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ANGOLA Langer Abschied

Die ersten Kubaner zogen aus Angola ab - doch Hoffnung auf Frieden gibt es kaum.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Jede Woche einmal schallt aus dem Äther im angolanischen Busch eine spanisch sprechende Stimme mit unverkennbar kubanischem Akzent. Sie kommt vom Sender »Stimme des schwarzen Hahns«, der Radiostation der regierungsfeindlichen Unita-Kämpfer, und fordert die im Lande stationierten kubanischen Soldaten auf, »den Weg in die Freiheit zu wählen«.

Bisher hatte der Appell wenig Erfolg: Seit 1975 Fidel Castro seine Soldaten zur Rettung der marxistisch orientierten Regierung nach Luanda schickte, ist nur ein einziger Soldat des kubanischen Expeditionskorps desertiert. Und der sitzt jetzt einmal wöchentlich im Unita-Hauptquartier Jamba im Süden des Landes vor dem Mikrophon. Der Mann, der nun freiwillig zurückbleibt, während seine Ex-Genossen sich anschicken, das Land zu verlassen, bleibt »aus Sicherheitsgründen« - so ein Unita-Sprecher - anonym.

Vorige Woche gingen die ersten 3000 kubanischen Soldatinnen und Soldaten an Bord von Flugzeugen und Schiffen, um nach »internationalistischem Dienst« Angola zu räumen. Angolanische Kinder schwenkten Fähnchen, die Companeros aus der Karibik fielen einander weinend vor Freude in die Arme. Angolas Präsident Jose Eduardo dos Santos sprach von »einer Geste des guten Willens« und dankte den kubanischen Genossen für ihre brüderliche Hilfe.

Der von den Vereinten Nationen beobachtete Abzug ist Teil eines regionalen Friedensabkommens, das im vergangenen Dezember von Südafrika, Angola und Kuba unterzeichnet wurde. Die Vereinbarung sieht vor, daß Südafrika fortan auf jegliche Interventionen in Angola verzichtet, seine Hilfe für die Unita-Rebellen einstellt und in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen den Unabhängigkeitsprozeß für das benachbarte Namibia einleiten soll. Die Heimkehr der Kubaner wird freilich ein langer Abschied: Erst nach 27 Monaten soll der letzte der etwa 50 000 »barbudos« (Bärtigen) das vom Krieg zerrüttete Angola geräumt haben.

Mit Castros Soldaten kehren nach 13 Jahren Krieg auch die ersten Toten heim. Damit löst Kubas Verteidigungsminister Raul Castro ein Versprechen ein, mit dem endgültigen Abzug auch die Gefallenen zu überführen. Bisher wurden die Opfer zum Leidwesen ihrer Familien auf einem Sonderfriedhof der Kubaner in der angolanischen Hauptstadt Luanda begraben, fern der Heimat und für Besucher nicht zugänglich. Über die genaue Zahl der Toten schweigt Havanna. Politbüromitglied Jorge Risquet Valdes gab eine Zahl von »etwas weniger als 1000« an, Unita und CIA sprechen von 10 000.

Ähnlich wie in Afghanistan bedeutet der stufenweise Truppenrückzug aus Angola - die südafrikanischen Interventionsstreitkräfte haben das Land bereits geräumt - noch lange nicht Frieden im Land. Die Unita ("Der Abzug ist eine Farce") hat angekündigt, sie werde ihren Kampf fortsetzen, bis die Regierung in Luanda zu direkten Verhandlungen über eine Machtbeteiligung bereit ist. In der Provinz ZaIre im äußersten Norden des Landes zerbombten die Buschkrieger eine Ölanlage, und bei Cambulo in der Provinz Lunda Norte legten sie eine Diamantenmine lahm.

