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ZEITGESCHICHTE Landser vor Leichenbergen

Grobe handwerkliche Mängel rügt eine Historiker-Kommission an der umstrittenen »Wehrmachtsausstellung«. Nach grundlegender Überarbeitung soll sie wieder auf Wanderschaft gehen.
aus DER SPIEGEL 46/2000

Bogdan Musial und Krisztián Ungváry waren mit ihren Auftritten im Ecksalon des Hessischen Hofs in Frankfurt zufrieden. Fast jeweils einen ganzen Tag lang brachten die beiden Junghistoriker im letzten Winter ihre Kritik an der Wehrmachtsausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944« des Hamburger Instituts für Sozialforschung gebündelt vor. Sie projizierten Fotos an die Wand, legten Dokumente zum Beleg ihrer Auffassungen vor und wiesen auf Fehler an den Schautafeln und in den Erklärtexten hin. Es war sogar von »Manipulation« und »Fälschung« die Rede.

Aufmerksam hörten ihnen die Professoren und Dozenten zu - angesehene Wissenschaftler, die eine Kommission mit dem Auftrag bilden, die Schwächen der Schau akribisch herauszufinden und Vorschläge zur Korrektur zu unterbreiten.

Vom Urteil der insgesamt acht Experten hängt ab, was aus der umstrittensten historischen Ausstellung der neunziger Jahre wird. Rund 900 000 Menschen in 33 Städten haben sie seit dem Beginn im Jahr 1995 gesehen. Sie haben ihr entweder begeistert zugestimmt oder sie heftig abgelehnt - denn kalt ließ die Bilderschau so gut wie niemanden. Auf Grund der vielfältigen Kritik an falsch zugeordneten Fotos und problematischen Texten zog das Hamburger Institut die Schau im November letzten Jahres zurück.

Die Fotos lachender Landser vor Leichenbergen sollten nach dem Wunsch der Ausstellungsmacher gemeinsam mit langen Textdokumenten aus Wehrmachtsbefehlen oder Feldpostbriefen belegen, dass die deutsche Wehrmacht an Hitlers Vernichtungskrieg in Ost- und Südosteuropa gegen Juden, Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung »als Gesamtorganisation« aktiv beteiligt war - eben doch eine verbrecherische Organisation, auch wenn die Alliierten in den Nürnberger Prozessen dieses Urteil nicht gefällt hatten.

Als die Schau begann, war das Institut für Sozialforschung praktisch nur bei Insidern eine Größe. Die dort versammelten Wissenschaftler galten innerhalb der akademischen Zunft als - linke - Außenseiter. Allerdings hielten sich die an den Universitäten lehrenden Koryphäen mit einem Urteil über die Schau zurück, als die sich schon zum Politikum entwickelt hatte.

In Schwierigkeiten geriet die Ausstellung, als Anfang 1999 Recherchen des deutschpolnischen Historikers Musial belegten, dass einige der Fotos nicht Opfer der Deutschen, sondern der sowjetischen Geheimpolizei NKWD zeigten (SPIEGEL 4/1999). Sein ungarischer Kollege Ungváry sprang Musial bei und behauptete, dass lediglich zehn Prozent aller Fotos Verbrechen der Wehrmacht im juristischen Sinne »beweisen« könnten. Die Wehrmachtsausstellung - doch eine Übertreibung, eine Farce gar?

Jan Philipp Reemtsma, der Gründer, Finanzier und Leiter des Instituts, beschloss, »die Kritiker zu überholen«, und zog die Schau, die er gegen ihre Verächter mit allem Nachdruck verteidigt hatte, aus dem Verkehr. Er stellte eine Kommission angesehener Historiker aus der Bundesrepublik und den USA zusammen und bat sie um komplette Überprüfung von Text und Bildern - ein ziemlich einmaliger Vorgang. Kosten und Honorare übernahm das Institut.

Zwölf Monate hat die Kommission beraten. Sie hat die drei Ausstellungsmacher Hannes Heer, Bernd Boll und Walter Manoschek angehört und etliche Osteuropa-Experten in die Archive, etwa nach Minsk und Krasnogorsk, geschickt, um die Herkunft der 1433 Bilder zu überprüfen. Am Mittwoch dieser Woche wird die Kommission ihren Bericht in Frankfurt der Öffentlichkeit vorstellen.

Für die Hamburger Ausstellungsmacher fällt er nicht schmeichelhaft aus. Zwar haben die Wissenschaftler keinen Beleg gefunden, sagt der amerikanische NS-Experte Omer Bartov, dass die vielen Besucher »vorsätzlich in die Irre geführt worden sind«. Weder hat die Kommission manipulierte Fotos entdeckt noch erfundene Dokumente aufgestöbert. Allerdings monierten akribische Rechercheure jede Menge falscher Zuordnungen für Fotos und viele handwerkliche Fehler bei den Exponaten.

