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KIRCHE / KARDINAL CUSHING Kuriert alles

aus DER SPIEGEL 45/1968

Der greise Kirchenfürst schwärmte für eine ziemlich junge Frau: »Meine Liebe für sie und ihre Liebe für mich waren der Wendepunkt in ihrem Leben.«

So beschrieb Richard Kardinal Cushing, 73, Erzbischof von Boston, seine »sehr engen Beziehungen« zu Jacqueline Kennedy: »Bevor sie mich traf, war sie einer Ertrinkenden gleich, die nach einem Strohhalm griff.«

Dem Kardinal, der Jacqueline Lee Bouvier einst mit dem Senator John F. Kennedy getraut und nach dem Tod des Präsidenten getröstet hatte, beichtete die Witwe schon vor Monaten ihre heimliche Neigung für den Griechen Aristoteles Sokrates Homer Onassis. Noch fünf Tage vor der Hochzeit suchte sie, begleitet nur von einem Leibwächter, zwei Stunden lang Rat beim Kardinal. Cushing: »Ich ermutigte sie.«

Das freimütige Hirtenwort schockierte die Glaubensbrüder. Viele amerikanische Katholiken (72 Prozent der 47 Millionen US-Katholiken besuchen jeden Sonntag die Messe) empfanden die neue Ehe der Katholikin Kennedy als Sünde. Sie verletzte, so bescheinigte ihr der vatikanische Pressesprecher, »bewußt das Gesetz der Kirche«, als sie den geschiedenen Griechen ehelichte.

Der Kardinal erhielt Schmähbriefe -- derzeit 98 Prozent des Posteingangs im erzbischöflichen Ordinariat -, darunter »manche in einer Sprache der Gosse« (Cushing). Der Oberhirte beschloß: »I have had it« -- Mir reicht's. Ende des Jahres will er, wenn Papst Paul zustimmt, seiner Diözese den Rücken kehren und als Missionar nach Südamerika emigrieren.

Doch Rom schwieg bislang. Der Vatikan ist an die Eigenwilligkeiten des US-Hirten schon gewöhnt. Denn Richard Kardinal Cushing geht seinen eigenen American way zu Gott. Er belebte die Kirche mit seinem Sinn für Show und Business. Nach Wahlkämpfer-Art sammelte er Seelen und Silberlinge für Rom.

Er erklärte den Index der von der Kirche verbotenen Bücher für »bedeutungslos«. »Kanonisches Recht und Moraltheologie sind dem Cushing völlig schnurz"« mokierte sich ein Jesuit vom »College zum Heiligen Kreuz«.

Den Argumenten seiner Glaubensbrüder beim Konzil in Rom konnte der Kirchenfürst aus Boston kaum folgen: Er spricht kein Latein. Vergebens offerierte er dem Papst eine Simultan-Übersetzungsanlage.

Doch Cushing erfaßte den Geist des von Ihm bewunderten Konzilvaters Johannes XXIII. In protestantischen und orthodoxen Gotteshäusern, in Synagogen und vor Freimaurern warb »Richard, der Kämpfer für brüderliche Liebe« (so nannten ihn die Logenbrüder) um gegenseitiges Verständnis.

In vollem Ornat lud er New Yorker Polizisten in eine Kneipe zum Bier ein. 500 Klosterfrauen führte er aus zu einem Baseballspiel der Red Sox und kaufte ihnen Negerküsse -- »die einzigen Küsse, die ihr jemals bekommen werdet«.

In einem Altersheim verteilte Seine Eminenz »ein bißchen Weihwasser": Seagram's Whisky in Miniatur-Flaschen. »Das kuriert alles«, versprach er, »vom Haarausfall bis zu wunden Fußnägeln.« Zwei vollschlanke Rentnerinnen schwenkte er im Takt einer irischen Gigue -- und immer schwenkte er den Klingelbeutel: In seinen 24 Amtsjahren als Bischof in Boston sammelte Cushing Spenden in Höhe von 1,4 Milliarden Mark.

Er gab die Kollekte so schnell aus, wie er sie eingenommen hatte -- nicht nur für Kirchen, Schulen und Krankenhäuser seiner Diözese. Er stiftete unter anderem ein elektrisches Glockenspiel für einen Kirchturm in Venedig, gab 880 000 Mark für eine Kathedrale in Tanganjika und vier Millionen Mark für die Fu-jen-Universität auf Formosa.

Vier Millionen Mark sammelte der Kardinal, um von Castro In der Schweinebucht gescheiterte Kuba-Invasoren freizukaufen. Denn als eine seiner Hauptaufgaben betrachtet er den »Kampf gegen die atheistische kommunistische Verschwörung«.

Gleichwohl nannte der Kardinal den liberalen John F. Kennedy seinen »teuersten Freund«. Er betrachtete sich als »geistigen Vater« der Familie Kennedy und versprach dem Präsidenten vor dessen Tod, sich »um Jacqueline und die Kinder zu kümmern«.

Der Millionärs-Clan honorierte den geistlichen Beistand. Mit 800 000 Mark jährlich helfen die Kennedys dem Oberhirten derzeit, die Schulden seiner Diözese zurückzuzahlen.

Aber als der Clan ihn bat, der Präsidentenwitwe die Heirat mit dem Milliardär Onassis auszureden, weigerte sich der Kardinal. Nach der Hochzeit meldete er dem toten Freund: »Jack, ich habe mein Versprechen erfüllt.«

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