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UMWELT Landschaft totgepumpt

Rigoros wird im Bundesgebiet ländliches Grundwasser für städtische Ballungsräume abgezapft. Ökologische Schäden sind schon sichtbar, Experten und Landvolk sagen katastrophale Folgen voraus.
aus DER SPIEGEL 48/1978

Die Fürsten zu Ysenburg und Büdingen fürchten, daß in den Bergen die Laubgehölze eingehen und die Forellenteiche austrocknen, daß im Tal die Brauereibrunnen leerlaufen und die Brennöfen der Keramikwerke absacken -- Gefahr »für unsere Güter«.

Die Bauern aus Mauswinkel und Betzenrod bangen, daß der zweite Schnitt der Wiesen ausfällt und die Saat nur spärlich aufgeht, die Mauern der Gehöfte rissig werden und die Bäche versiegen -- Gefährdung »unserer Existenz«.

Adelige und Landvolk am Vogelsberg sehen sich durch ein Projekt bedroht, das die Wasserversorgung im Großraum Frankfurt sichern soll, sie selbst aber auf dem Trockenen sitzen läßt. Das nach Ansicht amtlicher Bodenforscher überflüssige Grundwasser des hessischen Mittelgebirges soll den Haushalten und Industrieanlagen im Ballungsgebiet am Main zufließen, in einer Menge, wie sie bislang in vergleichbarer Weise noch keiner ländlichen Region im Bundesgebiet abgezapft wird.

Bis zum Jahr 2000, so plant das Land Hessen, werden aus tief angelegten Brunnen im Vogelsberg jährlich etwa 140 Millionen Kubikmeter Wasser gefördert, dreimal soviel wie bisher -- zuviel nach Ansicht privater Gutachter, die den Behörden »fehlerhafte Berechnungen« vorwerfen und »eine erhebliche Beeinflussung der Ökosysteme« erwarten.

Doch wenn auch in dem Basaltgebirge einiges verdorren sollte: Landespolitiker haben Prioritäten gesetzt. Wassergewinnung habe, das wollen sie jetzt in den regionalen Raumordnungsplan schreiben, »in der Regel Vorrang gegenüber anderen Nutzungsansprüchen«.

Und Ministerpräsident Holger Börner ist bemüht, aufgebrachte Bauern am Vogelsberg zu überzeugen. »Wenn ihr Kartoffeln nach Frankfurt verkaufen wollt«, argumentiert der Landesvater, »dann müßt ihr auch das Wasser mitliefern, damit sie dort gekocht werden können.« Nur, korrigierte Landwirt Karl Lissmann, Vorsitzender der »Interessengemeinschaft zum Schutz des Wasserhaushalts im Vogelsberg«, den schlecht informierten Ministerpräsidenten, »liefern wir ja gar keine Kartoffeln nach Frankfurt«.

Zweifelhafte Bodenuntersuchungen und unzulängliche Strukturerkenntnisse der Politiker führten dazu, daß nun Fürsten rüsten und Bauern Aufstand machen. Müller Heinrich Muth aus Freiensteinau, dessen Mühlbach nach einem Pumpversuch des »Wasserverbandes Kinzig« versiegte, will sich »nicht das Fell über die Ohren ziehen lassen« und hat schon seine »Vorstellungen, wenn es ernst wird«.

Vorerst kämpfen die Landleute gegen das letzte Stück einer Pipeline, die allein aus dem südlichen Vogelsberg mehr als 100 000 Kubikmeter Trinkwasser täglich pumpen könnte. Sie dulden nicht, daß Rohre in ihren Grund verlegt werden, und sie wollen, warnt Müller Muth, »mit Gewalt reagieren, wenn die mit Gewalt kommen«.

Die Fürsten bemühen Sachverständige und Rechtsanwälte, die vor den Verwaltungsgerichten ihre Forderungen durchdrücken sollen, schon die Pumpversuche zu untersagen. Denn probeweise, vorerst auf fünf Jahre befristet, strömen bereits 15 000 Kubikmeter Wasser täglich durch die neue Leitung in Richtung Frankfurt. Schon dadurch seien einige »tragende Säulen« der Erwerbswirtschaft in den ausgebeuteten Gebieten in Gefahr, begründet der Frankfurter Rechtsanwalt Peter Forster den Verbotsantrag.

Zudem sei das Experiment, glaubt Forster, »von Anfang an ein offensichtliches Täuschungsmanöver«. Denn niemand »wird so naiv sein, anzunehmen, daß dieser »Pumpversuch' jemals abgebrochen wird, wenn er erst einmal in Gang gekommen ist«.

Mit dem Streit um das Vogelsberger Wasser nimmt eine Entwicklung ihren Lauf, die von Hessen aus Wirkung auch für andere Regionen haben könnte. Um den ständig steigenden Wasserhaushalt in den Ballungszentren decken zu können, holen sich manche Versorgungswerke das begehrte Allgemeingut gerne aus den unterirdischen Reservoiren umliegender Landstriche -ein Verfahren, das billiger ist, als schmutziges Flußwasser aufzubereiten oder den Niederschlag in Talsperren zu stauen.

