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Norwegen Land des Lächelns

Verblüffende Gesetzgebung auf einer Felseninsel: Schlechte Laune ist verboten, und auch das Wetter wurde in die Pflicht genommen.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Das Dasein auf der Insel Sotra scheint entbehrungsreich und freudlos. Die Menschen leben vom Fisch, das felsige Eiland selbst gibt nicht viel her. Wer - zumal in den langen Winternächten - Zerstreuung sucht, muß aufs Festland, ins 30 Kilometer entfernte Bergen. Aber die 5000 Einwohner, welche die Insel am Nordrand Europas bevölkern, lassen den Mut nicht sinken.

Vor dem Rathaus der Inselhauptstadt Sund steht ein großes gelbes Plakat, auf dem ein Strichmännchen jauchzend die Arme gen Himmel streckt: »Ha en god dag« (Laß dir den Tag nicht vermiesen) lautet der Text.

In Sund macht man Ernst mit der guten Laune. Die politische Vertretung der zur »Freikommune« erklärten und dadurch mit begrenzter legislativer Kompetenz ausgestatteten norwegischen Insel faßte nun einstimmig einen Beschluß, der auch in Norwegen, dem Land der verschrobenen Spökenkieker, ohne Beispiel sein dürfte.

Seit dem 1. April ist es den Inselbewohnern untersagt, schlechte Stimmung zu verbreiten. Ausgenommen von dem Gute-Laune-Erlaß sind lediglich Menschen, die unter Liebeskummer leiden, und auch Galgenhumor gilt nicht.

Urheber des Humor-Dekrets ist Bürgermeister Arne Olav Nilsen, 50: »Es hat gerade in letzter Zeit so viele ernste internationale Ereignisse gegeben. Nun drängt es die Menschen nach befreiendem Gelächter«, sagt der Sozialdemokrat.

Daß solch ein Gesetz die Autorität der kommunalen Mandatsträger untergraben könnte, hält Nilsen für abwegig: »Wir Politiker sollten uns nicht immer als langweilige, verdrießliche Wesen darstellen.« Als ehemaliger Lehrer wisse er, daß man mit Humor bei seinen Schülern größten Respekt genieße.

Die frohe Botschaft aus dem nordischen Land des Lächelns hat weltweit Aufsehen erregt. Im Rathaus von Sund steht das Telefon des Bürgermeisters nicht mehr still. Rundfunkstationen aus dem fernen Sydney und Las Vegas haben angerufen, und der amerikanische Nachrichtensender CNN schaltete live zu »Happy Nilsen«.

Nur im eigenen Land gilt der Prophet mal wieder wenig. Längst nicht alle Bürger der Gemeinde Sotra sind von dem Frohsinnsdiktat angetan. Eine vergrätzte Sunderin geißelte im Lokalradio die »amerikanischen Zustände« auf der Felsen-Insel: »Man kann nicht einfach über alle Probleme hinweggrienen«, schalt die Frau. »Vergeßt nicht, daß Politik Blut, Schweiß und Tränen bedeutet.«

Auch Bürgermeister Nilsens politischer Gegenspieler, der Konservative Reider Steinsland, meldete sich - im September sind Kommunalwahlen - kritisch zu Wort: »Das Humor-Gesetz ist lustig, aber wir dürfen in Sund nicht nur grinsen. Es muß auch Zeit für eine politische Erneuerung im Rathaus sein.«

Aller Opposition zum Trotz scheint die Frohsinnsverordnung nicht chancenlos, zumal Sund bereits über gute Erfahrungen mit der Durchsetzung unorthodoxer Beschlüsse verfügt. Zu Beginn des vergangenen Jahres - es hatte zwei Monate lang fast ununterbrochen gegossen - stellte das Inselparlament dem Himmel ein Ultimatum: Mit dem Regen, so entschied der Gemeinderat einmütig, müsse unverzüglich Schluß sein.

Nachdem das Gut-Wetter-Votum dem Bezirksamtmann zur Genehmigung vorgelegt worden war, konnte die Verfügung rechtzeitig zum Frühjahr wirksam werden.

»Und«, so schwärmte ein Kommunalbeamter, »wir hatten im vorigen Jahr den schönsten Sommer seit langem.«

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