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Chemie Lächerliches Öfeli

In der Hochrhein-Region bei Basel entsteht mit neuen Atom- und Chemieanlagen ein gefahrenträchtiges Ballungsgebiet.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Wochenlang liefen in Basel viele Bürger mit großen Plastikbeuteln herum, die sie in die Luft hielten, hastig verschlossen und dann beim Basler Chemiekonzern Ciba-Geigy ablieferten. In den Firmenlabors wurde die eingesackte Luft analysiert, um Geruchsbelästigungen nachzuspüren, über die in Basel ständig geklagt wird.

Solche Szenen wundern am Hochrhein niemanden mehr. Das Gebiet zwischen Bad Säckingen und Basel an der deutsch-schweizerischen Grenze ist verpestet von einer beispiellosen Industriezusammenballung. Nahezu täglich werden die Bewohner von neuen Alarmmeldungen über Gift in der Luft und im Wasser erschreckt.

Internationaler Rheinalarm ist zuletzt Anfang Mai ausgelöst worden. Aus der Kläranlage eines Zweigwerks des Basler Pharmakonzerns Sandoz im elsässischen Hüningen, in die auch ein Ciba-Geigy-Betrieb seine Giftbrühe leitet, strömten ungeklärte industrielle Abwässer in den Rhein. Den Wasserwerken entlang dem Rhein wurde angeraten, aus dem Strom kein Trinkwasser zu entnehmen.

Eine ganze Kette von Unglücksfällen hatte die Region 1989 heimgesucht: Drei Tage vor Weihnachten war aus dem Ciba-Geigy-Werk Klybeck in Basel-Schweizerhalle eine Säuregas-Wolke aufgestiegen. Das giftige Chlorsulfon entwich beim Umpumpen der Säure von einem Waggon in einen Lagertank.

Ebenfalls in Schweizerhalle waren ein paar Wochen zuvor aus dem Sandoz-Chemiewerk mehr als 15 000 Liter Industrieabwässer durch die Kanalisation in Richtung Rhein geflossen, darunter 1100 Kilo des schwer abbaubaren, giftigen Insektizids Disulfoton.

Zur gleichen Zeit meldete die gemeinsame Abwasser-Pumpstation der Chemiefirmen Ciba-Geigy, Sandoz und Säurefabrik Schweizerhalle einen Leitungsbruch - die Reinigungsanlage für die giftigen Abwässer war zeitweilig außer Betrieb gesetzt. Nicht genug: Bei Sandoz in Basel waren 20 bis 30 Liter Thionylchlorid ausgelaufen, eine flüssige Chemikalie, die sich durch Luftfeuchtigkeit zu Salzsäure und Schwefeldioxid zersetzt.

Viele Pannen und Störfälle bleiben von vornherein Firmengeheimnis. Doch auch Politiker räumen ein, daß die deutsch-schweizerische Hochrhein-Region als größte Gefährdungszone für die Umwelt Chemie-Ballungsgebiete wie Frankfurt/Höchst, Mannheim-Ludwigshafen oder Leverkusen längst überholt hat.

Den Schweizer Chemiegiganten Ciba-Geigy, Hoffmann-La Roche und Sandoz stehen am deutschen Ufer zwischen Bodensee und Basel Kunststoff- und Metallkonzerne wie Degussa, Hüls und Aluminiumhütte gegenüber, dazu die deutschen Töchter der Chemieunternehmen. Die meisten Fische aus dem Rhein, der nach Ansicht der Grünen »größten Sondermülldeponie Europas«, dürfen nicht in den Handel.

Das Ausmaß des Gift- und Gefahrenpotentials im Dreiländereck bei Basel wurde weltweit erkennbar, als im November 1986 nach einem Großbrand in der Lagerhalle von Sandoz-Schweizerhalle an die 30 Tonnen brisanter Substanzen mit dem Löschwasser in den Rhein geschwemmt wurden, darunter mindestens 34 Giftstoffe wie der Insektenkiller E 605 oder Quecksilberverbindungen, von denen schon wenige Milligramm für Menschen tödlich sind.

