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IRAN Lästige Minderheit

Die Autonomie-Forderungen der Kurden haben den Ajatollah Chomeini in eine gefährliche Lage gebracht. Die Armee soll die Rebellion niederschlagen.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Im Morgengrauen landeten auf dem kahlen Hochland nahe dem Kurdendorf Sero Hubschrauber und Transportmaschinen der iranischen Luftwaffe und luden schwerbewaffnete Eliteeinheiten aus -- nur knapp 800 Meter von der dort zusammenstoßenden irakisch-türkisch-iranischen Grenze entfernt.

Doch die Nacht- und Nebelaktion der Iraner im Dreiländereck galt nicht den Nachbarn, sondern rebellischen Landsleuten: Mit über 2000 Mann regulärer Truppen im Großeinsatz führt Chomeinis Islamische Republik seit dem vorletzten Wochenende Krieg gegen aufständische Kurden.

Ein Ende der Kämpfe, bei denen nach Angaben türkischer Zeitungen bisher schon über 500 Menschen umkamen, ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Das Teheraner Armee-Oberkommando hatte Mitte der vorigen Woche auch die 64. Heeresdivision mit starken Panzerverbänden in das Kampfgebiet in Marsch gesetzt, um den bedrängten Luftlandetruppen zu Hilfe zu kommen.

380 Chomeini-Soldaten sind nach Angaben des kurdischen Hauptquartiers gefangengenommen, die Kurdenstadt Mariwan wurde aus Angst vor Vergeltung von der Bevölkerung geräumt und zur Verteidigung ausgebaut. Die Zufahrtsstraßen in das unwegsame Berggebiet sind durch Barrikaden der Aufständischen blockiert.

Erstmals kämpfen auf seiten der Rebellen angeblich auch gut ausgebildete und bewaffnete Soldaten. Die ehemaligen Schah-Generäle Ah HusseinPalisban und Gholamali Oweissi, der zuletzt Minister für Arbeit und Soziales in der vom Schah im November 1978 ernannten Militärregierung gewesen war, haben sich mit rund 2000 desertierten Schah-Soldaten in die Berge abgesetzt und unterstützen die Kurden im Kampf gegen die Teheraner Regierung.

Stimmen diese Meldungen, wäre es eine merkwürdige Zweckallianz. Denn so wie jetzt die Teheraner Zentrale mit Waffengewalt gegen die kurdische Minderheit vorgeht, so hat es vorher auch der Schah gehalten -- und von Chomeini haben die iranischen Kurden endlich bessere Zeiten erhofft.

So war der Generalsekretär der Demokratischen Partei Kurdistan (DPK) im Iran, Abd el-Rahman Ghassemblou, erst im Dezember 1978 nach 20 Jahren Exil in der CSSR und in Frankreich heimgekehrt, einer der ersten, der Chomeini zum Sieg über den Schah gratulierte.

Doch die Hoffnung der rund fünfeinhalb Millionen Kurden, in einer Islamischen Republik mehr kulturelle Selbständigkeit und Gleichstellung zu bekommen, wurde enttäuscht. Schlimmer noch: Der von Chomeini geschürte fanatische Eifer und die chauvinistische Unduldsamkeit der persischen Schiiten machte der kurdischen Minderheit das Leben schwerer als zuvor.

Denn im Gegensatz zu den meisten Persern sind drei Viertel der Kurden keine Schiiten, sondern, wie auch die Araber, Sunniten. Die Mehrheit bekennt sich zu den Hanefiten, die unter den vier moslemischen Rechtsschulen die größte ist und deren Anhänger vor allem im Irak, in der Türkei, in Indien und in Pakistan leben.

Ihren Namen haben sie von dem iranischen Moslem-Geistlichen Abu Hanifa aus dem 8. Jahrhundert, dessen Lehre vor allem im Ritual und in Fragen der Rechtsordnung von den anderen moslemischen Schulen abweicht.

Hinzu kommt, daß die Kurden, von denen viele als Flüchtlinge aus dem Irak ins Land gekommen sind, aus Sicherheitsgründen auf Befehl des Schah nicht in geschlossenen Siedlungsräumen wohnen durften, sondern entlang der persischen Westgrenze vor allem in fremdstämmige Gebiete zwangsweise umgesiedelt wurden.

So war der Konflikt, der im April in der aserbeidschanischen Stadt Naghadeh zwischen Kurden und den von Mullahs angeführten Chomeini-Anhängern ausbrach und über 100 Tote kostete, eher Religionskrieg als nationaler Aufstand.

Die Aserbeidschaner, die wie die Perser Schiiten sind, vertrieben 12 000 Kurden als lästige Minderheit aus der Stadt -- und fordern nun ihrerseits von der Zentralregierung eine aserbeidschanische Autonomie.

Noch verwirrender wird der Kurdenkonflikt durch seine soziale Seite. Die 24 Toten, die Mitte Juli der Aufstand in der Kurdenstadt Mariwan gekostet hat, gehen auf das Konto eines Streits zwischen reichen und armen Kurden.

Die überwiegend kurdischen Landbesitzer der Region, Aghas genannt, waren vom Schah für ihre Loyalität von der Landreform verschont worden. Nach dem Sturz des Kaisers erhoben die armen Pachtbauern Anspruch auf das von ihnen bearbeitete Land und besetzten die Felder. Mit bewaffneten Leibwächtern und von Chomeinis Revolutionsgarden unterstützt, machten die Reichen Jagd auf die Armen. Trotz mehrmaliger Schlichtungsverhandlungen mit Chomeini-Abgesandten und Vertretern der Teheraner Regierung sehen sich die Kurden einmal mehr getäuscht, immer zahlreicher greifen sie zu den Waffen. Denn trotz taktischer Zugeständnisse -- so wurde als Gouverneur für die Provinz Kurdistan der Kurde Ibrahim Junessi eingesetzt -- sehen die Bergstämme ihre Rechte in dem jüngst veröffentlichten Verfassungs-Entwurf nicht ausreichend gesichert.

Gouverneur Junessi trat vorigen Donnerstag aus Protest zurück und warf der Zentralregierung vor, sie beantworte die Forderungen der Kurden »nur mit immer mehr Soldaten«.

Autorisierter Sprecher ist nicht mehr allein die DPK, sondern der kurdische Geistliche aus Mahabad, Scheich Iss el-Din Husseini. Der Feuerkopf aus der Moschee hat auch die von Chomeini enttäuschten Linken als Verbündete gewonnen. Ihre Maximalforderung: die kurdische Autonomie.

Genau das aber will der Ajatollah verhindern, denn ein solcher Präzedenzfall würde bei den zahlreichen Minderheiten -- Arabern, Belutschen oder Turkmenen -- im Iran eine gefährliche Kettenreaktion auslösen.

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