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Briefe

LANDESVERTEIDIGUNG
aus DER SPIEGEL 52/1966

LANDESVERTEIDIGUNG

Gestatten Sie mir eine Bemerkung zu dem Auszug aus den Erinnerungen des Generals von Horn. Wenn ich dabei vieles Beschämende, ja Schändliche übergehe, so geschieht das wahrhaftig nicht in der Absicht, die Vergangenheit durch Schweigen zu bewältigen. Doch die Auseinandersetzung über solche Punkte muß von einem Israeli innerhalb Israels geführt werden.

In Ihrem Blatt möchte ich mich nur zu der zutreffenden Bemerkung Herrn von Horns äußern, der Israeli sei geneigt, Objektivitätsstreben als Feindseligkeit und Objektivität als Antisemitismus zu brandmarken. Es handelt sich hier um eine Seite der jüdischen, nicht nur israelischen Mentalität, die durch eine zweitausendjährige Existenz des Volkes im Exil ohne eigenen Staat hervorgerufen wurde. Die Erfahrungen mit den Behörden der Wirtsländer, in denen sich das jüdische Volk oder Teile desselben seit dem Beginn der christlichen Zeitrechnung aufgehalten haben - besonders soweit es sich um christlich regierte Länder handelt, weniger im Kulturkreis des Islam -, haben weitgehend das Gefühl aufkommen lassen, im Staat bestenfalls geduldet zu sein, aber immer vor ihm auf, der Hut sein zu müssen, solange er nicht ausgesprochen judenfreundliches Verhalten an den Tag legt. Dieses Gefühl verstärkte sich besonders im zaristischen Rußland

- aus dem ja die Gründer und leitenden Staatsmänner Israels stammen -, dem Land der behördlicherseits geduldeten oder gar organisierten Pogrome. Die auf diese Weise geschaffene Mentalität beherrscht den Regierungsapparat des ja erst 18 Jahre alten Staates, dessen Häupter viermal so alt sind wie er, noch weitgehend. In meinem »Israel«-Aufsatz des 1965 erschienenen Werkes »Judentum«, herausgegeben von Franz Böhm und Walter Dirks, habe ich auf Seite 831 darauf hingewiesen, »wieviel schwerer es ist, zum Denken in staatspolitischen Kategorien zu gelangen als einen Staat zu gründen; wieviel schwerer, sich von den Gefühlskomplexen des verfolgten Juden der Diaspora wirklich unabhängig zu machen als seine Unabhängigkeit rein staatsrechtlich zu erklären ...«

Diese Exilsmentalität wird von mir und meinen Freunden wo immer möglich bekämpft, aber natürlich mit ungleichem Erfolg.

Jerusalem PROF. M. PLESSNER

Dieser Uno-General schwedischer Staatsangehörigkeit hätte meines Erachtens besser daran getan, bei der Herausgabe seiner Erinnerungen auf Unsachlichkeiten zu verzichten, zum mindesten aber bestrebt zu bleiben, dem nachweisbaren Talent »für billige Romanschreiberei - so schrieb vor wenigen Tagen »Die Welt« - Zügel anzulegen, um nicht Gefahr zu laufen, in der Weltöffentlichkeit als ganz billiger Angeber und Antisemit betrachtet zu werden.

Wie sich Herr von Horn über die Israelis schlechthin äußert, muß ich für meine Person schärfstens verurteilen. Ich kenne das Land Israel und seine Bewohner aus eigener Anschauung sehr gut. Ich habe verheiratete Freunde drüben, vor die ich mich schützend stelle, wenn sich dieser ehrbare Herr General erdreistet, von »dauernden Betrügereien und Irreführungen der Israelis« zu sprechen, oder wenn er gar die Frauen Israels mit Ehebrecherinnen und Huren gleichstellt.

Ich glaube, daß von der Moral wie ich sie in Israel festgestellt habe, mancher europäische Staat etwas lernen könnte. Ganz unerhört finde ich es aber, die Israelis als ein korruptes Volk von Gangstern und Betrügern hinzustellen, ein Volk, das in harter Arbeit einen Staat aufgebaut hat, der sich in der Völkerfamilie sehen lassen kann, wie ich das in meinen Vorträgen über Israel stets ganz bewußt zum Ausdruck zu bringen pflege.

»Das war kein Heldenstück ... Herr General.«

Neustadt (Rheinland-Pfalz)

DR. JUR. MAX ZAHN

Zu Ihren Auszügen aus dem Erinnerungsbuch von General von Horn möchte ich als Israeli gern Stellung nehmen. Ich glaube Herrn von Horn, wenn er erklärt, daß er seinen Posten ohne irgendwelche Vorurteile angetreten hat, ja daß er sogar mit gewissen Sympathien für die Juden nach den schrecklichen Ereignissen der Hitler -Jahre in dieses Land gekommen ist ... General von Horn scheint völlig unvorbereitet gekommen zu sein. Der Israeli ist nicht übermäßig konziliant, ihm fehlt das diplomatische Geschick: weil er im Aufbau dieses Landes viel schwierige Zeiten hinter sich gehabt hat, und das trifft nicht nur auf den einzelnen Bürger dieses Landes zu, sondern auch auf die führenden Persönlichkeiten. Man soll auch nicht verkennen, daß dieses kleine neue Israel als Staat von allen Seiten von feindlichen Nachbarn umgeben ist, wie eine belagerte Festung, die in dem Israeli eine besondere Vorsicht gegenüber dem Fremden erzeugt hat, verstärkt noch durch die Unterdrückung der Juden seit Jahrtausenden, die er in seinen Wirtsvölkern erlitten hat.

Nahariya (Israel) E. HAMBURGER

Zahn*

von Horn

* Bundesarbeitsrichter.

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