Seitdem geloben die Chemie-Riesen zwar Besserung - Sandoz: »Wir wollen besser sein als die gesetzlichen Grundlagen«, Hoffmann-La Roche: »Umweltschutz bildet einen integralen Bestandteil bei jeder Neuinvestition«, Ciba-Geigy: »Umweltschutz ist eine fortwährende unternehmerische Aufgabe.« Gleichzeitig aber rüsten die Chemie-Konzerne am Hochrhein in einem Umfang auf, der nach Ansicht der badischen Grünen-Bundestagsabgeordneten Luise Teubner eine »Kriegserklärung« an die Umwelt bedeutet. Immer mehr Bürgerinitiativen treten als Gegner auf, so die »Arbeitsgemeinschaft Morgenluft e.V.« in Weil am Rhein und die »Aktion Selbstschutz« in Basel, die auch immer häufiger auf die Unterstützung von Kommunalpolitikern aller Parteien zählen können.

Die aktuelle Latte der am Hochrhein geplanten oder schon teilweise realisierten Großprojekte deutscher und eidgenössischer Unternehmen ist nach Ansicht von Umweltschützern, so Rechtsanwältin Gabriele Foege von der »Arbeitsgemeinschaft Morgenluft«, »beeindruckend und bedrückend": *___Auf dem Basler Firmen-Areal Klybeck plaziert Ciba-Geigy ____den größten europäischen Giftmüll-Ofen, 120 Meter lang ____und mit Kamin 60 Meter hoch, ausgelegt für die ____Verbrennung von jährlich 14 000 Tonnen Giftresten; *___im deutschen Grenzach bei Basel baut Ciba-Geigy eine ____Naßoxidationsanlage für schwer abbaubare, giftige ____Abwässer aus der Schweiz, die danach immer noch als ____"konzentrierte Chemikalienlösung« ____(Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg) in den ____Rhein abfließen; *___im deutschen Grenzach-Wyhlen lief letztes Jahr ein ____Klärschlamm-Verbrennungsofen von Hoffmann-La Roche an, ____aus dem stündlich 10 000 Kubikmeter Abgase in die ____Atmosphäre aufsteigen; *___für sein Werk Schweizerhalle bekam der ____Ciba-Geigy-Konzern die Genehmigung zu einer Erhöhung ____der Verbrennungskapazität für flüssige ____Abfall-Lösungsmittel um 15 000 auf 24 000 Tonnen, das ____Abwasser der Rauchgasreinigung wird in den Rhein ____geleitet; *___in Sisseln gegenüber Bad Säckingen, direkt an der ____deutschen Rheingrenze, baut Ciba-Geigy als ____Versandzentrum ein gigantisches Hochregallager für bis ____zu 7000 Tonnen Herbizide, Insektizide, Fungizide und ____Präparate der Tiermedizin.

»Die Liste ist noch lange nicht vollständig und das Elsaß nicht einmal einbezogen«, sagt die »Morgenluft«-Anwältin Foege. So will die Firma Fonda AG im schweizerischen Rheinfelden, ein Entsorgungsbetrieb für Fotochemikalien, einen Hochtemperaturofen für Sonderabfälle bauen lassen. Und südlich von Weil, in der schweizerischen Partnerstadt Kleinhüningen, erweitert Sandoz das dortige Areal chemischer Großbetriebe um ein Pharma-Produktionsgebäude mit Tanklager und Verdampferanlage.

Einsprüche von deutscher Seite gegen dieses »Projekt Ramses« wurden in der Schweiz zurückgewiesen - die Anlage sei nicht umweltschädlich. Aber aus einem Ergänzungsbericht zur Umweltverträglichkeit, sagt Gabriele Foege, ließen sich »eher gegenteilige Schlüsse ziehen«.

Gegen die auf 150 Millionen Franken veranschlagte Sondermüll-Verbrennungsanlage (SMV), die Naßoxidationsanlage und das Hochregallager von Ciba-Geigy - des größten Chemie-Produzenten und zweitgrößten Industrieunternehmens der Schweiz - richten sich Wissenschaftler-Proteste und Bürger-Attacken diesseits und jenseits der Grenze.

Gegen den Sondermüllofen waren mehr als 370 Einsprüche aus der Schweiz, 57 aus der Bundesrepublik und 11 aus Frankreich erhoben worden. Erstmals in der Schweiz kamen bei einem öffentlichen Hearing in Basel auch die Gegner des Vorhabens zu Wort, erstmals auch wurde ein Umweltverträglichkeitsbericht erstellt.

