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KURT LOTZ

aus DER SPIEGEL 39/1968

übernahm Mitte 1968 als Generaldirektor das Volkswagenwerk in Wolfsburg, Deutschlands größtes Industrieunternehmen, und erfüllte jetzt mit dem SPIEGEL-Gespräch eine Zusage seines am 12. April verstorbenen Vorgängers Heinrich Nordhoff. Schon im ersten Jahr seiner Herrschaft steuert Europas größte Automobilfirma auf einen neuen Rekord zu: VW will 1968 nahezu zwei Millionen Autos bauen und als erster deutscher Konzern die Umsatz-Traumgrenze von zehn Milliarden Mark (1967: 9,3 Milliarden) durchstoßen. Die Tagesproduktion ist bereits auf eine Rekordmenge von 7400 Fahrzeugen gestiegen.

Zu noch höherem Aufstieg soll verhelfen, was in der VW-Geschichte trotz Entwicklung von über 70 Prototypen bisher nur einmal (1961) gefeiert werden konnte: ein neues Modell. Nach über 20 Jahren Käfer-Produktion unter Heinrich Nordhoff sucht VW mit dem neuen VW 411 (SPIEGEL 21/1968), dessen Fertigung unlängst begann, erstmals in die gehobene Mittelklasse einzudringen.

Zum Erfolg steuern soll ihn nun der 1,92 Meter große Sohn eines nordhessischen Bauern. Kurt Latz, 56, nach dem Abitur zunächst Polizeileutnant, erlebte das Kriegsende als Major und Generalstabsoffizier bei der 6. Flak-Division. Im Winter 1945/46 half der arbeitslose Berufssoldat, aus der Gefangenschaft geflüchtet, Bauern beim Schweineschlachten. Er brachte seiner Familie als Tageslohn eine Wurst nach Hause. Ober seine Schwester Luise, Chefsekretärin des damaligen Generaldirektors der Mannheimer Elektrofirma Brown, Boveri und Cie (BBC), kam Latz im April 1946 als Lohnschreiber zu BBC. Auf Abendkursen und bei Privatlehrern bewältigte er das Studium der Betriebswirtschaft.

Schon 1955 rückte der Nichtakademiker in den BBC-Vorstand ein, Mitte 1958 bestellte der Aufsichtsrat sein jüngstes Vorstandsmitglied zum BBC-Generaldirektor. In Mannheim programmierte Latz den Elektrokonzern für die Zukunft: Er ließ Atomreaktoren entwickeln und gliederte die Bad Hersfelder Computerfirma Zuse ein (an der er später Siemens beteiligte).

Der Generalstäbler bewährte sich als Generaldirektor so gut, daß ihm Mannesmann-Aufsichtsrat Wilhelm Zangen 1961 die Mannesmann-Generaldirektion anbot. Lotz lehnte ab. sechs Jahre später, mittlerweile von der Wirtschaftshochschule Mann. heim zum Dr. h.c. rer. pol. ernannt, nahm er die Offerte des VW -Aufsichtsrates Josef Rust an, Nachfolger van Heinrich Nordhoff zu werden. Wie Nordhoff hat der einstige Motorsportler und leichtathletische Mehrkämpfer (Spezialübungen: Diskuswerfen und Kugelstaßen) Freude am Weidwerk. Doch, anders als LÖwenjäger Nordhoff, bevorzugt Latz die deutsche Feldjagd: »Es muß kein Löwe sein und nicht der größte Elefant.« Im Gegensatz zu Nordhoff ist Latz weder Techniker noch Freund einsamer Entschlüsse.

Der frühere Käfer-Fahrer Latz testete während der letzten vier Wochen täglich den neuen VW 411 zwischen Werk in Wolfsburg und Wohnsitz in Braunschweig. Er zeigte sich »von diesem feinen Auto wirklich überrascht«.

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