Nun steht fest, dass so mancher der lange schon kursierenden Einwände gegen die Wehrmachtsausstellung, die das Institut oft mit Gegenvorwürfen weit von sich gewiesen hatte, durchaus zutrifft.

Auf einigen Fotos sind tatsächlich Opfer von Verbrechen zu sehen, die nicht, wie behauptet, die Wehrmacht beging. Dokumente wurden sinnentstellt wiedergegeben, Bildunterschriften kritiklos aus Archiven in Moskau oder Minsk übernommen, ohne dass die Ausstellungsmacher bedacht hätten, ob Stalins NKWD solche Fotos, oft aus Brieftaschen toter Soldaten entnommen, nicht für Propagandazwecke nutzen wollte. »Der angemessene Umgang mit historischen Fotos«, so das münstersche Kommissionsmitglied Hans-Ulrich Thamer, sei »auf sträfliche Weise vernachlässigt« worden.

Auch manche Thesen des Hamburger Instituts hält die Kommission für überzogen. Heer hatte die deutschen Soldaten in missverständlichen Formulierungen zu begeisterten Nazis erklärt. Von verbreiteter »Mordlust und Sadismus, Gefühlskälte und sexuellen Perversionen« der Landser war die Rede in und um die Ausstellung, die von Vorträgen, Symposien und Workshops umrankt war. Das Pauschale, die kollektiven Unterstellungen, die generalisierenden Behauptungen erweisen sich im Nachhinein als größte Schwäche der an sich verdienstvollen Ausstellung. Ihr, kritisiert Kommissionsmitglied Bartov, fehle es »vor allem an Differenzierung«.

Weit über 100 Divisionen mit insgesamt acht Millionen Soldaten kämpften im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Wie viele davon Verbrechen begingen, ist über 50 Jahre nach Kriegsende nicht annähernd geklärt. »60 bis 80 Prozent« der Soldaten hätten sich möglicherweise am Morden beteiligt, spekulierte Heer kühn bei einer Podiumsdiskussion. Bartov hält solche Zahlenspielerei für »völlig willkürlich«.

Die Wehrmachtsführung erteilte - so viel steht in der Wissenschaft fest - nicht nur auf Anweisungen Hitlers den Soldaten kriminelle Befehle, sondern machte sich das Weltbild der Nazis teilweise zu Eigen. Oft arbeiteten Wehrmacht, SS und Polizei beim Mord an Europas Juden Hand in Hand. Soldaten trieben die Opfer zusammen, sperrten das Gelände ab, stellten den Fuhrpark für den Abtransport, bewachten KZ und - auch das ist vielfach belegt - erschossen Juden unter dem Vorwand, es habe sich um Partisanen gehandelt.

In der Öffentlichkeit vertrat, neben Reemtsma, am meisten Hannes Heer die Thesen der Ausstellung. Er fühlt sich jetzt keinesfalls widerlegt und verweist darauf, dass seine Schau die Fehler vieler Historiker und Journalisten wiederholt habe. Lockerer Umgang mit Bildzuordnungen lässt sich in der Tat in Büchern und Printmedien seit Jahrzehnten nachweisen. Das hält jetzt auch die Kommission Heer in ihrem Bericht zugute.

Auch in den Archiven herrscht oft Chaos, wie die Rechercheure der Kommission in den Städten der ehemaligen Sowjetunion herausfanden. In Moskau wurden Aufnahmen aus dem Nachlass gefallener oder gefangener Wehrmachtssoldaten noch während des Weltkriegs willkürlich zugeordnet. Später gelangten manchmal Kopien, manchmal Originale der Aufnahmen nach Kiew oder Minsk, wo es jedem Bearbeiter freistand, neue Informationen, etwa auf Grund von Erinnerungen sowjetischer Veteranen, hinzuzufügen. Ein Abgleich zwischen den Archiven fand nie statt. So gibt es von den Beschriftungen vieler Fotos mehrere Varianten, gelegentlich sogar im selben Archiv.

Selbst auf die Gründlichkeit deutscher Ermittlungsbehörden ist nicht unbedingt Verlass. So hatte Heer bei der Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg Bildmappen des Landeskriminalamts Baden-Württemberg mit Gräuelfotos eingesehen. Offenbar wollten Ermittler und Staatsanwälte damit vor Gericht ihre Fälle illustrieren. Einige Fotos waren seitenverkehrt abgezogen, die Bildunterschriften meist so verfasst, wie es den Ermittlern plausibel erschien.

Es sei das Problem der Hamburger Ausstellungsmacher, so resümiert der ehemalige Präsident des Koblenzer Bundesarchivs, Friedrich P. Kahlenberg, der auch der Kommission angehört, »dass sie nicht besser waren als ihre Vorgänger«.

