEGEL: Wird Kunst in Zukunft wieder mehr gesellschaftliche, politische Aussagen machen, sich einmischen wollen?

Szeemann: Nicht mehr oder weniger als heute. Wir haben im Westen längst einen Zustand erreicht, wo alle Formen von Kunst problemlos nebeneinander existieren. Der Osten ist noch lange nicht so weit. Beuys hatte also leider Unrecht. Er hatte ja immer gehofft, dass, wenn die Mauer fällt, der Hase der Intuition von Sibirien flugs zu uns Rationalisten rennt und alles eins wird.

SPIEGEL: Was hält den Hasen auf?

Szeemann: Alles zerfällt wieder in ethnische und nationale Gebilde. Vor einigen Wochen habe ich Kollegen aus Skopje, Tirana, Sarajevo, Belgrad und Zagreb getroffen. Dort wird in den nächsten Jahren ungeheuer viel passieren. Die Künstler möchten über die Kultur wieder so etwas wie eine gemeinsame balkanische Identität herstellen - nach dem Motto: »We are Balcanics!« Damit sind sie weiter als die Politiker.

SPIEGEL: Ist das nicht auch eine Form von Nationalismus?

Szeemann: Wenn es um ein gemeinsames Selbstbewusstsein geht, mit dem sich diese Künstler auch gegen die Interpretationsmacht des Westens stellen, dann finde ich das ungeheuer positiv. Aber als ich gefragt wurde, ob ich eine Ausstellung mit 30 Künstlern aus dem Balkan mache, habe ich abgesagt. Von dieser geografischen Formel - 30 Chinesen, 30 Balkaner, 30 Koreaner - haben wir uns im Westen verabschiedet. Doch dann haben mich die Kollegen dort gefragt: »Wissen Sie, was Balkan heißt? Blut und Honig.« Da war ich sofort positiv geladen, das wäre ein übergeordneter Ausstellungstitel.

SPIEGEL: Weil »Blut und Honig« an Krieg und Schlaraffenland gleichzeitig erinnern - eine Art fremdartiges Schreckensparadies?

Szeemann: Es geht nicht um das Exotische, das Fremde; im Gegenteil, von diesem antiquierten Denken müssen wir weg. Aber an den politisch angespannten Orten passiert viel mehr in der Kunst. Ich versuche, Künstler zu präsentieren, die in ihren Ländern etwas verändern wollen, und Kunst, die subversiv ist. Das ist eine Qualität, die uns verloren gegangen ist. In Ländern wie Kroatien, Armenien oder der Ukraine werden dagegen gerade ungeheure künstlerische Energien freigesetzt.

SPIEGEL: Viele Künstler verstehen sich als Teil einer globalisierten, grenzenlosen Kunstszene und halten die regionale Zuordnung für überholt. In der Ausstellung »Norden«, die vor kurzem in Wien zu sehen war, haben die beteiligten skandinavischen Künstler sich dagegen jedenfalls gewehrt: Sie leben in New York, reisen oft nach Tokio und arbeiten gern in Berlin.

Szeemann: Aber denken Sie an die Iranerin Shirin Neshat, die zwar in New York lebt, aber in ihren Videos stets im Tschador auftritt. In dem Video »Turbulent« darf ein Mann vor Publikum singen, eine Frau aber nur in einem leeren Saal. Da spielt sie auf dramatische Weise auf das Thema Geschlechterkampf an, aber auch auf die Bewegung zur Befreiung der Frau in Iran.

SPIEGEL: Geschlechterkampf ist auch ein globales Thema.

Szeemann: Ja, aber es sind die regionalen Wurzeln, die globalisierte Kunst - mit Themen, die im Orient so relevant sind - bei uns erst nachvollziehbar und spannend machen.

SPIEGEL: Die westlichen Künstler kreisen aber am liebsten um ihr eigenes Ego, ihr Leben, ihre Familie, ihre Kindheit.

Szeemann: Ja, viele sind in diesem Spinnennetz der Selbstbespiegelung hängen geblieben. Natürlich gibt es Ausnahmen, die starke Kunst machen. Wie die Britin Tracey Emin ...

SPIEGEL: ... die ihr eigenes Bett, samt benutzten Kondomen, im Museum ausgestellt hat.

