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BERLIN / ALLIIERTE Lämpchen an

aus DER SPIEGEL 43/1968

Dreimal in einer Woche schwor Amerika den Berlinern Treue. US-Präsident Johnson: »Die Vereinigten Staaten stehen stark, voll und ohne Einschränkung zu Berlin.«

US-Verteidigungsminister Clifford: »Wir werden niemals der Gewalt oder der Gewaltandrohung gegenüber Berlin weichen.«

US-Botschafter Cabot Lodge: »Es darf -- diesseits und jenseits der Mauer -- keinen Zweifel an der Entschlossenheit der Vereinigten Staaten geben, ihren Verpflichtungen nachzukommen.«

Der Trost kam, Anfang dieses Monats, zur rechten Zeit. Denn seit Sowjet-Truppen am 21. August die Tschechoslowakei besetzten, stellen die Berliner, so das Düsseldorfer »Handelsblatt«, »düstere Reflexionen über die eigene Lage« an. Regierungschef schütz: »Wir sind froh, daß die Alliierten in diesen schwierigen Wochen keinen Zweifel an ihrer Verantwortung für die Stadt aufkommen lassen.

Mißtrauisch verfolgen die Eingeschlossenen den verdächtigen Eifer roter Propagandisten und Militärs zwischen Finnischem Meerbusen und Bosporus. Berliner wie Beschützer registrierten besorgt die Indizien:

* Am 23. September -- zu Beginn einer Inspektionsreise durch die Pakt-Metropolen -- verhandelte der Oberkommandierende im Warschauer Pakt. Sowjet-Marschall Iwan Ignatjewitsch Jakubowski, in der DDR über die »Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft«.

* Am 13. Oktober publizierte »Neues Deutschland« eine Grundsatzerklärung, in der SED-Politbürokrat Hermann Axen namens seiner Partei »gebieterisch« eine gemeinsame Ostblock-Strategie »gegen die aggressiven Kräfte und zur Beseitigung aller Konfliktherde« forderte. Die Feindbeobachter im traditionellen Konfliktherd Berlin wurden zudem durch Nachrichten über die Anwesenheit sowjetischer Truppen entlang der jugoslawischen Grenze beunruhigt und durch die stetige Verstärkung der Sowjetarmada im Mittelmeer, der unterdessen 60 Schiffe zählenden »III. Eskadra« der roten Flotte.

Meldungen über den Blitz-Besuch des Sowjet-Premiers Kossygin bei seinem finnischen Kollegen Kekkonen förderten das Unbehagen -- denn die beiden Politiker sprachen auch über den finnisch-sowjetischen Beistands- und Freundschaftspakt von 1948, der den Sowjets für den Ernstfall Militärbasen in Finnland zusichert.

Doch nicht nur in Berlin, auch im Nato-Hauptquartier zu Brüssel argwöhnen die Strategen neue Sowjet-Ränke. Die Prag-Okkupanten, so mutmaßen sie, könnten nach dem Invasions-Debakel die Flucht nach vorn ergreifen.

Angesichts der politischen Aktivität der Sowjets und ihrer wachsenden Präsenz auf dem Balkan wie im Mittelmeerraum neigen die Nato-Analytiker zu der Annahme, die Kreml-Führer zielten in Südosteuropa wie im Nahen Osten -- im Niemandsland zwischen den Blöcken -- auf Terraingewinne ab. Diese Absicht aber schließe das Risiko einer Konfrontation an anderen Konfliktherden ein -- auch in Berlin.

Der sonst schweigsame Nato-Generalsekretär Manlio Brosio letzte Woche: Als nächstes könnte die Sowjet-Union »geneigt sein, Berlin unter Druck zu setzen und die Westmächte vor die Notwendigkeit zu stellen, Militärmaßnahmen zur Gewährleistung ihrer Zugangsrechte einzuleiten«.

Und Vorwände, Berlin unter Druck zu setzen, bieten sich gerade jetzt: Am 28. Oktober beginnt im Reichstag, nahe der Mauer, eine Berlin-Woche der Bundestagsausschüsse, acht Tage darauf der Bundeskongreß der Christdemokraten. Und zum Frühjahr steht in Berlin die Wahl des Lübke-Nachfolgers durch die Bundesversammlung an -- mit Beteiligung der NPD.

Seit je haben DDR wie Sowjets gegen jede Bonner Kundgebung in der »besonderen politischen Einheit West-Berlin« (SED-Formel) protestiert. Seit Anfang Oktober aber protestieren sie nicht mehr. Sie drohen.

