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Artikel 72 / 84

Briefe

LANDESVERTEIDIGER
aus DER SPIEGEL 42/1966

LANDESVERTEIDIGER

Seit »Autor« Elon diesseits und jenseits der Zonengrenze verweilte, um den vom SPIEGEL abgedruckten, wahrhaft beglückenden Unsinn zu erspähen, je nun, seitdem leben wir tatsächlich in einem »heimgesuchten Land«.

Köln KLAUS WILDE

Der SPIEGEL ist wirklich ein dürftiges Magazin, wenn er ein so oberflächliches, pseudowissenschaftliches, kümmerliches, grotesk-dummes, überhebliches, sachlich meist total falsches Pamphlet wie das originelle Geschreibsel von Herrn Amos Elon für wert hält zu veröffentlichen.

Karlsruhe GERT LANG-LENDORFF

cand.-ing.

Wer wie ich zu einer Generation gehört, die mit den Geschehnissen des Dritten Reichs nichts zu tun hat und vielleicht die Entwicklung des Staates Israel mit Respekt betrachtete, fragt sich heute, wie lange man es in der Bundesrepublik noch für opportun hält, die Israelis finanziell und politisch zu unterstützen, während diese zur gleichen Zeit nichts Besseres zu tun wissen, als uns offiziell wie inoffiziell wohlgezielte Fußtritte zu versetzen., Man sollte es allmählich leid sein, sich ewig vor Leuten ohne Charakter zu entschuldigen, daß man überhaupt geboren ist. Ohne Charakter deshalb, weil es diese Leute fertigbringen, mit der einen Hand zu nehmen und mit der anderen Hand den Geber zu schlagen!

Heidelberg VOLKER SCHAFFHAUSER

stud. phil.

Wenn Herr Theologie-Professor Thielicke ein Nationalbewußtsein braucht, um »sterben zu können«, dann darf er sich für den Hausgebrauch dergleichen

mischen. Die Entscheidung, ob er nun im stillen Kämmerlein das Deutschlandlied singen möchte, auch die erste Strophe, oder ob er es vorzieht zu beten, überlasse ich ebenfalls Herrn Thielicke selbst. Wenn Herr Thielicke Wert auf ein mit Blut geweihtes Fahnentuch legt, ist das seine Sache.

Ob Herr Thielicke wohl einmal Gelegenheit haben wird, mit einer blutgeweihten Fahne, die erste Strophe des Deutschlandliedes singend, für seinen nationalistischen Schrebergarten zu kämpfen? Das wird ihn sicher glücklich machen.

Koblenz FRIEDRICH MICHEL

Ohne auf die veralbernden Karikaturen einzugehen, die Herr Elon vom Umgang deutscher Professoren mit ihren Studenten und Assistenten entwirft, darf ich mich auf die Wiedergabe seiner angeblichen Erlebnisse mit mir beschränken. Denn hier verfüge ich über die Kontrolle des Augenzeugen.

Natürlich hat meine Sekretärin noch niemals Sprechstundenbesucher draußen »stehend warten« lassen. Sie bekommen ausnahmslos Sitzgelegenheiten im Vorzimmer angewiesen oder werden in eine Sesselecke eingeladen. Das entspricht nicht nur meiner Anweisung, sondern auch den Manieren, über die die Sekretärin kraft ihrer Kinderstube verfügt. In den zwölf Jahren meiner

Hamburger Tätigkeit hat mich denn auch nie ein Vorwurf dieser Art erreicht. Oder sollte es nur an der servilen Schüchternheit gegenüber einem Professor gelegen haben, daß außer dem mannhaften Israeli kein anderer Besucher den Mund aufzutun wagte? (Ich beginne wirklich Skrupel zu kriegen!) Und was »die großen Männer« anbelangt, zu deren Gepflogenheiten ein derart rüder Umgang mit ihren Besuchern gehöre: Nun, meine Sekretärin erinnert sich nicht, je ein so großes Wort - und dann auch noch »schroff« von sich gegeben zu haben.