»Der Ofen wird nicht stinken«, versichert der SMV-Projektbeauftragte Anton Schaerli, ein ehemaliger Ciba-Werksleiter, »aber wir müssen einen Sondermüll-Infarkt verhindern«; in der Schweiz fallen, überwiegend im Bereich Basel, jährlich 350 000 Tonnen Sondermüll an.

Ciba-Geigy, in deren bisherigem Sonderabfall-Verbrennungsofen 1985 auch der Inhalt jener 41 Fässer mit Dioxin-Abfällen verbrannt wurde, die nach dem Seveso-Unfall kreuz und quer durch Europa kutschiert worden waren, bekam im Dezember letzten Jahres die Bewilligung der Stadt Basel für das »lächerliche Öfeli« (Schaerli). »Denn wir sind«, sagt der Projektleiter frohgemut, »etwas handgestrickter in der Demokratie« als die Deutschen.

Die im deutschen Grenzach geplante Naßoxidation entstammt nach dem Urteil des Landesnaturschutzverbandes »dem technischen Gedankengut der frühen siebziger Jahre«, sie sei »ein Dinosaurier in Sachen Energie- und Rohstoffverschwendung«.

Gegen das Ciba-Hochregallager in Sisseln hatten das Regierungspräsidium Freiburg, der Landkreis Waldshut und die Stadt Bad Säckingen offiziell Einspruch bei der schweizerischen Gemeinde erhoben und »umfassende Einwendungen« (Stuttgarter Umweltministerium) geltend gemacht. Der Waldshuter CDU-Landrat Bernhard Wütz bereitet sich schon auf Katastrophenschutz-Planungen für »Alarm- und Einsatzmaßnahmen« am Giftlager vor.

Während Bevölkerung und Kommunalpolitiker am westlichen Hochrhein, zwischen Laufenburg und Lörrach auf der deutschen, zwischen Sisseln und Basel auf der schweizerischen Seite, wie gebannt die »Chemikalisierung einer ganzen Landschaft« (Foege) verfolgen, weist die Grünen-Abgeordnete Teubner auf weitere Bedrohungen aus dem Osten der Hochrhein-Region hin.

Dort, nahe der deutschen Grenze, forscht die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle der Schweiz nach einer Endlagerstätte für den Atommüll der fünf helvetischen Kernkraftwerke (KKW), von denen vier dicht oder nahe am Rhein plaziert sind.

Über die Zwischenlagerung ist bereits entschieden. In Würenlingen, rund zwölf Kilometer Luftlinie südlich von Waldshut, wird das schweizerische Bundes-Zwischenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung angelegt; dazu kommt ein zentrales Zwischenlager für schwach-, mittel- und hochaktive Abfälle aus Kernkraftwerken. Am Standort des Atomkraftwerks Beznau im Kanton Aargau, acht Kilometer von deutschem Hoheitsgebiet entfernt, wird das derzeitige Zwischenlager für radioaktive KKW-Abfälle erheblich erweitert.

Im Juni 1989 hatten sich die Bürger von Würenlingen mit großer Mehrheit auch für das 200 Millionen Franken teure zentrale Zwischenlager entschieden. Für soviel guten Willen bekommt die Gemeinde von den Betreibern, vier Atomkraftunternehmen, umgerechnet eine Million Mark jährlich; außerdem fallen pro Jahr 200 000 Mark Steuern an.

Die Grünen-Volksvertreterin Teubner, die schweizerische Behörden seit Monaten mit kritischen Fragen traktiert, fürchtet, daß »enorme Gefahren von den Zwischenlagern ausgehen«. Sie bedauert die »unangebrachte Zurückhaltung« deutscher Politiker, vor allem der Stuttgarter Landesregierung von Lothar Späth.

Die Regierenden im Dreiländereck, so erfuhr der Teubner-Mitstreiter Axel Mayer, hätten eine allzu diplomatische Art, sich über die Industrieansiedlungen zu verständigen: »Ein freundliches Grüß Gott und Grüezi über die Grenze« - das sei alles.

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