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STUDENTEN Lage gewürdigt

Ein Gerichtsbeschluß ermöglichte 118 Medizinstudenten den Besuch der Tübinger Universität. Nun, nach bereits begonnenem Studium, erkannte dasselbe Gericht den 118 dieses Recht wieder ab.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Medizinstudent Josef Eisele von der Tübinger Eberhard-Karls-Universität hat keinen Zweifel, welche Therapie vonnöten ist: »Die drei Leichen müssen aus dem Keller »hoch.«

Denn die Behandlung der Verblichenen, die weiter im Tiefgeschoß der Tübinger Anatomie lagern, wird mitentscheiden über die Zukunft von 118 angehenden Ärzten. Zu klären ist, ob die Toten schon jetzt ihren wissenschaftlichen Zweck erfüllen sollen und damit den Jungmedizinern die Fortsetzung ihrer Studien ermöglicht wird -- was ihnen vorerst durch Gerichtsbeschluß verwehrt ist.

Durch Gerichtsbeschluß war den 118 der Hochschulbesuch einst erst gestattet worden, nachdem die Universität die Bewerber wegen Überfüllung im Fachbereich Medizin abgewiesen hatte. Das Verwaltungsgericht Sigmaringen verhalf ihnen per einstweiliger Anordnung nachträglich zu einem Studienplatz mit der Begründung, daß »hinsichtlich des ersten medizinischen Semesters kein zu Zulassungsbeschränkungen ... berechtigender Engpaß besteht«.

Freilich: Schon die einstweiligen Anordnungen, die den Arzt-Anwärtern den Weg in die Hör- und Übungssäle freimachten, hatten auf »das Risiko« verwiesen, diese »Zulassung u. U. wieder zu verlieren« -- dann nämlich, wenn sich »für die folgenden Semester Ausbildungsengpässe ergeben sollten«. Der ehemalige Tübinger Rektor Ludwig Raiser zu dem Urteil: »Es ist ein Unfug, Studenten am Anfang zuzulassen, wenn man genau weiß, daß sie nachher nicht weiterstudieren können.«

So kam es. Jüngst befand dieselbe Kammer des Verwaltungsgerichts Sigmaringen, daß die Tübinger Universität die Ausbildungsengpässe im zweiten und dritten Semester -- vor allem in den Präparierkursen -- hinreichend nachgewiesen habe, die vorläufige Zulassung der Studenten mithin zu widerrufen sei.

Die 118 Betroffenen -- die teils ein, teils zwei Semester absolviert haben -- erhielten zwar Trostworte von der Hochschulverwaltung: Man habe Verständnis für »die unangenehme Lage der Studierenden, die ein Studium abbrechen oder aussetzen müssen«, auch werde die Lage »voll gewürdigt und mit allen menschlichen Problemen ... verstanden«.

Gleichwohl beeilte sich das Rektorat, sie brieflich aufzufordern, sich ein anderes -- »nicht zulassungsbeschränktes« -- Fach zu wählen oder die Universität Tübingen zu verlassen. Begründung: Der Fachbereich theoretische Medizin habe erklärt, »er sei außerstande, für diese Gruppe ein ordnungsgemäßes Studium zu gewährleisten«.

Den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung zweifeln jedoch nicht nur die 118 in Tübingen als »Sigmaringer« titulierten Jungmediziner und ihre Kommilitonen an. Vor Jahresfrist beispielsweise traf eine Arbeitsgruppe des Hochschul-Informations-Systems (HIS) zu Recht die »verblüffende Feststellung«, daß sich in der Tübinger Anatomie, wo die ärgsten Engpässe sein sollen, »bei vermehrten Personalstellen das Angebot an Veranstaltungen eher verringert hat«. Und insgesamt mochten die uS-Leute »den medizinischen Instituten den Vorwurf nicht ersparen, daß sie offensichtlich kein Interesse daran haben, in vermehrtem Umfang Mediziner auszubilden«.

Wohl trifft sich dieses Desinteresse derzeit mit den Planungen von Bund und Land, die -- nach einer Erklärung des Tübinger Rektorats -- »nicht darauf gerichtet« sind, »neue medizinische Studienplätze zu schaffen«. Doch der bildungspolitische Sprecher der Stuttgarter SPD-Landtagsfraktion, Gerhard Noller, wendet ein: »Der Ärztemangel auf dem Land spricht dagegen. Und auch in den Städten haben wir nicht gerade Überfluß.« Über einen Dringlichkeitsantrag im Landtag will Noller den ausgesperrten Medizinern das Weiterstudium in Tübingen ermöglichen.

An der ehrwürdigen Bildungsstätte wird -- nachdem in einer Urabstimmung ein gutes Drittel aller Kommilitonen für Kampfmaßnahmen votiert hatte -- seit Donnerstag letzter Woche gestreikt: für die 118 abgewiesenen »Sigmaringer« im besonderen und gegen den Numerus clausus im allgemeinen.

Unterstützung bekamen die Studenten auch von unerwarteter Seite. Dr. Bernhard Degenhard, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, befand, daß die Mehrzahl der vom vorzeitigen Ende ihrer Ausbildung bedrohten Zweitsemester ohne Schwierigkeiten weiterstudieren könne. Und den 45 Leidensgefährten im dritten Semester sei schon geholfen, wenn nur die drei zusätzlichen Leichen aus dem Keller des anatomischen Instituts geholt würden. Degenhard zum Verhalten der Universität: »Verrat an der ärztlichen Sache«.

Dr. Klaus Mayer, Dekan des Fachbereichs klinische Medizin in Tübingen. sieht freilich unsachliche Motive für das Engagement des Ärzte-Präsidenten: »Von den 118 Sigmaringern sind 39 Arztsöhne.«

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