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CHINA Lange Peitsche

Während in Peking konservative Parteiführer die Rückkehr zur zentralen Planwirtschaft fordern, blüht in der Provinz der Kapitalismus - und schuf das Wirtschaftswunder von Wenzhou. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Für den Abgesandten der Parteizentrale ist es eine Reise in die Anarchie. »In Wenzhou gibt es keine Regierung«, staunt der Funktionär aus Nordchina. Anders kann er sich nicht erklären, daß in der Küstenstadt, 350 Kilometer südlich von Schanghai, der Sozialismus offensichtlich auf dem Rückzug ist.

Hotels und Fabriken haben private Besitzer und Manager. Die Schilder über den Läden an der Xinhe-Straße verkünden ein Programm: Frisiersalon »Klein Tokio«, Miederwaren »Sternenglanz«, Möbelhaus »Neue Zeit«.

Das Experiment begann als Wildwuchs im Jahr 1980 und wurde nachträglich von der Partei als »Modell Wenzhou« gebilligt. Wie sonst nirgends in der Volksrepublik dominieren in der 530000-Einwohner-Stadt private Händler und Unternehmer. Läden und Betriebe, Schreiner und Schuster, die auf eigene Rechnung arbeiten, gibt es zwar überall in China. Aber nur in Wenzhou haben die Familienbetriebe die Staatsfirmen verdrängt.

Rund 6,3 Millionen Menschen leben in dieser Modell-Region mit dem höchsten Lebensstandard in ganz China.

Es sind nicht mehr nur Kleinstbetriebe, Nudelstände, Apotheken oder Busunternehmen, die Umsatz und Gewinn machen. Auch Kühlhäuser, Brauereien, Walzwerke, selbst Banken sind in privater Hand; 82 Prozent der 9617 Industriebetriebe werden privat oder genossenschaftlich geführt. Profit geht ihren Inhabern vor Politik.

Ideologisch ist das Experiment nicht unumstritten. Was Reformer als gelungene Verwirklichung »sozialistischer Warenwirtschaft« mit »mannigfaltigen Formen der Besitzverhältnisse« rühmen, das ist für konservative Marxisten der Anfang einer kapitalistischen Restauration.

Unbestreitbar hingegen ist der wirtschaftliche Erfolg: Zwischen 1978 und 1985 stieg der Produktionswert aus Industrie und Landwirtschaft um fast 200 Prozent. 1977 betrug das jährliche Pro-Kopf-Einkommen der Bauern 55 Jüan, heute sind es 508; ein Drittel der Landwirte verdient gar 1000 Jüan und mehr. Das Einkommen einer vierköpfigen Bauernfamilie übertrifft so leicht das Jahresgehalt eines Hochschullehrers.

Wenzhous findige Unternehmer haben die einst rückständige Stadt ohne finanzielle Zuschüsse aus Peking binnen kurzem in ein blühendes Wirtschaftszentrum verwandelt. Ob Knöpfe oder Kaninchenhaar, Kleidung oder Kunststoff - auf 147 Spezial-Märkten herrscht ohne Unterlaß lebhafte Messe-Atmosphäre. Im Stadtzentrum sind um Mitternacht noch Restaurants und Geschäfte geöffnet, in Schneidereien rattern Nähmaschinen, Sakkos werden zugeschnitten und gebügelt. Die Aussicht auf Gewinn macht ungewöhnlich fleißig.

Dabei sind die Voraussetzungen für das Wirtschaftswunder schlecht. Günstige Verkehrsverbindungen fehlen, die Landstraßen sind schmal und überlastet. Bis zum nächsten Bahnhof sind Reisebusse fast zehn Stunden unterwegs, selbst die Dampferfahrt nach Schanghai dauert 24 Stunden.

Ackerboden ist knapp, 30 Bauern teilen sich einen Hektar Land. So war es schon zu Kaisers Zeiten, als Wenzhou für seine Zinnvasen und -lampen bekannt war. Deshalb verließen viele Bauern ihre Heimat und schlugen sich als Handwerker und Händler durch. Diese

Tradition ist geblieben - nur daß die Menschen aus Wenzhou heute nicht mehr als Schreiner und Matratzenmacher auf der Walz sind. Etwa 10000 sind ständig als gewiefte An- und Verkäufer in ganz China unterwegs.

