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TERRORISTEN Kunstvolle Legende

Ein rekonstruiertes Dossier der Stasi beweist: West-Fahnder wußten fast alles über die RAF-Kämpferin Silke Maier-Witt, die in der DDR untergetaucht war. Doch das sowjetische KGB erfuhr davon, hektisch verwischten ostdeutsche Geheime alle Spuren.
Von Georg Mascolo und Michael Sontheimer
aus DER SPIEGEL 47/1998

Zu den mysteriösen Hinterlassenschaften der DDR zählen 15 250 hellbraune Papiersäcke, prall gefüllt mit Geheimnissen aus dem Schattenreich Erich Mielkes. In den Wirren der Wende zerrissen die Offiziere des Stasi-Chefs in ihren Dienstzimmern hektisch Akten, doch Bürgerrechtler hinderten sie daran, die Dokumente restlos zu beseitigen.

Seit drei Jahren mühen sich im bayerischen Zirndorf 45 Beamte im Auftrag der Berliner Gauck-Behörde, die Schnipsel wieder zusammenzusetzen. Die Puzzlemeister sind - seit dem Asylkompromiß unterbeschäftigte - Mitarbeiter des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge.

Bei ihrer Schnitzeljagd rekonstruierten sie auch ein Dossier, das sich mit Flüchtlingen besonderer Art befaßt - zehn Kämpfern der Roten Armee Fraktion (RAF), denen die DDR 1980 Asyl gewährt hatte. Erst im Frühjahr 1990 - nach dem Fall der Mauer - wurden die kriegsmüden Terroristen enttarnt und verhaftet (SPIEGEL 25/1990).

Aus den 226 Seiten des wieder zusammengeklebten Dossiers ergibt sich, daß die Stasi-Offiziere der Hauptabteilung XXII (Terrorabwehr) spätestens seit 1986 einen mächtigen Mitwisser hatten, den sowjetischen Geheimdienst KGB. Das Pikante dabei: Die Russen bekamen die ersten Hinweise auf die klandestine Operation ihres Bruderdienstes entweder aus ihrer Funkaufklärung oder aber aus einer undichten Stelle bei westdeutschen Behörden.

Denn die Bundesregierung, auch das zeigen die Stasi-Schnipsel, verfügte über ebenso präzise wie zutreffende Hinweise, wo die RAF-Terroristin Silke Maier-Witt abgetaucht war. Maier-Witt wurde im Westen mit Haftbefehl wegen Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer gesucht. Die Stasi-Papiere illustrieren, wie die westdeutschen Ermittler sich mühten, die heiße Spur abzuklären - und wie sie von der Stasi in die Irre geführt wurden.

Am 20. März 1986 warnte die KGB-Residentur in Karlshorst die Stasi: »Die Behörden der BRD« hätten einen »anonymen Hinweis erhalten, wonach die in Fahndung stehende Terroristin Maier-Witt, Silke, mit einer DDR-Bürgerin identisch sein soll, die früher an der Fachhochschule Walter Krämer in Weimar (DDR) studiert und Prüfungen an der Medizinischen Fakultät in Erfurt (DDR) abgelegt hat«.

Den heißen Tip hatte das Bundeskriminalamt (BKA) schon neun Monate vorher von einem DDR-Übersiedler bekommen, einem ehemaligen Mitschüler der RAF-Aussteigerin. Woher das KGB davon wußte, ist unklar. Sicher ist, daß die Sowjets die Information nicht von der Stasi hatten. Die ostdeutsche Funkaufklärung bekam erst vier Monate später durch das Abhören von Telefongesprächen mit, daß Westfahnder Bescheid wußten. Experten der Gauck-Behörde vermuten deshalb, ein bisher unbekannter KGB-Maulwurf in den westdeutschen Sicherheitsbehörden habe Moskau informiert.

Das Wiesbadener BKA schaltete nach dem Hinweis des Übersiedlers eilig Bundesanwaltschaft, Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst (BND) ein. Nach zahllosen Besprechungen befanden die Ermittler, eine »offizielle Anfrage bei DDR-Behörden« mache keinen Sinn.

Wesentlich zupackender reagierten nach der KGB-Warnung die Stasi-Betreuer von Silke Maier-Witt. Sie lebte tatsächlich unter dem Decknamen »Angelika Gerlach« in Erfurt und absolvierte an der medizinischen Fachschule Weimar eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Stasi entschied, Maier-Witt aus Erfurt verschwinden zu lassen und ihr eine »neue Identität als DDR-Bürger in einem anderen Bezirk aufzubauen«. Sie wurde in einer konspirativen Wohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg untergebracht.

Als Vorwand für den plötzlichen Umzug mußte gegenüber ihren Erfurter Kollegen eine angebliche Liebesgeschichte in Cottbus herhalten. Systematisch tilgte die Stasi an der Fachschule und bei der Volkspolizei alle Spuren von »Angelika Gerlach«. Zusammen mit ihrem Führungsoffizier Gerd Zaumseil räumte die Ex-Terroristin ihre Wohnung aus, zum Schluß wischten die beiden noch fachmännisch alle Fingerabdrücke weg.

