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PERSONALIEN Kurt Georg Kiesinger, Ernst Lemmer, Walter Scheel, Joachim Pierre Pabst, Alois Hundhammer, Zsa Zsa Gabor, Ilse Vornlocher

aus DER SPIEGEL 39/1968

Kurt Georg Kiesinger, 64, Kanzler und CDU-Chef, wurde kurz vor seiner Asienreise an sein im Januar gegebenes Versprechen erinnert, ein Vorwort für die in einem Buch der Verlags- und PR-Gesellschaft »AZ-Studio Bonn« gesammelten Reden des Finanzministers Franz-Josef Strauß zu schreiben. Da die Vergeßlichkeit des Kanzlers das Erscheinen des Strauß-Buches bereits um vier Monate verzögert hatte, ließ Kiesinger über den Fernschreiber der deutschen Botschaft in Teheran die Laudatio auf den Minister nach Bonn tickern. Der Schwabe über den Bayern: »In der Diskrepanz zwischen äußerem Habitus und dem darunter verborgenen Ich ist er seinem Landsmann Ludwig Thoma ähnlich.«

Ernst Lemmer, 70, Sonderbeauftragter von Kanzler Kiesinger in Berlin und CDU-MdB, spielte während einer Bonn-Stippvisite abends in seinem Stammlokal »Rheinlust« sein Lieblingsspiel: Skat. Beim Kartenmischen klagte Lemmer: »Mein Leben in Berlin besteht nur noch aus Kummer und Sorgen. Ich fürchte, daß die Russen sobald es um Prag ruhig geworden ist, was gegen Berlin unternehmen. Ach, wäre ich doch Berufsspieler geworden. Dann hätte ich jetzt einen Lehrstuhl für Skat und hätte ein Fachbuch geschrieben, von dessen Tantiemen ich gut leben könnte.« Lemmer verlor an diesem Abend 1,04 Mark.

Walter Scheel, 49, FDP-Chef, begrüßte am vorletzten Sonnabend das im Münchner Hotel »Ambassador« versammelte Präsidium seiner Partei: »Guten Morgen, bitte den Kassenwart und eine genau gehende Uhr.« Daraufhin stand FDP-Schatzmeister Hans Wolfgang Ruhm auf, zeigte seine Uhr vor und sagte: »Es ist 9.12 Uhr, das macht zwölf Mark.« Grund für diese Begrüßungs-Szene: Ein Freidemokrat muß für jede Minute, die er zu spät zur Präsidiumssitzung kommt, eine Mark Buße entrichten. Als Scheel gezahlt hatte, feixte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Kühlmann-Stumm: »Der Moersch sitzt immer noch im Restaurant und frühstückt. Wenn der wüßte, wie teuer ihn das Frühstück kommt, würde er jetzt Austern fressen.« Der sparsame Schwabe Moersch kam 9.17 Uhr und versuchte mit einer Suada von Ausflüchten dem Obolus zu entgehen - vergeblich.

Joachim Pierre Pabst, 58, Cheflektor des Springer-Verlags, erwirkte gegen den letzten Memoiren-Band des Schriftstellers Robert Neumann (Titel: »Vielleicht das Heitere") eine Einstweilige Verfügung. Neumann, der in seinem Buch den Namen Pabst nicht erwähnt, erzählt von einem Gespräch zwischen dem Autoren-Ehepaar Lothringer und dem »allmächtigen Roman-Gott des Springer-Verlags«, einem »spiralgefederten Jack-in-the-Box, der sich springerisch-pseudoamerikanisch im Privatflugzeug durch die Welt bewegt«. »Dieser Springer-Springer« -- so Neumann -- schlug Lothringer vor: »Sie können einen Roman für mich schreiben. Ich sage Ihnen das Thema, ich kaufe das für die Firma, fünfundvierzig Prozent Ihres Honorars zahlen Sie privat an mich.« Lothringers schrieben »Liane«, die »Bild-Zeitung« druckte den Urwald-Roman ab und machte ihn zum Bestseller. Pabst bestreitet nun, jemals am »Liane«-Honorar beteiligt gewesen zu sein. Neumann-Verleger Desch gibt eine bereinigte Fassung der Memoiren heraus.