Bisher lehnt es die angolanische Regierung strikt ab, sich mit den Rebellen an einen Tisch zu setzen. Massaker an der Zivilbevölkerung und die enge Zusammenarbeit mit dem verhaßten Südafrika haben die Organisation diskreditiert. Die etwas sanfteren Töne, die Luanda in der letzten Zeit anschlägt - Anfang Januar wurde ein Amnestie-Gesetz für Unita-Kämpfer verabschiedet -, sind auf den Druck der USA zurückzuführen. Der amerikanische Konzern Chevron beutet vor Cabinda zusammen mit Angolas Staatsfirma Ölvorkommen aus. 90 Prozent der Deviseneinnahmen des ökonomisch total zerrütteten Landes stammen aus dem Ölexport.

Unita-Chef Jonas Savimbi, der von Reagan im Weißen Haus empfangen wurde, kann sich auch der Sympathie des neuen Präsidenten sicher sein. George Bush hat bereits erklärt, daß er die angolanische Rebellenbewegung weiter unterstützen werde. Seit 1985 kassiert die Unita jährlich 15 Millionen Dollar aus Washington.

Noch viel umfangreicher ist allerdings die verdeckte Hilfe, die in Form von Waffen (zum Beispiel Boden-Luft-Raketen vom Typ Stinger) fließt. Die Waffen für den Buschkrieg werden zum großen Teil über das von Washington gepäppelte Nachbarland ZaIre in die Volksrepublik Angola geschleust.

Umschlagbasis ist der Luftwaffenstützpunkt Kamina in ZaIres Shaba-Provinz, dem früheren Katanga. Die »New York Times« zitierte aus geheimen Berichten zaIrischer Agenten an ihren Präsidenten Mobutu Sese Seko: Der Nachschub für die Unita wird vom US-Geheimdienst organisiert, von einem »weißen CIA-Offizier im Rang eines Majors geleitet« und steht unter der Oberaufsicht von Clair E. George, dem stellvertretenden Leiter der CIA-Einsatzabteilung.

In gemeinsamen Manövern der US-Armee mit den Streitkräften ZaIres ("Flintlock 87« und »Flintlock 88") wurden nebenbei ein paar hundert Unita-Guerrilleros gedrillt. Die Regierung in Luanda veröffentlichte eine Liste mit sechs angeblichen Ausbildungslagern der Savimbi-Partisanen in ZaIre.

ZaIre hat alle Anschuldigungen zurückgewiesen. Im vergangenen Jahr haben jedoch die Unita-Aktivitäten gerade in jenen Teilen Angolas deutlich zugenommen, die an ZaIre grenzen, während der Süden des Landes, bisher Hauptbasis Savimbis, mit dem Rückzug der südafrikanischen Soldaten ruhiger wurde. Südafrikas Präsident Pieter W. Botha hatte mit ZaIres Staatschef Mobutu beim Treffen am 1. Oktober über eine Arbeitsteilung in Sachen Unita-Unterstützung beraten.

Neben den weißen Freunden in USA und Südafrika und dem schwarzen Gönner in ZaIre kann sich die Rebellentruppe des Jonas Savimbi auch noch auf andere afrikanische Helfer verlassen: die Elfenbeinküste zum Beispiel. Bei seinen zahlreichen Auslandsreisen benutzt der Unita-Chef einen Diplomatenpaß der Elfenbeinküste. Der persönlichen Intervention von Präsident Houphouet-Boigny war es auch zu verdanken, daß zwei hochrangige kubanische Piloten, Oberleutnant Manuel Rojas GarcIas und Kapitän Ramon Kassada Aguilar, die von Savimbis Partisanen gefangengenommen worden waren, im Herbst 1988 freigelassen wurden.

In einem Krankenhaus auf Kuba wartet der burische Feldwebel Johan Papenfus auf seine Freiheit. Er war im Frühjahr 1988 bei der Schlacht um Cuito Cuanavale von den Kubanern schwer verwundet gefangengenommen und nach Kuba geflogen worden. Die Südafrikaner boten zum Austausch einen angolanischen MiG-21-Piloten an. Aber Fidel Castro persönlich hat etwas anderes mit dem südafrikanischen Gefangenen vor: Er lud die Eltern von Papenfus zu einem Besuch ihres Sohnes nach Kuba ein. Castro: »Damit sie mal ein Land ohne Rassismus sehen.«

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