Auch »eine teilweise Änderung ihres Äußeren (Frisur, Kosmetik, neue Bekleidung)« wurde ihr befohlen. Im Oktober tauchte Maier-Witt als Leiterin des Dokumentationszentrums im VEB Pharma Neubrandenburg wieder auf. Sie hieß nun »Sylvia Beyer«. In ihrer verwaisten Erfurter Wohnung wurde vorsichtshalber ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi einquartiert.

Die eilige Flucht wäre gar nicht nötig gewesen. Denn die BKA-Terrorfahnder hatten sich zunächst auf die Hilfe des BND verlassen. Sogar die amerikanische CIA wurde bemüht. Ohne Ergebnis. Gründlich frustriert über die Arbeit der Geheimen notierte ein BKA-Beamter in einem Vermerk: »Zurückliegend hat der BND kein brauchbares Ergebnis erbracht. Es wurden vielmehr die Ermittlungsmaßnahmen um ca. neun Monate verzögert.«

Das BKA versuchte es also auf eigene Faust: Als im Dezember 1987 der Sicherheitsbeauftragte der ständigen DDR-Vertretung in Bonn die BKA-Staatsschützer in Meckenheim besuchte, erinnerten diese den DDR-Mann, so die Stasi, an das gute »Zusammenwirken bei der Vorbereitung und Durchführung des offiziellen Besuches des Genossen Honecker in der BRD«. Dann übergaben sie dem verdutzten Ostdeutschen ein »Non-Paper« (Diplomatenjargon): elf maschinegeschriebene Zeilen, ohne Briefkopf und Unterschrift.

Detailliert hatte das BKA darin seine Informationen über die Studienkarriere der Ex-Terroristin in der DDR aufgelistet ("Klasse KR-FE/83") und angefragt: »Woher kam Frau Gerlach, und wo ist sie anschließend verblieben?«

Wie sollte man das Non-Paper beantworten, grübelten die Gefolgsleute des Stasi-Chefs Mielke. Hektisch wurde erst mal die Tarnung der neun anderen RAF-Aussteiger überprüft. Der für sie verantwortliche Stasi-Vizechef Generalleutnant Gerhard Neiber überwachte persönlich neue Verschleierungsmanöver - das Geheimnis mußte um jeden Preis gewahrt werden. Wäre die RAF-Stasi-Connection aufgeflogen, hätte das deutsch-deutsche Verhältnis nachhaltigen Schaden genommen.

So wurde die Legende der »Angelika Gerlach« kunstvoll weitergestrickt. Zunächst favorisierte die Stasi die Variante, sie sei von einer Reise in den Libanon nicht zurückgekehrt. Doch die Idee wurde wieder verworfen, da die Interflug-Verbindung Ost-Berlin-Beirut zum Zeitpunkt der angeblichen Abreise gar nicht mehr existierte.

Statt dessen wurde »Gerlach« zu einem Republikflüchtling gemacht, der sich nach einem Campingurlaub in Ungarn in den Westen abgesetzt habe. Ein IM erstattete sogar Vermißtenanzeige bei der Volkspolizei, damit gegen das Gerlach-Phantom wegen Republikflucht ermittelt werden konnte. »Bei einem möglichen Rechtshilfeersuchen der BRD-Organe«, so das Kalkül der Stasi, solle notfalls »eine Originalvorgangsakte« übergeben werden.

Doch es kam kein offizielles Ersuchen aus dem Westen. Nachdem das Non-Paper unbeantwortet geblieben war, versuchte es das Bonner Justizministerium statt dessen noch einmal inoffiziell: Zu einem Empfang in der ständigen BRD-Vertretung in Ost-Berlin reiste am 3. März 1988 Ministerialrat Reinhard Renger in geheimer Sondermission an. Diskret nahm der Referatsleiter am Rande der Feier einen alten Bekannten aus dem DDR-Justizministerium zur Seite. Man habe Erkenntnisse, daß die Terroristin Silke Maier-Witt unter dem Namen Gerlach in der DDR lebe, berichtete er, und bat vertraulich um Fahndungshilfe. Renger zu seinem DDR-Kollegen: »Das kann doch auch der DDR nicht genehm sein.«

Drei Monate später teilte das Ost-Berliner Justizministerium dem Kollegen von der anderen Seite der Mauer lapidar mit, die »Überprüfung der Person« habe ergeben, »daß sie sich nicht in der DDR aufhält«. Renger war verblüfft: »Wenn der DDR eine Frage nicht paßte, bekamen wir üblicherweise keinerlei Antwort.«

Das BKA schloß die Akte Maier-Witt alias Angelika Gerlach nicht - irgendwie müssen die Terrorismusexperten geahnt haben, daß die DDR-Spur trotz des Dementis noch heiß war. Als im Februar 1990 eine Delegation der Volkspolizei Wiesbaden besuchte, baten die Terrorfahnder erneut um Amtshilfe.

Vier Monate später wurde die Frau mit dem Tarnnamen Sylvia Beyer an ihrem Arbeitsplatz in Neubrandenburg verhaftet. So wie Silke Maier-Witt sah sie nicht mehr aus - die Stasi hatte ihr 1987 eine Gesichtsoperation verordnet.

GEORG MASCOLO, MICHAEL SONTHEIMER

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