Hätte sie es aber doch getan, fände ich es sogar nett - jedenfalls gegenüber einem Besucher, dem man ein gewisses Gespür für . Selbstironie angemerkt hätte. Daß Herr Elon hat warten müssen, wird durch meine Erinnerung bestätigt. Das müssen manche. Ich pflege nämlich die Studenten (jene Leute also, die angeblich vor Subalternität vergehen und nie mit unsereinem in Berührung kommen) nicht hinauszufeuern, wenn draußen ein großes internationales »Tier« auf mich wartet, sondern ich höre sie weiter an und lasse mich nicht aus der Ruhe bringen. Schade, daß Herr Elon seine Wartezeit nicht benutzt hat, um diese Leutchen einmal über ihren Umgang mit deutschen Professoren zu befragen! Ich erinnere mich noch an mehr: daran nämlich, daß ich mich bei Herrn Elon ausgiebig entschuldigt und

ihm den Grund seines Wartens so nett erklärt habe, wie das einer so hochgestochenen und barbarischen Figur wie einem deutschen Professor nur möglich ist. Herrn Elons überströmend freundliche Reaktion darauf und die chevalereske Versicherung seines vollen Verständnisses müssen eine gigantische Heuchelei gewesen sein, wie ich nunmehr seinem Bericht entnehme.

Was er dann über meine mystisch orgelnden Äußerungen zum Nationalgefühl sagt, will ich gar nicht erst explizit dementieren: Es ist zu kindisch. Meinen Publikationen zu dieser Frage kann jeder Interessierte den Nonsens dieses »Referates« entnehmen.

Übrigens: Was die »Magnifizenz« und die »dritte Person« der Anrede anbelangt, die Herrn Elon als Symptom des deutschen Untertanengeistes aufgefallen sind, so erinnere ich mich nur an einen Fall dieser Art. Ein süddeutscher Reitlehrer rief mir einmal zu: »Wollen Magnifizenz das Gesäß bitte ein wenig nach vorne nehmen!« Vielleicht fühlt sich Herr Elon durch seine Humorlosigkeit animiert, diese weitere Bestätigung seiner Diagnose in die zweite Auflage aufzunehmen.

Um festzustellen, ob ein Wein gut oder sauer ist, braucht man nicht ein ganzes Faß auszuleeren. Dieser eine Schluck genügt mir, um zu wissen, welches Zeug hier verzapft wird. Man muß wahrscheinlich von Israel kommen, um für so etwas in Deutschland einen Verleger-Schankwirt zu bekommen. Ich rühre damit ein Tabu an, ich weiß. Doch dürfen wir es nicht immer nur schweigend in uns hineinfressen, wenn uns Hochfahrendes und Entstellendes aus dieser Ecke erreicht. Sonst könnte es zu Neurosen kommen, die sich eines; Tages in einem neuen Antisemitismus entladen. Gerade weil wir es nicht dahin kommen lassen wollen, darf der Israeli-Status dieses Autors kein Grund sein, seine Ungenauigkeiten, seine Entstellungen und seinen- (menschlich vielleicht verständlichen) Haß widerspruchslos hinzunehmen.

Hamburg

PROF. D. DR. HELMUT THIELICKE, D.D.

Es ist auch ein Kennzeichen unserer konformistischen Gesellschaft, daß Outsider mit einer nicht von Zustimmung, sondern einfach von Anteilnahme bestimmten Bekundung persönlicher Verbundenheit rechnen dürfen. Nationalgefühl, Blut und Fahne haben in der evangelischen Universitätstheologie von heute einen solchen - Seltenheitswert, daß Thielicke, aller Absonderlichkeit seiner Stellungnahmen zum Trotz, sich des Zudrangs derer, die dem Outsider die Hand schütteln möchten, kaum erwehren kann. Auf eine einzige seiner nationalen Reden bekam er über tausend Zuschriften.