DDR-Staatssekretär Dr. Michael Kohl: »Die DDR, die UdSSR und andere sozialistische Staaten ... können ... die Eskalation der Bonner Annexionspolitik gegenüber West-Berlin ... nicht hinnehmen.« Und Moskaus »Prawda": »Sollten diese provokatorischen Pläne (Bundestagswoche, CDU-Parteitag und Bundesversammlung) verwirklicht werden, so wird von seiten derer, gegen die sie gerichtet sind, entsprechend geantwortet werden. Bonn weiß darüber sehr gut Bescheid.«

An Hinweisen auf mögliche Antworten fehlt es in der Tat nicht. Allein in den letzten drei Wochen erinnerten DDR und Sowjet-Union gleich mehrmals an die neuralgischen Punkte der Stadt -- die Zufahrtswege:

* Am 30. September blockierten die DDR-Behörden für 24 Stunden den gesamten Binnenschiffsverkehr von und nach West-Berlin: Sie legten die Havel-Schleuse Brandenburg »wegen Reparaturarbeiten« still. Am 7. Oktober, dem Staatsfeiertag der DDR, demonstrierte die Sowjet-Armee in den Luftkorridoren: Um 16.35 Uhr ging im mittleren Korridor kurz vor Berlin ein Mig-Jäger auf Kollisionskurs mit der Panam-Boeing 692. Die Passagiermaschine mußte auf Weisung der West-Berliner Radarzentrale zwei Ausweichmanöver fliegen. Am 14. Oktober verwies das DDR-Verkehrsministerium auf die Unsicherheit der Landwege nach West-Berlin: Die Staatsagentur ADN kündigte umfangreiche Instandsetzungsarbeiten am Autobahn-Kontrollpunkt Drewitz bei Berlin an. Überdies rüsten die »zeitweilig in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte« (SED-Bezeichnung) mitsamt der Volksarmee zu Herbstmanövern -- im Westen Berlins und ausgerechnet Ende Oktober, wenn die Mitglieder des Bundestages und die Parteitagsdelegierten der CDU an die Spree reisen.

An der Panke, in Ost-Berlin, vervollständigen die Stör-Strategen der SED unterdessen ihr Pressions-Potential. Sie erörterten die Möglichkeit, den U-Bahn-Transit durch Ost-Berlin lahmzulegen und -- nach NPD-Mitgliedern und Bundes-Repräsentanten -- weiteren Gruppen Straßen- wie Schienenwege nach Berlin zu sperren.

Außerdem spielen die Genossen im Parteihaus am Werderschen Markt mit Plänen, West-Berlins Großfirmen den Landtransport über DDR-Gebiet zu untersagen, noch ehe der Senatsplan für einen Groß-Frachtflughafen in Tegel vom Reißbrett ist. Vorwand: Diese Unternehmen produzierten Güter für die westdeutsche Rüstung.

Über derlei Erwägungen auf dem laufenden, bereiten sich nicht nur die Amerikaner auf einen frostigen Berliner Herbst vor. Zwar enthielten sich ihre Verbündeten, die Franzosen und Engländer, des Nibelungenschwurs, den die US-Emissäre Clifford und Cabot Lodge samt ihrem Präsidenten ablegten. Wie den Amerikanern aber ging auch bei den Kommandeuren der beiden anderen West-Garnisonen »ein Lämpchen an« (Kiesingers Berlin-Beauftragter Ernst Lemmer). Sie begannen, so Berlins Parlamentspräsident Sickert, »die Besatzer 'rauszustreichen«.

Um wenigstens den Burgfrieden der Stadt für den Fall des äußeren Notstands zu garantieren, drohten die Alliierten bereits Mitte September per Kommandanten-Befehl allen denen bis zu zehn Jahren Gefängnis an, die »sich mit anderen Personen verabreden«, den Verkehr auf den Zufahrtswegen »zu behindern, zu verzögern oder zu gefährden«. Ebenso stellte die Berlin-Entente jeden Versuch unter Strafe (bis zu fünf Jahren), alliierte Soldaten zur Fahnenflucht zu verleiten.

Am 11. Oktober schließlich hob die Dahlemer Kommandantur ein Berliner Verwaltungsgerichtsurteil auf, das den Knüppeleinsatz der Senats-Polizei bei den Anti-Schah-Demonstrationen am 2. Juni 1967 für rechtswidrig erklärt hatte. Die Alliierten, »um Zweifel zu beheben": »Die Anwendung unmittelbaren Zwangs ... ist genehmigt.«

Diese Vorsorge der Frontstadt-Militärs richtet sich in erster Linie gegen Berlins Außerparlamentarische Opposition: Seit die Apo während der Osterunruhen auch die Blockade der Autobahn-Ausfahrten erwog, sehen die Alliierten ihren Schutzmacht-Auftrag nicht mehr nur von außen bedroht.

Zumindest in diesem Punkt freilich scheint die Furcht der drei Stadtkommandanten unbegründet. Denn die Apo ist derzeit wirklich nur, was ihre Gegner schon immer behaupteten: eine kleine radikale Minderheit.

Der Apo-Aufruf, den US-Verteidigungsminister Clifford bei seinem Berlin-Besuch mit Farbbeuteln, Vietcong-Fahnen und Ho Tschi-minh-Rufen zu empfangen, hätte vor wenigen Monaten noch Apo-Hundertschaften auf die Beine gebracht. Doch als der US-Minister am Sonnabend vorletzter Woche das Schöneberger Rathaus betrat, erwarteten ihn nur 70 Revolutions-Komparsen.

Ihr Feldgeschrei erstarb im Verkehrslärm, ihre Farbbeutel verfehlten den Senatsgast und bekleckerten den Dienst-Mercedes des Berliner Kanzler-Kommissars Lemmer. Clifford blieb sauber.

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