Nützlich sind zudem die Verbindungen nach Übersee, über die fast 70 Prozent der Einwohner verfügen. Denn im Ausland, in Holland, Italien und den USA, siedeln fast 200000 Emigranten aus Wenzhou. Know-how und Geld von Verwandten haben mitgeholfen, die Familienbetriebe auf die Beine zu bringen.

Wichtiger sind jedoch die Kontakte, über die Wenzhous Handelsreisende im Inland verfügen. Überall finden sie Landsleute, die beim Beschaffen von Rohstoffen oder von Importlizenzen helfen. »Die verstehen etwas vom Geschäft«, sagen anerkennend Händler aus Schanghai, die sich selbst für geborene Kaufleute halten.

Sie verstehen auch etwas vom Konsum. Statt sich an die jüngst wieder von Peking verordnete Askese ("Harter Kampf, sparsamer Aufbau") zu halten, genießen Wenzhous Bürger den neuerworbenen Wohlstand.

Für eine Hochzeit geben junge Brautpaare in der Regel 3000 Jüan aus - das entspricht dem dreifachen Jahreseinkommen eines Pekinger Arbeiters. Dafür lassen sich rund 250 Gäste beköstigen; Getränke, Obst und Knallfrösche (um böse Geister zu vertreiben) werden extra berechnet. Letzter Schrei: Gegen Aufpreis wird die tafelnde Hochzeitsgesellschaft auf Video aufgenommen.

»Für die neuen Bauern ist nichts zu teuer«, weiß Liu Huabiao, Wenzhous Experte für Landwirtschaft, »die können locker bis 60000 Jüan für ein dreistöckiges Familienhaus hinlegen.« Einige der neuen Reichen entrichteten für den Bau ihrer Anwesen bis zu 300000 Jüan. Ein märchenhafter Preis, für den es dann auch einen für China geradezu verschwenderischen Luxus gibt: Teppichboden, Zentralheizung und Klimaanlage.

Regierungskader aus Chinas Hauptstadt reagieren verblüfft: »So wohnen in Peking nicht mal Minister.«

Die Erklärung für den plötzlichen Wohlstand der einstigen Armenhäusler scheint einfach: Glaubt man den Funktionären vor Ort, so hat allein Teng Hsiao-pings pragmatischer Kurs der »Öffnung nach außen und Belebung nach innen« das Wunder herbeigezaubert. Wenzhou soll die Richtigkeit von Tengs Reformpolitik belegen.

Doch Tengs aufgeklärter Sozialismus bewirkte das Wunder wohl nicht allein. Das Startkapital für viele Kleinbetriebe kam auf wenig legalen Umwegen zusammen: »Es begann mit Schmuggel«, erzählt ein Pekinger Funktionär hinter vorgehaltener Hand.

In Wenzhou ist das ein offenes Geheimnis. Fischer aus der nationalchinesischen Inselrepublik Taiwan suchen bei Unwetter oft Schutz in den Häfen der gegenüberliegenden Küstenprovinzen Fujian und Zhejiang. Dort sind sie willkommen, denn die Volksrepublik nutzt solche Kontakte, um die »Landsleute« aus der »noch nicht befreiten Provinz« für die Idee der »Wiedervereinigung mit dem Mutterland« zu erwärmen.

Die Seeleute nutzten ihre Besuche lieber zum eigenen Profit - und brachten billige Konsumgüter unter das Volk. Als Bezahlung nahmen sie Antiquitäten, kostbare Naturmedizin oder Gold.

Die Schmuggelware aus Hongkong oder Taiwan - Kassettenrecorder, Radios, Photoapparate - brachte schnelleren Verdienst als herkömmliche Fischzüge. In 20-Liter-Kanistern lassen sich bequem Hunderte von elektronischen Armbanduhren verstauen.

An diese dunklen Gründerzeiten mögen sich Wenzhous Funktionäre heute nicht gern erinnern. Seit die Volksrepublik selbst billige Gebrauchsware produziert, haben sich Handel und Herstellung auf andere - legale - Produkte geworfen auf Kleider und Schuhe, Kosmetika und Haushaltswaren zum Beispiel.