Bremen GERHARD SCHMOLZE

Pastor

Schade, daß ein Aufsatz, dessen Grundtendenz man bejahen könnte, gleich zu Anfang sich entwertet durch eine naive und nicht von Sachkenntnis getrübte Betrachtung des Schulwesens in beiden

Teilen Deutschlands. Der Gipfel ist die als »erfahrungsgemäß« hingeschlenkerte Behauptung, daß aus der »primitiven Atmosphäre« der einklassigen Dorfschule besonders viele KZ-Sadisten hervorgegangen seien. - Die einklassige Schule soll hier für die Gegenwart nicht verteidigt werden - sie kann schwerlich noch die gesteigerten Anforderungen, die jetzt an das deutsche Schulwesen gestellt werden, erfüllen. Die Behauptung des Herrn Elon bezieht sich jedoch auf eine mindestens 40 Jahre zurückliegende Vergangenheit, von welcher er kaum einen persönlichen Eindruck haben kann. Und Statistiken, in denen die KZ-Sadisten erfaßt sind nach der »Klassigkeit« der Schulen, aus denen sie hervorgegangen sind, wird es kaum geben. Wenn es sie gäbe, dann müßte auch eine aufgestellt werden über die Widerstandskämpfer, die aus der einklassigen Dorfschule hervorgingen.

Kiel JOHANN OHRTMANN

Oberregierungsschulrat a. D.

Just von einem neunmonatigen Studienaufenthalt an einer französischen Universität zurückgekehrt, habe ich ernsthafte Schwierigkeiten, mein durch »Katzbuckeleien« gekrümmtes Rückgrat wieder auf deutsche Studienverhältnisse umzustellen. Nach achtsemestrigem Studium, davon drei Semester im Ausland, wage ich gegen Herrn Elon zu behaupten, daß durch »Untertänigkeit« bedingte Bandscheibenschäden bei deutschen Studenten viel mehr Ausnahmen sind als anderswo. Herr Elon preist zum Beispiel Frankreich als ein gelobtes Land für »persönliche Beziehungen« eines Studenten zu seinen Professoren. Ich für meinen Teil habe beim Ersteigen des Olymp, wo die französischen Professoren thronen, derart den Höhenkoller bekommen, daß ich liebend gerne zu den »kleinen Göttern« unseres »heimgesuchten Landes« zurückgekehrt bin.

Freiburg PETER GÖTZ

stud. phil.

Als ehemaliger Bürger der DDR, als Student und als Angehöriger einer Korporation fühle ich mich von Herrn Elon dreifach unter die Lupe genommen. Vergleichend mit meinen Erfahrungen habe ich den Eindruck, Herr Elon ist durch die DDR gereist und hat sich alles Schlechte über die Bundesrepublik sagen lassen, dann ist er durch Westdeutschland gefahren und hat sich aufgeschrieben, wie schlecht doch die DDR sei.

Karlsruhe WERNER CARL

Amos Elon hält uns Akademiker also für die Minderwertigen und Defekten der deutschen Nation. Demgegenüber wäre festzuhalten: Angesichts der zunehmenden deutsch-jüdischen Verständigung sind wir besseren Deutschen aufgerufen, über die Standortbestimmung dieses Mannes da in seinem Staate zu befinden. Mehr ist allerdings zu dem Thema »Amos Elon, 40,« vom Niveau einer deutschen Universitätsausbildung herab betrachtet, nicht zu sagen.

Würzburg DR. MED. BERNHARD SCHÖNING

Mit Beharrlichkeit werden es die Israelis doch noch dahin bringen, die Generation, die weder etwas gegen die Juden hatte noch ihnen etwas angetan hat, zu Antisemiten zu machen. Langsam wird es nämlich Zeit, daß sich unsere Generation (um Jahrgang 25 herum) diese dauernde Kritik an allem und jedem verbittet und das wird, was man hierorts mit »sauer werden« bezeichnet. War es nun unbedingt nötig, daß der Herr Elon in unqualifiziertester Weise die traditionellen deutschen Korporationen in toto angriff und sich damit die Sympathien von 40 Prozent der jungen deutschen Akademiker verscherzte - eben der Korporierten? Soweit ist es nun doch noch nicht, daß wir uns von den Juden schulmeistern und in unsere traditionellen Dinge dreinreden lassen müssen, die nichts mit den Nazis und deren Verbrechen zu tun haben.