Mindestens genauso peinlich ist die Tatsache, dass das Institut Dokumente ausstellte, deren Echtheit in Frage steht. Da wurde etwa ausführlich aus dem Tagebuch des Gefreiten Richard Heidenreich zitiert, der von grausigen Erschießungsaktionen des 354. Infanterie-Regiments in Weißrussland berichtet. Die Erschießungen fanden statt, vom Tagebuch gibt es jedoch nur Abschriften; möglicherweise ist das Heidenreich-Diarium eine sowjetische Fälschung. »Man soll keine Quellen benutzen«, meint Kommissionssprecher Gerhard Hirschfeld, »deren Herkunft nicht geklärt ist.«

Den Ausstellungskritikern Musial und Ungváry gibt der Kommissionsbericht freilich keinen Anlass zum Triumph, denn vom Auftritt der beiden vor der Kommission waren die Wissenschaftler nicht besonders beeindruckt. Vor allem Ungvárys Belege für die Behauptung, nicht mehr als zehn Prozent aller Fotos »beweisen« Wehrmachtsverbrechen, fanden einige so dünn, dass der Verdacht aufkam, er werde durch die rechte Szene gesteuert, was Ungváry allerdings bestreitet. Ausführlich widerlegt der Kommissionsbericht seine Behauptung, das mörderische Vorgehen der Wehrmacht gegen die Partisanen sei in zahlreichen Fällen durch das Völkerrecht gedeckt gewesen.

Jan Philipp Reemtsma versucht derzeit alles, um den Nimbus seines Instituts zu retten. Seit dem Frühsommer lässt er eine Gruppe junger Historiker eine revidierte Ausstellung erarbeiten, die nicht einmal mehr den Titel der alten tragen soll.

Die Zusammenarbeit mit Hannes Heer hat der Institutschef beendet. Gegenüber der Kommission sprach er von »agitatorischem Unsinn« einzelner Thesen und dem »agitatorischen Furor« seiner Ausstellungsmacher. Dabei hatte er sämtliche Texte der Ausstellung ausdrücklich gebilligt. Ein Nachfolger für Heer ist nicht vorgesehen. Die Ausstellung ist Reemtsma nunmehr selbst unterstellt. Sein Ziel ist eine »wasserdichte« Neuauflage der alten.

Die neue Variante soll nach derzeitigem Stand zeigen, wie die Wehrmachtsgeneräle mit verbrecherischen Befehlen das Völkerrecht brachen. Fotos mit exakten Unterschriften sollen die Untaten belegen. Die alte Ausstellung dient dafür nur noch als Steinbruch. Die neue muss ohne das besonders umstrittene »Eiserne Kreuz« - eine Installation mit wuchtigen Gräuelfotos - auskommen.

Reemtsma hat seine veränderten Vorstellungen im Sommer skizziert. Vom ursprünglichen didaktischen Ansatz, den Deutschen die Legende von der »sauberen Wehrmacht« auszutreiben, rückt er ab. Stattdessen interessiert ihn, »unter welchen Bedingungen Menschen ihresgleichen umbringen«.

Paradoxerweise ist es gut möglich, dass in Zukunft zwei Wehrmachtsausstellungen zu sehen sein werden. Denn die Nutzungsrechte für die alte Schau hat Reemtsma im Sommer 1999 an einen Verein abgetreten, in dessen Vorstand auch die ehemaligen Ausstellungsmacher um Heer sitzen. Einige andere Mitglieder sind prominente Politiker mit hohem öffentlichem Ansehen wie der ehemalige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel oder Österreichs Ex-Kanzler Franz Vranitzky. Der Verein sollte ursprünglich den weiteren Verlauf der Bilderschau organisieren; Reemtsma hatte deshalb darauf gedrungen, Heer, Boll und Manoschek in den Vorstand zu berufen.

Die ehemaligen Mitarbeiter des Instituts besitzen die Möglichkeit, eine verbesserte Version der alten Bilderschau zu zeigen, die derzeit in einem Depot in Norddeutschland eingelagert ist. Die Vorwürfe und Einwände der Kommission ließen sich wohl schnell umsetzen, Heer und seine Mitarbeiter hatten bereits vor dem Abbruch der Ausstellung etliche Korrekturen vorbereitet, die nun auch die Kommission anmahnt. Die Urheberrechte für die alte Ausstellung liegen allerdings beim Reemtsma-Institut. »Da könnte es«, befürchtet der ehemalige Brigadegeneral Winfried Vogel, der ebenfalls im Vorstand des Vereins sitzt, »große juristische Schwierigkeiten geben«.

Über 20 Städte stehen auf einer Warteliste und wollen eine überarbeitete Version der »Wehrmachtsausstellung« zeigen. Sie könnten bald die Wahl haben: zwischen der neuen Instituts- und der korrigierten Vereins-Ausstellung. KLAUS WIEGREFE

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