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FILM Land-Art

Die neue Dialekt-Sehnsucht bringt neue Heimatfilme hervor. Der junge Bayer Jörg Graser hat damit Erfolg.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 16/1981

Jörg Graser, das ist der Mensch mit dem kuriosen Filmtitel »Der Mond ist nur a nackerte Kugel": Einer, der das in den Kinos durchkriegen will, sogar nördlich des Mains, denkt man, muß den bajuwarischen Querschädel eines Achternbusch haben und die Provinzbesessenheit eines Josef Rödl.

Doch so ist dieser Graser überhaupt nicht. Er will nicht durch die Wand, es gibt schließlich Türen. Er hat sich das mit dem Titel, wie alles, sehr wohl überlegt -- und daß die Rechnung aufgehen kann, dafür ist die Geschichte, die sein erster Spielfilm erzählt, eigentümlich und kräftig genug.

Um den knorrigen Einödbauern Moser geht es da, dessen Greisenhaß auf die moderne Zeit sich zu religiösen Wahnvorstellungen verdüstert, und um die bei ihm als Waise herangewachsene Anni, die er von der Welt absperrt und mit seinen apokalyptischen Phantastereien umspinnt. Zwischen Geflügel und S.232 Schweinen träumt sie von einer schöneren Welt auf dem Mond.

Da naht sich als Märchenprinz der dicke, dumpfe Lieferwagenfahrer Vitus, der sie in die große Welt einer Dorf-Diskothek entführt, verführt und heiratet: Fortan arbeitet Anni tags in der Wurstfabrik, sitzt abends bei Bier vor dem Fernseher und weiß, daß der Mond nur a nackerte Kugel ist.

Ein kleines Gleichnis also von der verletzlichen Schönheit der Illusionen und der schlichten Beschissenheit der Realität. Was daran bewegend ist, macht die scheue Innigkeit, die großäugige Kümmernis, mit der Elisabeth Stepanek diese Anni spielt, und die holzschnitthafte Monumentalität von Sigfrit Steiner als Moserbauer. Was aber daran verlogen erscheint, kommt von dem übereifrigen Kunst-Bayrisch, das sich in dem Film breitmacht: eine der Fleisser und dem Horvath abgeguckte Umstandskrämerei, die sich in kabarettnah volksmundigen Sentenzen gefällt.

Das macht: Graser versteht sich, auch wenn er Regie führt, als Schriftsteller im Medium Film; den Dialektdramatikern Kroetz und Turrini verwandt, die bei ihm wiederum als Schauspieler mittun. Er kann mit Menschen umgehen, Menschen machen, und ist doch im Grunde in seine Sätze verliebter als in seine Figuren.

Von zwei verzweifelt verrückten Aufschneidern, die ein verlottertes Landgasthaus als Strip-Schuppen für Bauernlackel flottmachen wollen, erzählt der Film »Trokadero«, den Klaus Emmerich nach einem Drehbuch von Graser inszeniert hat. Das läßt sich urig an, stolpert aber bald tief und tiefer in Witzeleien, und lebt am Ende nur noch vom überwältigenden Strizzi-Charme des Wiener Liedermachers Ludwig Hirsch, der die Hauptrolle spielt, einen anderen Theo gegen ein kleineres Restchen Welt.

Dennoch, dieser Graser, 29, ist, was man in Bayern einen begabten Hund nennt. Eigentlich wollte er Fernsehjournalist werden, hat deshalb Politologie studiert, eine Magisterarbeit über Planungspraxis und Komplexitätsbewältigung geschrieben und sich gleichzeitig an der Münchner Filmhochschule als Dokumentarist ausbilden lassen -- dabei ist er ans Schreiben und Filmen gekommen, und nun bleibt er am Ball: Er erzählt versponnen melancholische Geschichten von Verlierern -doch er selbst hat die sanfte Gelassenheit des geborenen Siegers.

Im letzten Frühjahr, während er selbst noch in Wien fürs ZDF an seinem ersten Fernsehfilm »Der Irrenwärter« arbeitete, begann in Bayern Emmerich schon »Trokadero« zu drehen; und im Spätsommer, während Graser »Der Mond ist nur a nackerte Kugel« inszenierte, kam in Düsseldorf und Bonn (etwas später auch in Wien) sein erstes Theaterstück »Witwenverbrennung« auf die Bühne. Jetzt, wo im selben Monat beide Filme in den Kinos starten, steckt er schon in einem neuen Stück und in einem neuen Film, dessen Titel »Die bucklige Braut« wieder sehr wohlüberlegt aussieht.

Kunstfertigkeit kann beängstigend wirken, und im »Irrenwärter« (und dessen Bühnenversion »Witwenverbrennung") bringt es Graser so weit: Für diese monströse Ehe-Parabel hat er sich mimikryhaft die weiche Gemütlichkeit des Wiener Dialekts angeeignet, der spätestens seit Qualtinger als Medium besonderer Niedertracht wohl etabliert ist.

Bei Grasers neuem Herrn Karl handelt es sich um einen Irrenwärter, der sich, wegen Übereifer entlassen, nun eine Frau nimmt, die er daheim nach allen Regeln der Kunst mit Spritzen traktieren, ans Bett fixieren und terrorisieren kann, bis sie zweifelsfrei irrenhausreif ist -- Qual-Stück und Kunst-Stück: stets auf der Kippe, das Elend seiner Figuren an einen makabren Witz zu verraten.

Nichts davon, so scheint es lang, gefährdet die leise, abweisende Hintersinnigkeit von »Der Mond ist nur a nackerte Kugel«. Doch dann, unvermutet, bricht Graser aus und weidet sich breit an Gamsbart-Folklore und Bierzelt-Gefasel eines dörflichen Schützenfests -- und wenn endlich auch noch mit einem Böllerschuß ein (natürlich besetztes) Scheißhäuserl gesprengt wird, geht im Gelächter ein Stück von Grasers poetischer Glaubwürdigkeit mit zu Bruch.

Sein schönes Bayernland ist eben doch nicht Fluch, nicht Schicksal, sondern Sehnsuchts-Heimat, Kunst-Provinz, und deshalb ist das Volk dort manchmal arg tümlich.

Urs Jenny

S.229Mit Elisabeth Stepanek, Sigfrit Steiner.*

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