Dortmund DR. MED. DENT. G. LIEBIG

Wir jungen Studenten, insbesondere in den erwähnten nicht politischen Korporationen, kennen das begangene Unrecht, wir haben es eingesehen, und wir wollen es nach besten Kräften gutmachen. Wir streben Verständigung und Versöhnung an. Ein Schreiber wie Sie, Herr Elon, zieht allen guten Willen in den Schmutz und bezeichnet die Korporationen als nazigeschwängerten Seuchenherd. Es könnte einem bei Ihrer Sudelei glatt hochkommen, wenn man nicht wüßte, daß außer Ihnen in Israel noch andere Leute wohnen.

Münster JÜRGEN LINN

Inaktives Mitglied einer

Berliner schlagenden Verbindung

Wenngleich es Herrn Amos Elon gelang, in manchen Punkten seiner Ausführungen den wirklich weniger guten Kern der (west-)deutschen Universitäten zu treffen, so darf doch eine Tatsache nicht unberücksichtigt bleiben: daß nämlich das Korporations(un)wesen an den meisten westdeutschen Universitäten fast überhaupt keine Rolle mehr spielt. So bestätigen sogenannte »Korporierte«, daß sie froh sind, wenn sie pro Semester wenigstens drei bis vier Neuzugänge verzeichnen können und daß ihre Aktivitas aus kaum mehr als zehn bis 20 Mitgliedern besteht (mir bekannte Ausnahme ist die Universität Erlangen, wo die Korporationen einen überaus starken Zulauf haben). Es ist an der Heidelberger Universität keine Seltenheit, daß vor allem zu Semesterbeginn Professoren in Vorlesungen und Seminaren die Studienanfänger vor den Korporationen warnen und sie darüber hinaus noch auf »zeitgemäßere« studentische Gruppen (Humanistische Studentenunion, Sozialdemokratischer Hochschulbund, RCDS und so weiter) verweisen, die heute mehr und mehr das »politische' Leben an einer Universität bestimmen.

z. Z Caen (Frankreich) C. SCHNEIDER

Herr Elon ist zu jung, um Vergleiche zwischen der Universität nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg anstellen zu können. Ich, der ich mein Studium 1919 begonnen habe und im Sommersemester 1966 Gastprofessor in Göttingen war, kann nur erklären, daß

der Eindruck, den die heutige Studentenschaft macht, sich total von dem der zwanziger Jahre unterscheidet. Ich stütze mich dabei auf Beobachtungen nicht nur in Göttingen, sondern auch in Münster, Hamburg, Frankfurt und Köln, die ich während des Semesters zu besuchen Gelegenheit hatte. In keiner dieser Universitäten habe ich farbentragende Verbindungen in Erscheinung treten sehen, die nach Elon »untrennbar zum Bild der westdeutschen Universität« gehören. Ich habe an der Feier der Rektoratsübergabe in Göttingen am 14. Mai teilgenommen und erhielt auf meine erstaunte Frage, wo denn die Chargierten der Verbindungen seien, die Antwort, daß das Farbentragen in der Universität verboten ist. In der Tat konnte man höchstens an Sonnabendnachmittagen oder Sonntagen gelegentlich farbentragende Studenten sehen, meist bei Gelegenheiten von Festen, bei denen die Alten Herren, vielfach von außerhalb gekommen, in der Überzahl waren. Die Bevölkerung dieser typischen Universitätsstadt schenkte den also Verkleideten nicht die geringste Aufmerksamkeit. Dasselbe gilt für die erwähnten anderen Universitätsstädte. Während die Studentenschaften der zwanziger Jahre die Pflanzstätten des extremsten Nationalismus, des Revanchegeistes, der Arbeiterfeindlichkeit (aus ihnen rekrutierte sich vornehmlich die berüchtigte »Technische Nothilfe") und vielfach auch des Antisemitismus waren, die bei Reichsgründungsfeier (18. Januar, anstelle des nicht mehr aktuellen Sedantages am 2. September), Skagerrakfeier und ähnlichen Anlässen für Demonstrationen republikfeindlichen und militaristischen Geistes sorgten, habe ich dieses Jahr fast ausschließlich Studenten gesehen, die einer neuen Zukunft zugewandt sind. Sie sind voller Kritik an der Politik der Bundesregierung hinsichtlich DDR, Oder-Neiße -Grenze und 17. Juni, um nur diese auffallendsten Momente hervorzuheben. Sie wollen lernen, und zwar auch die Geschichte des 12/1000jährigen Reiches, um sich aufgrund wirklich fundierter Tatsachenkenntnis von dem distanzieren zu können, was sie ja nicht miterlebt haben, dessen Folgen sie aber noch zu tragen haben.

