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Griechenland Kurzes Gedächtnis

Mit seinem Wahlerfolg erlangte Sozialistenchef Papandreou die angestrebte Genugtuung. Nun will er Staatspräsident werden.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Vor fünf Jahren, auf der Roseninsel Rhodos, machten Europas Staats- und Regierungschefs einen Bogen um sie. Der griechische Ministerpräsident Andreas Papandreou war Gastgeber des EG-Gipfels und hatte seine 36 Jahre jüngere Freundin mitgebracht. Das galt als unschicklich, denn der Grieche war noch mit einer anderen Frau verheiratet.

Im nächsten Sommer, auf der Adria-Insel Korfu, werden die Spitzeneuropäer dem Paar wieder begegnen. Doch diesmal wird die ehemalige Stewardess Dimitra ("Mimi") Liani als First Lady die Honneurs machen, an der Seite ihres Ehemannes, der nun erneut als Regierungschef die Geschicke von Hellas bestimmt.

Die Griechen haben den Mann an Mimis Seite mit absoluter Mehrheit gewählt. Am Abend des Wahlsieges dankte Papandreou, 74, ausdrücklich seiner fürsorgenden Gattin »Dimitra, deren Beitrag zu meinem Leben und Kampf unschätzbar ist«.

Der Sozialistenchef hat sich verändert. Aus dem dynamischen Macher ist ein anfälliger Greis geworden. Nach einer komplizierten Bypass-Operation im Jahre 1988 kann Papandreou täglich nur noch einige Stunden arbeiten. Er wird wohl die Regierungsgeschäfte nicht vom Amtssitz des Ministerpräsidenten leiten, sondern aus seiner Villa im Athener Nobelvorort Ekali.

Dabei braucht Griechenland einen tatkräftigen Regierungschef nötiger denn je. Das Land leidet unter der höchsten Inflationsrate in der EG: 12,8 Prozent. Die öffentlichen Schulden haben 120 Prozent des Bruttosozialprodukts erreicht, ebenfalls ein Spitzenwert. 40 Prozent des Nationaleinkommens werden durch Schwarzarbeit und damit am Finanzamt vorbei erwirtschaftet.

Daran ist nicht zuletzt der neue Ministerpräsident schuld, der als Regierungschef in den achtziger Jahren die Strukturkrise des Landes durch eine hemmungslose Ausgaben- und Schuldenpolitik erheblich verschärft hatte. Nachfolgepremier Konstantin Mitsotakis, 75, von der konservativen Neuen Demokratie wurde nun abgewählt, weil er scharfe Sparmaßnahmen durchsetzte und das öffentliche Defizit durch die Privatisierung zahlreicher Staatsbetriebe abbauen wollte, in denen viele Griechen ein bequemes Auskommen finden. Auf seiner ersten Kabinettssitzung machte Papandreou die Aktion rückgängig.

Frankreichs Außenminister Alain Juppe kommentierte das Wahlergebnis undiplomatisch offen: Es habe sich wieder einmal gezeigt, daß »Leute ein kurzes Gedächtnis« hätten.

Nun hat Papandreou Besserung versprochen, vor allem gegenüber der EG, an deren Vorgaben er sich früher nie gehalten hatte. Schließlich stehen 17,5 Milliarden Ecu (etwa 33 Milliarden Mark) auf dem Spiel, die Brüssel dem Land als Strukturhilfe für die nächsten sechs Jahre zusagte. Überdies sitzt der Athener Regierungschef vom 1. Januar an für ein halbes Jahr dem EG-Ministerrat vor. Denen in Brüssel graut bereits davor.

Wie intensiv sich Papandreou den griechischen Problemen widmen kann, ist einstweilen offen. Mit dem Wahlerfolg allein hat er ein wesentliches Ziel erreicht. Er triumphierte über seinen alten Widersacher Mitsotakis, der ihm einen demütigenden Korruptionsprozeß aufgebürdet hatte. Papandreou mußte freigesprochen werden, jetzt hat ihn auch das Volk rehabilitiert.

Auch seinem eigentlichen Ziel ist der Sozialisten-Heros nähergekommen. Das endgültige Wahlergebnis bescherte Papandreous Pasok-Partei ein zusätzliches Mandat. Sie verfügt damit über 171 der 300 Sitze im Parlament. Im Verbund mit den 9 Mandaten der Kommunisten kommt sie damit auf die Dreifünftelmehrheit, die sie braucht, um ihren Parteichef spätestens im Mai 1995 beim Ausscheiden von Konstantin Karamanlis zum Staatspräsidenten zu wählen.

Sind die Kommunisten nicht zu dieser Wahlhilfe bereit, erwägt der Premier, im Juni 1994 neben den Europawahlen zugleich Parlamentswahlen durchzuführen, um so direkt zu einer Präsidialmehrheit zu gelangen. Das höchste Staatsamt, das weniger Anstrengungen mit sich bringt, könnte der kranke Papandreou besser ausfüllen als den Streß-Job des Regierungschefs.

Ein Sonderparteitag der Pasok soll nach der EG-Präsidentschaft in der zweiten Hälfte 1994 den Übergang einleiten. Papandreou will sich zum Ehrenvorsitzenden wählen lassen und seinen Nachfolger im Regierungsamt selber küren. Die besten Chancen hat der gelernte Bauingenieur und neue Innenminister Akis Tsochatzopoulos, der zur »deutschen Mafia« gehört. Der 54jährige hat in München studiert und ist mit einer Deutschen verheiratet.

Seinen Sohn sowie einen Vetter seiner Frau machte Papandreou zu Staatssekretären. Ehefrau Dimitra berief er zur Chefin seines persönlichen Büros. Die Eleftherotypia fürchtet, »Mimi« könnte »die Rolle einer griechischen Evita Peron spielen«. Schon warnen Freunde ihren Chef vor den Erfahrungen, die Mitsotakis machen mußte: Sogar eigene Minister hatten ihm unzulässige Einmischung in die Regierungsgeschäfte durch Ehefrau Marika und Tochter Dora vorgeworfen.

Dimitra Papandreou weist solche Ambitionen mit bemühter Bescheidenheit weit von sich: »Ich bin nicht die Hillary von Athen. Ich will nur die Rolle der Gattin spielen.« Y

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