Szeemann: Es braucht ja nicht ihr Bett zu sein, sie macht phantastische Zeichnungen. Vor allem aber fasziniert mich zurzeit Südafrika mit Künstlerinnen wie Minette Vári und ihrer Arbeit »Oracle«, wo sie nackt und kahl rasiert ist, kotzt und die Sprüche der Wahrheitskommission entlarvt. Solche intensive Kunst haben wir bei uns nicht. Das wird noch lange dauern, bis bei uns so etwas Eindringliches wieder entsteht. Wir werden durch unsere Saturiertheit gebremst.

SPIEGEL: Dennoch ist es der westliche Markt, der den Wert der Kunst bestimmt und Künstler aufs Podest hebt. Selten stehen da Künstler, die in Afrika, Asien oder Osteuropa arbeiten. Sie gelten als Nachzügler oder Exoten.

Szeemann: Für mich existieren diese Unterschiede nicht. Ehrlich gesagt, diese vermeintliche Exotik oder die Diskussion darüber hängt mir zum Halse heraus. Das ganze 20. Jahrhundert war schließlich eine Vorbereitung dafür, dass wir fremde Künstler akzeptieren. Angefangen haben damit die Expressionisten mit ihrer Bewunderung afrikanischer Skulpturen als Energie-Äquivalente zu ihrem eigenen Suchen und Finden.

SPIEGEL: Auf dem Markt werden nichteuropäische und nichtamerikanische Künstler erst beachtet, wenn der westliche Kunstbetrieb sich herablässt, sie als neuen Trend zu feiern. Sie selbst haben den chinesischen Künstler Wang Du auf der letzten Biennale in Venedig zum ersten Mal einem breiten Publikum vorgestellt, und sofort erzielten seine Werke hohe Preise. Ist das eine Form von Kolonialismus, wenn Europäer bestimmen, dass plötzlich asiatische Kunst wichtig und wertvoll ist?

Szeemann: Ich war sehr froh, dass ich die Chinesen vorgestellt habe, bevor die Vermarktung anfing. Was die Künstler nachher an Bekanntheitsgrad zulassen, ist ihre Sache. Aber dass sie erst diese kulturelle Plattform hatten, finanziert durch öffentliches Geld, ist sehr wichtig. Denn diese öffentliche Aura prägt das Image des Künstlers: Er gilt sozusagen als jungfräulich, noch nicht vom Kunstbusiness verdorben.

SPIEGEL: Das äußerliche Erscheinungsbild der aktuellen Kunst - ein wenig Trash, ein bisschen trendige Farbe, viel Plastik - wirkt auf allen Kontinenten ähnlich. Wird es zu einer totalen Einheitsästhetik kommen?

Szeemann: Im Grunde ja. Die Globalisierung bringt Gleichschaltungen mit sich. Doch wichtig ist, dass man mit demselben Material, dem gleichen Ausdrucksmittel unterschiedliche Wirkungen erzielen kann. Der Chinese Chen Zhen hat in Lyon 1997 einen Doppeltisch gebaut: Auf der einen Seite standen westliche, auf der anderen Seite östliche Stühle, und in der Mitte war auf Chinesisch zu lesen: »Das ewige Missverständnis«. Das war eine pointierte weltpolitische Analyse, für die sich ein westlicher Künstler nie interessiert hätte.

SPIEGEL: In der Architektur gleichen sich die Aussagen aber überall auf der Welt an: Shopping Malls, Betonklötze, futuristische Büro-Anlagen aus Glas und Stahl.

Szeemann: Wenn Chinesen - wie in Schanghai - den amerikanischen Baustil nachahmen, ist das fürchterlich. Dann entstehen Disney-Kopien. Das Problem haben sich die Europäer aber ebenso aufgehalst. Wer nach Arezzo fährt, um sich an Piero della Francescas Fresken zu laben, muss erst einmal an dem größten architektonischen Kack vorbei. Oder, wie der irische Schriftsteller Samuel Beckett gern sagte: Da waren nicht Architekten, sondern Arschitekten am Werk.

SPIEGEL: Verändert die technisierte Welt, die uns umgibt - der ständig flimmernde Fernseher, der allgegenwärtige PC-Monitor - unsere Sehgewohnheiten und damit unser Verständnis von Ästhetik?