Es liegt mir fern, die von Herrn Elon behaupteten Tatsachen (Mensuren in Tübingen und dergleichen) bestreiten zu wollen; aber ihre ausschließliche Hervorhebung dient mehr der Verfälschung als der Darstellung der Wahrheit.

Und nun ein Wort zur Hochschullehrerschaft, die ja das Element darstellt, das nach Elon die Universität zu einer »Hochburg der Restauration« macht. Herr Elon vergißt vor allem, auf eines hinzuweisen: die altersmäßige Zusammensetzung des heutigen Lehrkörpers. Die Verluste, die der Nationalsozialismus den Universitäten durch Tod im Kriege, Tod im KZ und Auswanderung zugefügt hat, haben zur Folge gehabt, daß die ganz Alten und die ganz Jungen das Übergewicht haben, die mittleren Jahrgänge aber weitgehend ausfallen. Der diesjährige Göttinger Rektor ist ein Mann von etwa 40 Jahren. Daß sich unter den Älteren viele befinden, die nicht mehr umlernen können, ist weniger verwunderlich, als daß so viele umgelernt haben oder nicht umzulernen brauchten. Es widerstrebt mir, Namen zu nennen; aber aus Göttingen allein wüßte ich eine lange Liste. Es darf auch nicht übersehen werden, daß eine große Zahl alter Nazis - sicherlich nicht alle - von den Universitäten entfernt worden ist; wenn das Denazifizierungsverfahren der Alliierten nicht so wirklichkeitsfremd gewesen wäre, wären es sicherlich noch mehr. In der jungen Dozentenschaft herrscht, genau wie unter den Studenten, ein anderer Geist.

Jerusalem PROF. M. PLESSNER

Die Beobachtungen des Herrn Elon entsprechen, leider, von A bis Z den Tatsachen - nicht nur hinsichtlich der Korporationen.

Göttingen BERND VOGEL

stud. med.

Wenn es nicht so traurig wäre, sollte man lauthals darüber lachen, daß sich noch immer rund zehn Prozent der bundesdeutschen Studentenschaft mit Wonne und wohligheldischen Rückenschauern die mehr oder minder rosigen Kinderbäckchen verunzieren lassen. Kinderbäckchen insofern, als ich in diesem Mummenschanz mit völkischem Zucker(beziehungsweise Bier-)Guß nichts anderes als leicht verspätete Pubertätserscheinungen sehen kann. Was denn sonst? - Zum Biertrinken dürfte eine schlagende Verbindung nicht unbedingt Voraussetzung sein. Zur Bekämpfung des »inneren Schweinehundes« trägt ein Paukboden soviel bei wie ein Hering zur Kaviarproduktion.

Bremen KLAUS BALZ

stud. theol.

Wer wie ich seit 16 Jahren von Semester zu Semester in den verschiedensten akademischen Verbindungen eingeladen worden ist, legt freiwillig, aber schleunigst jenes dümmliche Vorurteil ab, das so gerne sagen möchte, die Verbindungsstudenten seien samt und sonders arrogante, vom Kastengeist geprägte, grobe, flegelhafte Renegaten. Natürlich versucht auch eine kleine Minderheit der schlagenden Korporationen, sich wie die Herren der Welt aufzuspielen, doch die Mehrzahl dieser Verbindungen lehnt die von Hochmut strotzenden »Schnittmustereliten« strikt ab. Was aber Herr Elon über die verehrliche Corps Borussia zu Tübingen pamphletisiert, ist so haltlos, daß ich vermute, Herr Elon sei seinem eigenen Vorurteil zum Opfer gefallen und noch nie in diesem Hause zu »Gast« gewesen. Schon der Buchstabe »K« im Wort »Corps« für diese akademische Korporation zeugt von einer gewissen Unkenntnis des Herrn Elon. Selbstverständlich- sind die Wörter wie Pauker und Füchse genauso laienhaft gebildet wie der Abschnitt über die akademischen Verbindungen. Es heißt nämlich nicht Pauker, sondern »Paukant«, und Füchse schreibt man von alters her mit »x«. Die Corpsfahne über den blutüberströmten Fechtjacken an den Wänden des Paukbodens ist genauso eine Erfindung des Herrn Elon wie der zum Schuhputzen kommandierte Fux.

