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INVESTMENT-ZERTIFIKATE Kurs am Fallschirm

aus DER SPIEGEL 38/1966

Die neue Illustrierte ist farbig gedruckt, zeigt als Aufmacher-Photo einen Zylinderhut voller Aktien ("So machen es Millionäre") und Ist nicht mehr ganz aktuell. Sie gibt den Wert eines Zertifikats des Fonds Investa mit »etwa 60 Mark« an. Letzter Ausgabekurs dagegen: unter 50 Mark.

Durch die Zeitschrift »Investa illustriert« will die Deutsche Bank das Geschäft mit jenen kleingestückelten Wertpapieren ankurbeln, die einen Anteil an einem Fonds von ausgewählten Aktien verbriefen. Mit 13 anderen Geldinstituten ist die Bank des Altmeisters Hermann Josef Abs Eigentümerin der Deutschen Gesellschaft für Wertpapiersparen mbH Frankfurt, die außer dem Investa -Vermögenstopf noch drei andere Fonds verwaltet.

Westdeutschlands Anlagefirmen fühlen sich von amerikanischen Konkurrenten attackiert, die mit großem Erfolg in das Zertifikate-Geschäft der Bundesrepublik eingebrochen sind. Die zehn einheimischen Investmentunternehmen, die zusammen 25 Fonds verwalten, setzten im vergangenen Jahr Papiere im Wert von 383 Millionen Mark ab. Mit Verkäufen im Wert von fast 300 Millionen Mark kam das halbe Dutzend fremdländischer, vor allem amerikanischer Geldsammler ihnen schon bedrohlich nahe.

Die Amerikaner vereinbaren mit der deutschen Kundschaft beispielsweise-Investment-Ratensparprogramme und scheuen nicht davor zurück, nach reiner brieflichen Benachrichtigung Hausbesuche abzustatten. Raimund Herden, 33, Generalmanager der Firma Investors Overseas Services (IOS), begründet seine Verkaufserfolge in Deutschland psychologisch: »Am Bankschalter hat man Hemmungen, zu Hause wagt man es, löchernde Fragen zu stellen.«

Bei ihren Kundenbesuchen lassen die Sendboten Wallstreets geschickt durchblicken, daß ihre Fondsverwalter sämtlich Spezialisten des Anlagegeschäfts und Börsenkenner ersten Ranges seien. Von ihnen werde das Wertpapier-Portefeuille so gut gemischt, daß bei steigenden Kursen der Zertifikate-Preis weit über den Aktienindex hinaus klettere, bei Kurseinbußen jedoch ein wohltuender Abstand eingehalten werde.

Einzelne Beweise dafür bleiben die Investmentwerber nicht schuldig. So stieg der Wert von Papieren des amerikanischen Fidelity Trend Fund während der ersten sechs Monate dieses Jahres um acht Prozent, obwohl der Dow-Jones-Aktienindex in New York um zehn Prozent fiel. Der Fund of Funds von IOS nahm vom 1. Juli 1965 bis Ende Juni dieses Jahres um fast 30 Prozent Wert zu, obwohl die amerikanischen Börsen in den letzten Monaten unter einer Baisse litten.

Verglichen damit kleben die deutschen Investmentkurse dicht am Durchschnitt fallender Aktiennotierungen. Vom Höhepunkt des Kursanstiegs der Nachkriegszeit am 31. August 1960 beispielsweise fiel der amtliche Index deutscher Aktienkurse um 51,1 Prozent am 29. Juli dieses Jahres. Der Kaufpreis deutscher Zertifikate eilte dem Sturzflug sogar voraus:

- Unifonds fiel um 59,9 Prozent,

- Concentra um 59,1 Prozent,

- Dekafonds um 57,1 Prozent,

- Fondak um 54,2 Prozent und

- Investa um 52 Prozent.

Umgekehrt blieb der Preiszuwachs der Anteilscheine während des kurzen Zwischenhochs, das Deutschlands Börse im Herbst 1964 erhellte, weit hinter dem steigenden Index zurück. Am 4. September 1964 registrierte das Bundesstatistische Amt in Wiesbaden einen durchschnittlichen Kursanstieg um 49,9 Prozent binnen zweier Jahre. Die Investmentpapiere waren sehr viel weniger im Wert gestiegen:

- Investa um 38,5 Prozent,

- Concentra um 37,1 Prozent,

- Dekafonds um 35,6 Prozent,

- Fondak um 35,6 Prozent und

- Unifonds um 30,2 Prozent.

