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BAADER/MEINHOF Ladung Erbsen

Ein Professorensohn soll die Bomben für Baader/Meinhof gebastelt haben: Dierk Hoff, seit Jahren Unikum der Frankfurter Szene.
aus DER SPIEGEL 30/1975

Die Meldung kam spät, aber mit Zündstoff. Nur langsam sickerte vorletztes Wochenende aus Polizei-Quellen, wen sich BM-Fahnder schon zehn Tage zuvor gegriffen hatten: den mutmaßlichen Sprengmeister von Baader und Meinhof, dessen Bomben vor drei Jahren die Republik erschütterten.

Schleunigst machten Blätter aus dem Stoff brisante Nachrichten. »Baader gab ihm Aufträge«, wußte die »Welt«; die »WamS« sah schon die »Wende im BM-Prozeß« heraufziehen und kombinierte: »Komplizierte technische Gutachten« als Beweis für die »persönliche Beteiligung der Banden-Prominenz« seien nun überflüssig.

Einer freilich, der wissen mußte, was los war, schwieg sich aus. Der Generalbundesanwalt, sonst mit Meldungen über Fahndungserfolge weit schneller bei der Hand, »konnte«, so Bundesanwalt Erwin Fischer noch Ende vergangener Woche, »nach wie vor gar nichts sagen« und nährte damit weiter kühne Spekulationen, wie er auch erhebliche Zweifel weckte, daß was dran war an der Sache.

Ins Zwielicht geraten ist Dierk Hoff, 37, Metallbildner aus Frankfurt und seit Anfang Juli Untersuchungshäftling in Karlsruhe. In einer lautlosen Aktion holte ihn die Kripo in seinem »Studio« im Westend ab und wirft ihm jetzt, laut Haftbefehl, vor: Unterstützung einer kriminellen Vereinigung, indem er Baader-Meinhof-Mitgliedern Vorrichtungen und Sprengkörper für Anschläge fertigte.

Im Verhör hielten die Bundesfahnder dem vermeintlichen Bombenbauer gleich Belastendes vor: Ein BM-Mitglied habe geplaudert, ein Schlüssel zu seiner Werkstatt sei im BM-Gepäck aufgetaucht, und sein Name ziere das Notizbuch von Holger Meins -- zwar nicht korrekt geschrieben und mit falscher Adresse, aber mit richtiger Telephonnummer.

Manches reimt sich zusammen zum Bild vom BM-Bombenbauer Dierk Hoff; vieles fällt aus dem Rahmen. »Durchaus einer«, macht sich beispielsweise Reginald Rudorf, einer aus Hoffs Freundeskreis, seinen Vers, »der den BM-Leuten für ihre Zwecke prädestiniert erscheinen mußte": für Hoff »möglicherweise die Chance, die karriereträchtige Eitelkeit eines verkannten Erfindergenies zu befriedigen«. Ein anderer Bekannter winkt freilich ab: »Nicht der Typ für so was.«

Der Typ ist seit Jahren in Frankfurt, so Rudorf, »in": bei jenem Völkchen exzentrischer Erscheinungen, die jeden bürgerlichen Habitus abgestreift haben, stets aber auffällig an der Oberfläche bleiben.

Mal tummelte sich Hoff im »Café Schwille«, wo Linke wie Loddel verkehrten, öfter tauchte er im »Club Voltaire« auf, Treff für Progressive und Radikale. Doch nach links ging Hoff nur, soweit es chic war. Er schwamm auf der Haschwelle mit, trug die Haare aber immer noch kurz, als Mähnen schon lange Mode waren.

Am auffälligsten hob sich Hoff durch sein Hobby ab, das ihm gleichsam Berufung war. Schon vor Jahren, in einem Interview, bekannte der »Stiftekopp«, wie ihn Frankfurter Freunde wegen seines Bürstenschnitts frotzelten, »immer nur leidenschaftlich gerne gebastelt« zu haben: »Das ist zu meinem Beruf geworden.«

Seine erste Arbeitsstätte richtete sich der Metallbildner, nach Maschinenbaupraktikum und Töpferlehre, in einem Hinterhof im Frankfurter Nordend ein. In der Rohrbachstraße 22 firmierte er: »Studio Metall«. Seine Offerte: »Werkstatt für besondere Wünsche«. Später dann zog der Handwerker ins Westend, ins Haus aus Hoffschem Familienbesitz« in der Oberlindau 67, Eingang um die Ecke von der Eppsteiner Straße -- wo in einem Werkraum nach Kripo-Kalkül die tödlichen Bomben gebastelt wurden.

Hier wie da fertigte der Künstler und Tüftler, das ist sicher, allerlei Gebräuchliches: Rohrstühle und Stahltüren, Kupferkamine und Bettgestelle -- aber auch Brisantes: Büchsen, Pistolen und Katapulte.

Ein besonders geglücktes Exemplar seiner Erfindungsgabe präsentierte Hoff einst stolz seinen Freunden: eine Luftdruck-Maschinenpistole, die mit flüssigem Kohlendioxid betrieben ein Magazin mit 36 Kugeln blitzschnell leeren konnte. Wer ihm nicht glaubte, dem feuerte der eitle Bastler eine Probe vor -- eine Ladung Erbsen.

Auch zur Hebung mancher Partystimmung hatte Hoff stets was parat. So donnerte er, auf einer Silvesterfeier in Dreieichenhain, mit einer Kanone auf das Nachbargrundstück. »Das Ungetüm«, erinnert sich der Gastgeber mit Schrecken, »hätte uns beinahe die Polizei auf den Hals gebracht.«

Der Mann, der so stets für Spaß und Spektakel sorgte, stammt aus feinem Haus: eines von drei Kindern des Medizinprofessors Ferdinand Hoff, 79, zuletzt Direktor einer Frankfurter Universitätsklinik. Doch der Sohn wollte den Spuren des Vaters, der sich durch etliche Veröffentlichungen ("Der Schmerz und seine Bedeutung") einen Namen gemacht hatte, nicht folgen. »In der geebneten Bahn meines Vaters weiterzulaufen«, vertraute er Freunden an, »ist kein Kunststück.«

So betrieb Dierk Hoff lieber Künstlerisches, nahm Wechsel aus dem väterlichen Hause aber weiter dankend entgegen; mal ließ er sich auch einen komfortablen Kleinbus für Überlandreisen schenken. Und die Familienhilfe riß auch nach der Festnahme nicht ab. Der Professor mühte sich schleunigst um eine Besuchserlaubnis und besorgte einen Anwalt -- weitab der linken Szenerie.

Den zog der Inhaftierte auch gleich ins Vertrauen. »ich bin alles andere«, teilte er seinem Verteidiger mit, »als ein Terrorist.«

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