Weil die Staatsbanken Privatfirmen nur selten Investitionskredite gewähren, pumpen sich die Jung-Unternehmer das Startgeld heute meist bei Freunden und Verwandten: Der neugegründete Betrieb funktioniert dann als »Aktiengesellschaft«. Die Gebrüder Chen, die vor drei Jahren eine Fabrik für Plastikschuhe aufzogen, haben auf diese Weise zusammen mit sechs Bekannten 20000 Jüan Anfangskapital zusammengebracht. Inzwischen ist der Umsatz auf vier Millionen gestiegen, für die Teilhaber gibt es in diesem Jahr erstmals eine üppige Dividende.

Auch Wenzhous »neue Bauern« repräsentieren einen neuen Typ von Agrarunternehmern, sie sind mehr Händler und Fabrikanten als erdverwachsene Landleute. »Die rechnen in Minuten, Zeit ist Geld«, sagt Fachmann Liu. Die wenigsten von ihnen bestellen ihren Acker noch selbst. Die Hälfte der Landwirte im Gebiet Wenzhou verdient mittlerweile ihren Lebensunterhalt in der Industrie, im Handel oder im Transportwesen. Eine Million Menschen haben ihre Scholle verlassen.

Ihre Felder haben diese Bauern verpachtet, meist an Nachbarn; die sich auf

den Anbau von Gemüse, Obst oder auf Tierhaltung spezialisiert haben. Das war anfangs nicht erlaubt, denn nach Chinas Verfassung ist der Boden Allgemeineigentum, die Bauern haben nur das Nutzungsrecht. Aber »wir haben das hier schon gemacht« schmunzelt Genosse Liu, »als das noch illegal war«.

Die Wohlhabenden betreiben Aufwand nicht nur zu Lebzeiten, der Luxus gilt auch den Toten: Rings um Wenzhou sind die Berghänge mit aufwendigen Grabanlagen übersät, gekalkt in der Trauerfarbe Weiß.

Mehr als 1000 Jüan kostet eine simple Familiengruft, besonders Vermögende leisten sich einen kompletten Ahnentempel. Dieser Brauch, sonst von der Partei als feudalistischer Aberglaube gescholten, wird in Wenzhou als »bäuerliche Tradition« entschuldigt.

Die Schattenseiten des kapitalistischen Experiments sind unübersehbar: In Wenzhou gibt es Kinderarbeit, Betrug, Korruption. Funktionäre nutzen ihre Stellung, um ihren Anteil am Wirtschaftswunder sicherzustellen. Denn die Staatsbeamten sind die Stiefkinder der Privatisierung- ihre Macht sinkt, und die Gehälter bleiben bescheiden. »Die Privatunternehmer zahlen, die Parteikader feilschen«, sagt man in Wenzhou.

Die gesellschaftliche Rangordnung steht kopf: Im klassischen China nahmen die Beamten-Gelehrten die erste Stelle ein, in der sozialistischen Volksrepublik verfügen die Parteikader über Einfluß und Macht; in Wenzhou aber gilt nur das Geld, und das haben Bauern, Unternehmer und Kaufleute.

Zum Beispiel die 20jährige Xu Tiehong. An der Fünf-Pferde-Straße betreibt sie einen Schnellimbiß für gebratene Maultaschen. Das Essen ist würzig, der Andrang groß und der Gewinn märchenhaft: Nach Abzug aller Nebenkosten - einschließlich der Gehälter für fünf angestellte Bauernmädchen - kommt Fräulein Xu auf einen Monatsverdienst von 3000 Jüan.

Daß der Boom jäh enden könnte wenn sich im Richtungskampf an der Spitze der Partei in Peking die konservativen Doktrinäre durchsetzen sollten, fürchtet sie nicht. Noch ist das »Modell Wenzhou« als Experiment bei Partei und Zentralregierung anerkannt, für politische Kampagnen bleibt den gestreßten Unternehmern keine Zeit: Vom »Kampf gegen die bourgeoise Liberalisierung« ist nichts zu sparen. Wichtig sind Produktionsziffern, nicht Parolen.

Das ersprießliche Laisser-faire in der ostchinesischen Küstenstadt konnte wohl nur gedeihen, weil die politische Zentrale so weit weg ist. Die Unabhängigkeit vom Zentralkomitee im fernen Peking umschreibt man in Wenzhou mit einem Sprichwort: »Die Peitsche ist lang, aber sie erreicht uns nicht.«

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Peking VOLKSREPUBLIK CHINA Huang He GELBES MEER Nanking Schanghai ZHEJIANG Wenzhou

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