Die deutschen Fonds-Herren führen den Unterschied weniger auf die geschicktere Anlagepolitik ihrer Kollegen in Übersee als darauf zurück, daß ihre Manövriermasse sehr viel geringer als in USA sei. In der Tat werden an den Börsen der Bundesrepublik nur die Aktien von etwa 600 einheimischen Firmen gehandelt, verglichen mit mehr als 2000 amerikanischen Aktien an den Börsen der Vereinigten Staaten. Allenfalls drei Dutzend deutsche Papiere sind überdies in so großer Zahl auf dem Markt, daß ein Kauf oder Verkauf ganzer Aktienpakete ohne größere Kursausschläge möglich ist.

Der Geschäftsführer der Deutschen Kapitalanlagegesellschaft mbH in Frankfurt (Dekafonds) Dr. Ernst Brüggemann meint: »Die deutschen Fonds für inländische Standardaktien haben in ihren Portefeuilles einen großen Teil

derjenigen Werte, die für die Entwicklung der deutschen Aktien-Indices von maßgebender Bedeutung sind.«

Franz Heinrich Ulrich von der Deutschen Bank rechnet es den heimischen Zertifikate-Verkäufern als Leistung an, daß sie trotzdem mit ihrem Sortiment eine »Fallschirmwirkung« erreichen: Aufstieg und Fall der Investmentkurse würden jeweils abgebremst.

Ebenso wie durch die sogenannte Marktenge dürften die deutschen Anlagespezialisten durch die Kapital- und Seelenverwandtschaft mit den Banken der Bundesrepublik behindert sein. Während in den USA das Zertifikate-Geschäft von unabhängigen Börsenmaklern betrieben wird, sind die Eigentümer der deutschen Investmentfirmen ausschließlich Geldinstitute.

Sie stellen auch den Stamm des Managements. So ist beispielsweise der Wertpapierfachmann und Angestellte der Deutschen Bank Ernst Freier bei der Deutschen Gesellschaft für Wertpapiersparen Vorsitzender des Anlageausschusses, der darüber berät, welche Aktien angeschafft oder verkauft werden.

Da die Teilhaber der Investmentfirmen als Hausbanken oder selbst als Aktionäre einzelner Unternehmen an der Kursentwicklung interessiert sind, besteht manchmal die Gefahr einer Interessenkollision. Bilanzexperten argwöhnen überdies, jeweils am Jahresende würden zur Aufbesserung der Bank-Bilanzen schwach gewordene Aktien bei den Investmentfonds »in Pension« gegeben.

Zum Vermögen des Investa-Fonds gehörte beispielsweise laut Jahresbericht 1965 ein Posten Aktien der Norddeutschen Lederwerke AG, um deren Geschäfte es so stand, daß alle Kenner die Papiere loszuwerden trachteten. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank Ulrich saß dem Aufsichtsrat der inzwischen liquidierten Lederfirma vor.

Wenngleich niemand den deutschen Banken nachweisen kann, daß sie zum Nachteil eines Fonds ihr eigenes Geschäft besonders pflegten, spielen die Amerikaner immer wieder auf die Zwitterstellung an. Frederic J. Weymar, 34, Vizepräsident der in Deutschland arbeitenden Maklerfirma Bache & Co. Inc., stichelt: »In Amerika sind die Fonds nie in Aufsichtsräten vertreten, sie nehmen auch keinen Einfluß auf das Management der Gesellschaften.« Weymar verbreitete lange Zeit die Version, Westdeutschlands Investmentverwalter seien »die provinziellsten in

Europa« .

Schlechte Kursnachrichten aus Amerika - vom Höchststand 995 fiel der Dow-Jones-Index auf 782 in der vergangenen Woche ab - dämpften inzwischen den Hochmut der ausländischen Zertifikate-Händler und ermutigten die Deutschen im Kampf um ihren Marktanteil.

Nachdem diesseits und jenseits des Atlantik die Kurse schwinden, verweisen die Fonds-Verwalter der Bundesrepublik ihre Kunden wieder eindringlich auf die heimischen Zertifikate.

In Nummer eins warnt die Investa -Illustrierte: »Nichts gegen amerikanische Investment-Gesellschaften. Aber die Erfolge der Vergangenheit sind keine unbedingte Garantie für übersteigerte Zukunftserwartungen.«

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