Tübingen HERMANN KÖBELE

ZUR VERÖFFENTLICHUNG EINIGER AUSZÜGE AUS DEM ELON-BUCH TEILEN WIR IHNEN DEN WORTLAUT DES TELEGRAMMS VOM 5. SEPTEMBER 1935 MIT, DAS DIE AUFLÖSUNG UNSERES VERBANDES ZUR FOLGE HATTE: »AN DEN FÜHRER DES KÖSENER SC-VERBANDES UND DES VERBANDES ALTER CORPSSTUDENTEN HERRN DR. BLUNK. ICH SCHLIESSE DEN KÖSENER SC-VERBAND AUS DER GEMEINSCHAFT STUDENTISCHER VERBÄNDE AUS, WEIL SEINE FÜHRUNG SICH GEWEIGERT HAT, DIE VON MIR GEWÜNSCHTE RESTLOSE DURCHFÜHRUNG DES ARIERGRUNDSATZES FREIWILLIG ZU VOLLZIEHEN. GEZEICHNET LAMMERSCH (STAATSSEKRETÄR UND FÜHRER DER STUDENTISCHEN VERBÄNDE). EIN EINGEHEN AUF WEITERE DIE KORPORATIONEN BETREFFENDE DETAILS, DIE AMOS ELON BERICHTET, ERÜBRIGT SICH ANGESICHTS DER BEREITS HIERDURCH DEUTLICH WERDENDEN UNZUVERLÄSSIGKEIT UND DEN TATSACHEN WIDERSPRECHENDEN DARSTELLUNGEN DES AUTORS.

Freiburg KÖSENER SC-VERBAND

VERBAND ALTER CORPSSTUDENTEN

Ich bin selbst Mitglied einer schlagenden Verbindung und würde jeden auslachen, der die Mensur als Mittel gegen »Feigheit«, »Faulheit«, »Humanitätsduselei« oder gar »undeutsches Verhalten« definierte. Der sogenannte »innere Schweinehund«, ein Ausdruck, der wohl nur im Deutschen vorkommt, wohnt in jedem Menschen. Das ist eine Binsenweisheit. Deshalb malt Elon auch ein falsches Bild, wenn er meint, schlagende Studenten seien überzeugt, daß in jedem von ihnen ein »innerer Schweinehund« lebe. Der Sinn der Mensur kann nun einmal nicht in zwei oder drei Sätzen erläutert werden.

Köln PETER ZEIDLER

Die Erlangung von »Subsidien aus öffentlichen Mitteln« ist nach der Neuordnung der Bundesjugendplan-Richtlinien im vergangenen Jahr für die Korporationen praktisch unmöglich geworden, da sie nicht gemeinnützig im Sinne des Gesetzes sind.

Protektionismus - Vetterleswirtschaft - ist kein spezifisches Kennzeichen der

Korporationen: Parteien, Minister (Strauß), Kirchen - kurz alle einflußreichen Stellen - stehen hier nicht nach.

Tübingen HANS-HEINER ISELER

Was der Verfasser über das »Patronat« der Alten Herren von sich gibt, zeugt ebenfalls nur von mangelnder Kenntnis: Bei einer durchschnittlichen Anzahl von nur 300 Alten Herren pro Verbindung und bei dem heutigen Konkurrenz,kampf in Industrie und Staatsdienst, mutet es direkt naiv an, die Alten Herren könnten, unfähige Corpsbrüder protegieren. Richtig ist hingegen, daß die Alten Herren ihre jungen in der Ausbildung zu fördern suchen. So befinde ich mich zum Beispiel zur Zeit als Gastmedizinstudent in einer Londoner medical school. Diesen Aufenthalt habe ich meinen »bösen nationalistischen und reaktionären« Altei Herren zu verdanken.

London PETER BIHL cand. med.

Thielicke

Elon

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