Alois Hundhammer, 68, Bayerns Landwirtschaftsminister und Ritter des päpstlichen »Ordens vom Heiligen Grabe«, erläuterte den Mitgliedern des Katholischen Männervereins im oberbayrischen Tuntenhausen »die drei großen Sorgen des Jahres 1968": an erster Stelle die Unruhe in der Kirche, danach die schlechten Ernteaussichten und schließlich die Vorgänge in der CSSR. Nachdem der Minister so sein Weltbild dargelegt und auch heftig für das päpstliche Pillen-Verbot plädiert hatte ("Mit der Anwendung der Pille wird die Grenze zwischen Gut un.d Böse überschritten"), begann er, die Verleihung des Adenauer-Preises an den rechten Redakteur Emil Franzel zu verteidigen. Da jedoch unterbrach eine Stimmbandlähmung Hundhammers Rede; Bayerns Arbeitsminister Pirkl mußte seines Kollegen Manuskript zu Ende lesen.

Zsa Zsa Gabor, 50, Alt-Sexstar, kollidierte mit zwei portugiesischen Hr tel-Empfangschefs. In der Luxus-Herberge »Palácio« zu Estoril lehnte der Rezeptionschef einen Scheck der Ungarin über 1120 Mark ab, ließ ihr Gepäck durchsuchen und fand zwei Hotelhandtücher. Zsa Zsa Gabor beleidigt: »Wenn ich Handtücher stehlen wollte, würde ich sie bei Conrad Hilton (dem zweiten der fünf Gabor-Gatten) klauen, der fast 300 Hotels besitzt.« Vom »Palacio« eilte die Diva zur US-Botschaft in Lissabon, um ihren Scheck einzulösen, verpaßte deshalb ihr Flugzeug und quartierte sich im Ritz-Hotel ein. Als dort erneut ein Gabor-Scheck abgelehnt wurde, ohrfeigte die Schauspielerin den Empfangschef. Zsa Zsa Gabor später in New York: »Als ich mich über die Rechnung beklagte, sagte der Empfangschef zu mir: »Verdammte Amerikaner, ich könnte euch anspucken. Ich wurde so wütend, daß ich ihm ins Gesicht schlug.«

Ilse Vornlocher, 22, Münchner Photomodell, testete unter dem Künstlernamen Janet Cord die Reaktion eines unvorbereiteten Tankwarts auf totale Nacktheit. Im Auftrag des amerikanischen Erfinders von »Candid Camera« (in Deutschland: »Vorsicht, Kamera"), Allen Funt, drehte »Mensch ärgere Dich nicht«-Regisseur Helmut ("Helli") Pagel Szenen zu dem abendfüllenden Film »Feigenblatt«, der zeigen will, »wie sich der Normalbürger gegenüber der Nacktheit verhält« (Pagel). In einem Münchner Vorort mußte dazu Ilse Vornlocher völlig unbekleidet im Wagen an der Tankstelle vorfahren, tanken lassen, den Wart nach der Toilette fragen und dann frei zum Waschraum gehen, während Pagels Team mit versteckten Kameras und Mikrophonen die Szene festhielt. Ergebnis: Der Tankwart schien von der Blöße seiner Kundin keine Kenntnis zu nehmen. Von Pagel nach der Fahrerin befragt, schilderte der Wart detailliert Haare, Größe und Haltung des Modells, erwähnte jedoch mit keinem Wort dessen Nacktheit. Pagel, der innerhalb einer halben Stunde vier Mädchen gefunden hatte, die textilfrei in aller Öffentlichkeit für ihn agieren wollten, jedoch trotz gründlicher Suche keinen ebenso freizügigen Mann auftun konnte: »Darüber habe ich mich sehr gewundert. Photomodell Ilse Vornlocher sah seinen Akt (Drehlohn: 400 Mark) selbstverständlicher: »Das ist genauso anstößig« wie wenn ich angezogen an einem Nacktbadestrand erscheine.«

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