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CDU Kunst statt Rind

Vorsitzender Rainer Barzel richtete sich im neuen CDU-Hauptquartier anspruchsvoll ein. Die Finanznot seiner Partei focht ihn kaum an.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Angriffe ihrem europäischen Satelliten Albanien. Sollten Pekings Diplomaten auf die westdeutschen Konditionen eingehen, könnte noch rechtzeitig zur Debatte des Uno-Sicherheitsrates über die Aufnahme von BRD und DDR in die Vereinten Nationen ein westdeutsch-chinesisches Arrangement zustande kommen.

Mit einem solchen Akkord glaubt Bonn seinen Einzug in die Uno endgültig abzusichern. Denn derzeit weiß die Bundesregierung noch nicht, wie sich China einem westdeutschen Aufnahmeantrag gegenüber verhalten wird. Dem diplomatischen Partner, so Bonns Kalkül, kann China die Uno-Weihe aber kaum verweigern.

Außenminister Scheel erwägt bereits die spektakulärste Reise seiner Laufbahn. Noch vor der Bundestagswahl 1973 will er seinen chinesischen Kollegen in Peking besuchen.

Kriemhild und Rainer waren entschlossen, über die Verhältnisse ihrer Partei zu leben. Die Barzels ließen das Palisander-Interieur in der Chefetage der neuen CDU-Parteizentrale in Bonns Friedrich-Ebert-Allee wieder entfernen. Die erste Frau der CDU orderte statt dessen Leder-Look und Mahagoni -Maserung in englischem Kapitäns-Kajütenstil.

Im Parteivorstand beschwerte sich Niedersachsens CDU-Vorsitzender Wilfried Hasselmann über Barzels Aufwendigkeiten. Und zwei Landesverbände der Christdemokraten ließen die Parteizentrale wissen, sie könnten nun nicht länger garantieren, daß ihre Mitglieder dem Spendenaufruf für das neue Hauptquartier folgen würden.

Die seit der letzten Wahl finanzschwache Union konnte aus Geldmangel ohnedies nur fünf der zwölf Stockwerke des 24-Millionen-Objekts besetzen. Denn dem neuen Bundesschatzmeister Walther Leisler Kiep ist es bisher nur gelungen, die zwölf Millionen Mark Partei-Schulden um knapp eine Million zu kürzen.

Und auch wenn Generalsekretär Kraske protzt, »die Zahl von zwölf Millionen Mark Schulden, die in der Öffentlichkeit genannt wurde, war übertrieben«, korrigiert Kassenwart Kiep: »Wir stehen so mit zehn bis elf Millionen Mark in der Kreide.« In der Tat hatten die Hilferufe Kieps und die vom Parteitag Anfang Oktober 1971 beschlossene einmalige Umlage von zehn Mark pro Mitglied nicht die erhofften Millionen eingebracht. Statt erwarteter 3,5 Millionen der 350 000 Kartei-Mitglieder konnte Kiep weniger als eine Million verbuchen. Der Schatzmeister schätzte: »Für sieben Stellen reicht es noch nicht ganz.«

Unauffällig hat sich auch Büro-Ausstatter Barzel der Kassenlage angepaßt. Er wählte für die Clubgarnitur statt echtem Rind- billiges Kunstleder.

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