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»Lange Haare nur beim Bund«

Der Ärger über Westdeutschlands undisziplinierte Soldaten veranlaßt Kommandeure und Heeresspitze zu immer schärferen Weisungen, in der Truppe »Durchhaltebefehle« genannt. Ein Korpsgeneral bemangelt, daß Fahnenflucht in der Bundeswehr vielfach als »Kavaliersdelikt« gewertet wird, und verlangt prompt. Bestrafung. Ein Divisionär wirft seinen Truppenoffizieren Schlappheit vor. Und die deutschen Militärpolizisten resignieren: »Es zeichnet sich deutlich ein Nachlassen der Disziplin und Ordnung ab.«
aus DER SPIEGEL 3/1972

Im »Kommandeurbrief Nr. 6« schreibt der Kommandierende General des 1. Korps, Generalleutnant Hans Hinrichs: Mit Sorge stelle ich eine weitere schwerwiegende Zunahme der Fälle von eigenmächtiger Abwesenheit und Fahnenflucht fest. Im Korpsbereich sind im ersten Halbjahr 1971 bereits 1403 Dienstvergehen dieser Art gemeldet worden. Diese Zahl erreicht fast die Gesamtzahl des Jahres 1969 (1586 Fälle).

Dieser Entwicklung müssen die militärischen Vorgesetzten mit aller Härte entgegenwirken.

Der Wehrdienst wird als aufgezwungene, ungeliebte Beschäftigung angesehen, der man -- wie dem Arbeitsplatz im Zivilieben -- aus persönlichen Gründen nach eigenem Erachten fernbleiben kann. Für eine vom Parlament bestimmte Pflicht zum Dienst für die Gemeinschaft fehlt das Verständnis.

Im Unterricht über die soldatischen Pflichten müssen in nächster Zeit vermehrt das Verwerfliche und die Folgen ... herausgestellt werden. Die Unterrichtung muß Hand in Hand gehen mit einer Intensivierung der Strafverfolgung; denn die unverzügliche und gerechte Ahndung der Tat bewirkt mehr als alle Worte. Es muß sich herumsprechen, daß man doch gefaßt wird und die Vorgesetzten auf Ausreden nicht hereinfallen.

Ein Disziplinarvorgesetzter, der ... die gebotene Strafe unterläßt, verstößt gegen die Disziplin.

Die Armee darf es nicht dulden. daß täglich Soldaten in Stärke einer Kompanie der Truppe unerlaubt fernbleiben.

Aus einem Divisionsbefehl des Kommandeurs der 1. Panzergrenadierdivision, Generalmajor Horst Hildebrandt:

Das Verhalten der Soldaten in der Öffentlichkeit gibt vermehrt Anlaß zu Beanstandungen und zwingt sowohl Polizei als auch Feldjägerstreifen immer häufiger zum Durchsetzen von Ordnungsmaßnahmen.

Das Verhalten vieler Soldaten. die Züge benutzen -- in Uniform oder auch in Zivil als Soldaten erkennbar -, führt zu ständigen Klagen der Bundesbahndienststellen und aus der Öffentlichkeit.

Das Benutzen von Hupen und Trillerpfeifen sowie Lärmen und Schreien sind auf dem Gelände der Bundesbahn aus Sicherheitsgründen verboten.

Die Feldjägerstreifen werden Soldaten, die hiergegen verstoßen, gegebenenfalls wieder zu ihren Einheiten in Marsch setzen.

Allgemein hat das Nachlassen der Disziplin ihren Grund in einer gewissen Gleichgültigkeit und Unsicherheit der Vorgesetzten hinsichtlich der noch gültigen Normen sowie der nachlassenden Fähigkeit. besonders der jüngeren Vorgesetzten, Disziplinwidrigkeiten überhaupt noch zu erkennen.

Aus einem Zusammenfassenden Bericht über den Einsatz der Feldjägertruppe, verfaßt vom Kölner Heeresamt:

Bei Einsätzen an Entlassungstagen und an Wochenenden haben die Feldjäger festgestellt, daß sich mit der Bundesbahn reisende Soldaten folgender Verstöße schuldig machten:

* Belästigungen der zivilen Reisenden unterschiedlichster und gröbster Art;

* Fahren ohne Fahrausweis;

* Hinauswerfen von Gegenständen aus den Reisewagen;

* Sachbeschädigungen aller Art (Demolierung von Speisewagen in zwei Fällen);

* Schlägereien und Körperverletzungen.

Hauptgrund für dieses Verhalten ist übermäßiger Alkoholgenuß.

Die Bahnpolizei mußte auf dem Bahnhof Hamburg-Harburg zwei angetrunkene Bundeswehrsoldaten vorläufig festnehmen. Sie hatten im D 375 das Zugbegleitpersonal tätlich angegriffen und verletzt. Außerdem durch Ziehen der Notbremse den Zug in Hamburg-Harburg zum Halten gebracht.

Feldjäger-Zugstreifen stellten in den Zügen D 137 (Hamm-Minden) und E 1647 (Hamm-Altenbeken) fest, daß Soldaten in Zivil durch erhöhten Alkoholgenuß auffielen. Sie belästigten Mitreisende und warfen Flaschen aus den Fenstern.

Auf dem Bahnhofsgelände von Lauda (bei Tauberbischofsheim) randalierten im angetrunkenen Zustand zwei Reservisten der Sicherungskompanie 5172 Hardheim. Anschließend benutzten sie den Schnellzug Lauda-Heilbronn und besetzten unberechtigt ein Abteil der 1. Klasse. Die Entrichtung des Differenzbetrages wurde verweigert. Als sie zur Feststellung der Personalien der Polizei gemeldet wurden. griffen sie den Beamten tätlich an.

in der Gesamttendenz zeichnet sich deutlich ein Nachlassen der Disziplin und Ordnung ab. Die Masse der Bevölkerung steht diesem. von einer Minderheit von Soldaten »geprägten« Bild des Soldaten verständnislos gegenüber.

Vermehrt wird der teilweise schlechte Zustand der Uniformen von Soldaten des Heeres gemeldet. Durch die Haarfülle sind vielen Soldaten die Dienstmützen zu klein geworden. Die Beschaffung von Übergrößen wird als notwendig erachtet. wenn das Ansehen dieser Soldaten in der Öffentlichkeit nicht schädigend wirken soll.

Vielfach tragen Wehrpflichtige ihre langen Haare nur so lange. wie sie beim »Bund« sind. Vor dem Ausscheiden ließen sich viele die Haare kürzen und die Bärte abnehmen, weil sie im Zivilleben nicht mehr so auftreten wollten.

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