Dabei ist der Weg, das Oberflächenwasser zu nutzen, durchaus gangbar. Ballungsgebiete in Baden-Württemberg beispielsweise versorgen sich aus dem Bodensee. Und für die Reviere an Rhein und Ruhr wurden Rückhaltebecken in den nahe gelegenen Mittelgebirgen gebaut, die sich nach Schneeschmelze und Regenfluten füllen.

Dort, wo es ans Grundwasser geht, wird der Widerstand immer heftiger. Wie im Hessischen setzen sich beispielsweise auch die Bewohner im oberbayrischen Loisachtal zur Wehr, aus dessen Untergrund künftig bis zu 2500 Liter pro Sekunde nach München fließen sollen.

Nahezu zwei Jahrzehnte lang bekriegten sich Gemeindevertreter und Wasserförderer, ehe Anfang dieses Jahres der erste Pumpversuch gestartet werden konnte. Jetzt beäugen sich im Werdenfelser Land die Bauern und die Bohrer mit Argwohn. Beim Probelauf auftretende Naturschäden würden von den Ämtern »vertuscht«, so der Vorwurf der Einheimischen. Die Brunnenunternehmer lassen die Pumpwerke mit Schäferhunden bewachen, nachdem Bauhütten in Flammen aufgegangen waren.

Daß Wasserentnahmen im Übermaß eine fruchtbare Landschaft zur Steppe machen können, bekamen die Bauern im Südhessischen Ried schon zu spüren. Diese Region in der Rheinebene wurde zur Versorgung der Großräume Frankfurt und Wiesbaden, nach fehlerhafter amtlicher Begutachtung, so ausgiebig angezapft, daß sich der Grundwasserspiegel um bis zu acht Meter senkte.

Die Schäden gingen in die Millionen. Wälder starben, Ackerland verkarstete, und Gemäuer riß bis zur Einsturzgefahr. Noch immer streiten Gemeinden mit den Wasserbehörden um die Schadensregulierung. Eine Beregnungsanlage, die mit Rheinwasser gespeist wird (Kosten: 120 Millionen Mark), soll die Felder wieder feucht machen.

Auch in dem Städtchen Nidda am Fuß des Vogelsberges, in dessen Umgebung die »Oberhessischen Versorgungsbetriebe AG« (Ovag) aus drei Brunnen für Frankfurt schöpfen, sank der Grundwasserspiegel um acht Meter. Fritz Niemann von der »Interessengemeinschaft zum Schutz des Wasserhaushalts im Niddatal« befürchtet: »Auch hier wird die gesamte Landschaft totgepumpt.«

Zumindest sind schon einige Gebäude ins Wanken geraten. Risse durchziehen Stuckdecke und Wand der alten Stadtkirche, das neue Hallenbad sackte ab (Schaden: 760 000 Mark). Ein Gutachten soll nun klären, in welchem Maße die Entnahmen der Ovag den Fundamenten den Halt entzogen haben.

Auch wenn Häuser wackeln -- an ihrem Vorhaben, rundum Grundwasser anzubohren, lassen die Wasserbehörden und Versorgungswerke nicht rütteln. »Alles andere«, lehnt Diplomingenieur Werner Jung vom Wasserverband Kinzig Alternativen ab, »ist viel zu teuer.« Nun gehen der hessischen Spezialität, hei der Wassergewinnung in die Tiefe zu gehen, auswärtige Sachverständige auf den Grund.

Die »Agrar- und Hydrotechnik GmbH« in Essen nahm sich im Auftrag der Fürsten von Ysenburg und Büdingen die Berechnungen der Wasserbehörden für den Vogelsberg vor und kam zu abweichenden Ergebnissen. Die Ämter hätten, so die Studie, »eine ca. 20 Prozent zu hohe Grundwasserbildung« zugrunde gelegt.

Bei der Verwirklichung des Großprojekts müsse damit gerechnet werden, daß im Naturpark des oberen Vogelsberger und anderen Gebieten »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Bäche, Rinnsale, Quellen und sonstige Oberflächenwasser trockenfallen werden«. Zu erwarten sei auch, so die Vorhersage der Essener Hydrotechniker, »eine erhebliche Beeinflussung von Feuchtbiotopen durch Wasserentzug und der damit zusammenhängenden Ökosysteme«.

Noch einleuchtender wird den Bauern der Protest gegen den Abbau ihres Wassers, wenn ihnen die Nutzung in Frankfurt zu Ohren kommt. Dort wird mit Vogelsberger Trinkwasser die Kanalisation gereinigt und, das erkundete Landwirt Lissmann, »im Schlachthof die Scheiße unserer Kühe weggespült«.

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