Szeemann: Die junge Generation kann damit umgehen. Videos zum Beispiel sind doch längst ein Teil ihrer Sprache. Das gilt auch für die Künstler. Es gibt da den jungen Chinesen Zu Wang, von dem ich in diesem Jahr »Rainbow« gesehen habe, ein wirklich beeindruckendes Video. Es handelt von der alten Prügelstrafe. Man sieht nicht, wie geschlagen wird, sondern nur einen nackten Rücken, der sich langsam grünlich, dann rötlich verfärbt. Gleichzeitig ist das Klatschen einer Peitsche oder eines Stockes zu hören - auch ein Beispiel für Kunst, die so intensiv ist, dass es mir in den Fingern juckt, ihn sofort auszustellen.

SPIEGEL: Im Film ist inzwischen alles möglich. Digitale Techniken erlauben es, im Nachhinein jedes Bild beliebig zu manipulieren.

Szeemann: Das muss doch befreiend wirken für Filmemacher, wenn sie auf diese Weise noch bessere Filme mit weniger Zeit, Material und Arbeit - also auch in Zukunft mit weniger Geld - machen können. Und dass sie mit wenig Aufwand irrsinnig viel Opulenz oder Raffinesse suggerieren können.

SPIEGEL: Es ist aber auch denkbar, dass mit Hilfe dieser Technik in immer kürzeren Abständen immer mehr Filme produziert und auf den Markt gespuckt werden. Wird das Publikum die Bilderflut noch aufnehmen, verarbeiten können?

Szeemann: Da ist Pipilotti Rist, die Schweizer Videokünstlerin, ein Paradebeispiel. Sie sagt selbst: »Ich weiß ja gar nicht mehr, ob ich am Abend im Wald spazieren gegangen bin oder ob ich den Wald nur im Fernsehen gesehen habe. Ich bin ein typisches Fernsehkind.« Dennoch geht diese junge Generation sehr wählerisch und frei zugleich mit der Masse von Bildern um.

SPIEGEL: Auf der vergangenen Biennale haben Sie etliche Videokünstler gezeigt. Auf der nächsten, 2001 in Venedig, der ersten im neuen Jahrtausend ...

Szeemann: ... habe ich vor allem das Problem, dass ich eine Steigerung meiner selbst vollbringen muss.

SPIEGEL: Ihrer selbst?

Szeemann: Ja, weil mein Motto für die vergangene Biennale 1999, »dAPERTutto« - das bedeutet so viel wie »alles ist überall« - sehr gut ankam. Beim nächsten Mal muss alles noch ehrgeiziger werden. Deshalb sollen alle Künste vertreten sein, der Tanz, die Musik, das Kino. Ich nenne das Ganze ja »La Platea dell'' umanità«, also Plattform der Menschheit - das klingt schon gut.

SPIEGEL: Sie wollen die Biennale zu einem Gesamtkunstwerk mit Kinofilmen, Theater, Musik und bildender Kunst arrangieren. Wie soll das denn aussehen?

Szeemann: Wir werden neun Regisseure fragen, ob sie etwas für uns machen. Keine Hollywood-Stars, sondern Leute wie Lars von Trier, David Lynch, John Waters, Abbas Kiarostami. Außerdem werden wir Shakespeare-Verfilmungen zeigen - aber nur aus Indien - und dazu im Theater von Eimuntas Nekrosius »Othello« aufführen lassen.

SPIEGEL: Dieser Mix klingt ziemlich abgedreht. Welche Musik passt dazu?

Szeemann: Arnold Schönbergs Kompositionen, die haben doch auch schon Wassily Kandinsky angeregt. Haben Sie schon mal indische Shakespeare-Filme gesehen? Aber was mir besonders gefällt, sind Instrumente, mit denen man erst wenig gearbeitet hat, wie die Feuerorgel von Henry Dunant, die ich mal rekonstruieren ließ. Dunant ist ja, nachdem er aus dem Komitee vom Roten Kreuz ausgeschlossen wurde, mit dieser Feuerorgel durch Europa gezogen. Die Töne klingen wie eine singende Säge. Und er hat gesagt: »Eigentlich müsste der Mensch durch diese wunderschönen Töne so viel besser werden, dass ein Rotes Kreuz gar nicht mehr nötig ist.«

SPIEGEL: Herr Szeemann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteurinnen Ulrike Knöfel und KatjaThimm.

Harald Szeemann
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